Ausgegraben

Geschichte der Braukunst Bier? Frauensache!

Cornelia Zühlsdorff/ TLDA

Durch einen Zufall entdeckten Archäologen im Erfurter Ursulinenkloster eine der ältesten Brauereien Deutschlands. Die Braukunst der Nonnen zeigt: Bierherstellung war lange Zeit Frauensache.

Dort, wo im Mittelalter ein Wirtschaftsgebäude stand, legten die Archäologen im vergangenen Monat gleich mehrere Öfen frei. Wozu aber hatten die Nonnen so viele Öfen gebraucht? Die Antwort lieferte eine dicke Schicht verkohlter Gerste, die den Boden eines der Öfen bedeckte. Vermutlich ließ eine unachtsame Nonne die Gerste anbrennen, als sie diese eigentlich darren, also trocknen, sollte. Das Missgeschick der Nonne war ein Glücksfall für die Archäologen - sie waren auf die Reste einer Brauerei gestoßen.

Seit wann genau im Ursulinenkloster Bier gebraut wurde, können die Mitarbeiter des Thüringischen Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie noch nicht sagen. Wohl aber, wie viel: Für das Jahr 1516 listet die Jahresabrechnung des Klosters sieben Brauvorgänge. Dafür kauften die Nonnen 37 Malter Gerste ein - 1 Malter entspricht einem Volumen von rund 100 Litern. Von einer Mikrobrauerei kann hier also keineswegs die Rede sein.

Dass Frauen Bier brauen, waren in weiten Teilen der Geschichte keine Ausnahme, sondern die Regel. Deutschlands wohl berühmteste Bierbrauerin ist Katharina von Bora, die Ehefrau Martin Luthers. Sie besserte die Haushaltskasse des Reformators mit ihrer Braukunst auf.

Auch in den antiken Religionen waren oftmals Frauen Hüterinnen des Bieres. Um 1800 vor Christus notierte ein Schreiber auf einer Tontafel im sumerischen Ur, südlich der heutigen Stadt Bagdad, eine Hymne an Ninkasi, die Göttin der Bierbrauer. Die Lobpreisung enthält das älteste Rezept der Welt für Bier: Man nehme geröstetes Getreide, gebe es mit Wasser in ein Gefäß - und lasse es vor sich hin fermentieren.

Diese einfache Methode funktioniert fast immer, denn die Luft ist voller natürlicher Hefen, die sich auf der Oberfläche absetzen und den Gärprozess in Gang setzen. Von einem abschließenden Filtern steht nichts in der Ninkasi-Hymne. Man griff einfach zu Strohhalmen und saugte das Bier aus dem Topf.

Die Babylonier kannten wenig später bereits 20 verschiedene Biersorten. Hier waren Frauen offenbar für den Ausschank verantwortlich, denn in ihrem Gesetzestext, dem "Codex Hammurabi", legten die Babylonier explizit fest, wie mit Frauen umzugehen sei, die Bier nicht korrekt ausschenkten: "Eine Wirtin, die sich ihr Bier nicht in Gerste, sondern in Silber bezahlen lässt oder die minderwertiges Bier ausschenkt, wird ertränkt."

Tannenzapfen und Bärenspucke

Im finnischen Nationalepos Kalevala ist eine Frau für die Erfindung des Gerstensaftes verantwortlich: Nach diversen Versuchen mit Tannenzapfen und Bärenspucke gelingt es der Jungfrau Osmotar, Gerste, Hopfen und Wasser mit Hilfe von wildem Honig zum Gären zu bringen. Die Erfindung des Bieres nimmt übrigens mehr Zeilen ein als die Entstehungsgeschichte der Menschheit.

Wann nicht die Götter, sondern die Menschen das Bier entdeckten, ist nicht überliefert. Sicher ist nur: sehr früh. Bereits vor etwa 9000 Jahren gaben schon Menschen in dem neolithischen Dorf Jiahu in der chinesischen Provinz Henan einem ihrer Toten ein fermentiertes Getränk aus Reis, Honig und Früchten mit ins Grab.

Der Molekulararchäologe Patrick McGovern vom Museum of Archaeology and Anthropology der University of Pennsylvania machte sich gemeinsam mit der US-amerikanischen Brauerei Dogfish Head daran, dieses Bier wieder auferstehen zu lassen - das Ergebnis namens Chateau Jiahu ist erstaunlich lecker.

Den ältesten Nachweis von Gerstenbier fanden Archäologen in einem 5000 Jahre alten Krug am Godin Tepe in den iranischen Zagros-Bergen. An dessen Wänden klebte Bierstein, eine kalkhaltige Ablagerung, die beim Brauvorgang entsteht.

Uralte bayerische Braukunst

So frühe Belege fehlen aus Deutschland bislang noch, was aber wohl weniger einer etwaigen Abstinenz unserer Vorfahren geschuldet ist als den schlechten Erhaltungsbedingungen für Keramik im feuchten, deutschen Erdboden. Die älteste deutsche Brauerei, die noch heute in Betrieb ist, steht in Weihenstephan. Das örtliche Benediktinerkloster bekam bereits 1040 das Braurecht von der Stadt Freising zugesprochen, heute bildet die Technische Universität München dort ihre angehenden Braumeister aus.

Zu der Zeit, als im Thüringer Ursulinenkloster eine unachtsame Nonne die Gerste in einem ihrer Öfen verbrennen ließ, kam der Bierkonsum in Deutschland gerade so richtig in Schwung. Für das weiter nordwestlich gelegene Hamburg ist dies genau belegt. Während der jährliche Bierkonsum pro Hamburger Bürger im 15. Jahrhundert noch bei 300 Litern lag, stieg er bis zum 17. Jahrhundert auf 700 Liter pro Kopf an. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr trank jeder Deutsche im Schnitt nur noch 106,9 Liter Bier. Wer mehr über den Arbeitsplatz der bierbrauenden Nonnen lernen möchte, kann sich die Funde aus dem Ursulinenkloster im Stadtmuseum Erfurt anschauen.

Bier-Quiz



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21 Leserkommentare
u-bahner 06.10.2015
hdudeck 06.10.2015
Sibylle1969 06.10.2015
hotrob 06.10.2015
mistarich 06.10.2015
shopper34 06.10.2015
bruno bär 06.10.2015
Tiananmen 07.10.2015
Tiananmen 07.10.2015
h.biedermann 07.10.2015
mr.mauve 07.10.2015
derblaueplanet 08.10.2015
Tiananmen 08.10.2015
niska 08.10.2015
Discordius 09.10.2015
Tiananmen 09.10.2015
derblaueplanet 09.10.2015
Tiananmen 09.10.2015
derblaueplanet 09.10.2015
Tiananmen 10.10.2015
gerd.leineune 11.10.2015

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