Bilder auf der Netzhaut Der letzte Blick

Der letzte Atemzug, der letzte Blick. Was sieht ein Mensch, kurz bevor er stirbt? Die Optografie, die Fixierung der Netzhaut nach dem Tod, sollte einst Verbrecher überführen und Bilder aus dem Grenzraum zwischen Leben und Tod liefern. Eine Heidelberger Ausstellung zeigt: Der Mythos lebt weiter.

Alexandridis

Das Auge als biologische Kamera: Eine Idee, die im 19. Jahrhundert den Forschergeist beflügelte - und morbiden Gerüchten einen Nährboden bot. Man hoffte, im Auge eines Toten, ein Abbild seines letzten Blicks finden zu können. Ein Optogramm eben. Ansatzweise funktionierte das sogar.

In der Optografie versucht man, jenen letzten Blick vor dem Ableben zu fixieren. Für den englischen Künstler Derek Ogbourne ist das Thema schon seit mehr als zehn Jahren eine Quelle der Inspiration. Zur Zeit stellt er seine Arbeiten als "Museum of Optography" im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg aus - eine faszinierende Mischung aus Kunst und Wissenschaft, Fakten und Fiktion. Die Materie eignet sich bestens dafür.

Ein Optogramm sei immer vage, sagt Ogbourne. "Es verlässt sich auf die Imagination." Und bietet so Spielraum für die Phantasie.

Rhodopsin heißt der Stoff, aus dem die optografischen Träume sind. Es ist das lichtempfindliche Pigment in den Sehzellen der Retina, der Netzhaut. Die Substanz besteht aus komplexen Molekülen, die unter Einfluss von Lichtenergie in ihre farblosen Komponenten Opsin und Retinal zerfallen. Diese Reaktion erzeugt einen Sinnesreiz. Der Zellstoffwechsel fügt die Teile anschließend wieder zusammen, der Prozess kann erneut starten.

Entdeckt wurde das "Sehpurpur" 1876 von dem in Rom lehrenden deutschen Professor Franz Boll. Der Anatom untersuchte damals Froschaugen und stellte verblüfft fest, dass die Netzhaut kurz nach dem Tod der Tiere rötlich-purpurn gefärbt ist und nach 40 bis 60 Sekunden ausbleicht, wenn die Frösche zuvor im Dunkeln gehalten wurden. Boll beschrieb seine Entdeckung in einem Wissenschaftsjournal und weckte so das Interesse des Heidelberger Physiologen Wilhelm Kühne. Auch er experimentierte zuerst mit Fröschen, wechselte aber bald zu Kaninchen und erkannte auf deren Netzhaut winzige quadratische Abbildungen seines Laborfensters. Der berühmte Chemiker Robert Bunsen war Zeuge - die Optografie war geboren.

Das erste Optogramm stammt aus dem Auge eines Guillotinierten

Kühne erwies sich als besonders ehrgeiziger Erforscher optografischer Möglichkeiten. Ein tragischer Mordfall bot dem Gelehrten 1880 die Gelegenheit, seine Erkenntnisse an einem Menschen zu testen. Im Gefängnis zu Bruchsal sollte am 16. November der 31-jährige Erhard Reif mit der Guillotine hingerichtet werden. Der Witwer hatte seine beiden Kinder im Altrhein ertränkt. Anscheinend war er so arm, dass er sie nicht mehr ernähren konnte. Mitsamt einem mobilen Labor reiste Kühne aus Heidelberg an, richtete sich in einem dunklen Raum des Gebäudes ein - und traf letzte Vorbereitungen.

Kurz nach Tagesanbruch fiel das Fallbeil. Reifs Kopf wurde laut Kühnes Bericht "unterhalb der Medulla oblongata" abgetrennt, schon drei Minuten später "waren am Körper keine Reflexe mehr zu erzeugen". Beim Sezieren des linken Auges des Hingerichteten gab es im Gewebe gleichwohl noch störende Zuckungen. Doch Kühne fand, was er suchte: Die Netzhaut des Toten zeigte deutlich ein drei bis vier Millimeter langes, farbloses Optogramm, umgeben von einer hellrosa Retina-Oberfläche. "An dem trüben Herbstmorgen blieb das Bild etwa fünf Minuten sichtbar", schrieb der Wissenschaftler. So etwas zu fotografieren war damals technisch noch nicht möglich, deshalb zeichnete er das Optogramm nach. Was es jedoch darstellte, konnte man trotz intensiver Suche im Exekutionsumfeld nicht herausfinden. Und Spekulationen mochte sich der Physiologe wohl nicht hingeben.

Bei anderen Menschen dagegen ließ das Thema Optografie die Phantasie aufblühen. Allerdings nicht erst seit Kühnes Studien. Der britische Fotografie-Pionier William Warner berichtete bereits Anfang der 1860er Jahre von einer seltsamen Beobachtung. Eines seiner Bilder zeigte das Auge eines toten Kalbs. Darin sah Warner nach eigenem Bekunden ein Linienmuster: die Fliesen auf dem Boden des Schlachthauses. Der Fotograf klopfte bei Scotland Yard in London an und schlug vor, zukünftig die Augen von Mordopfern abzulichten, um so vielleicht deren Meuchler erkennen zu können. Man versuchte es - absolut erfolglos.

Netzhautbilder von Ermordeten

Trotzdem geisterten bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder Geschichten über angeblich mittels Optografie überführte Mörder durch die europäische Presse. Zwar erwiesen sie sich als reine Gerüchte. Es heißt jedoch, die Technik habe zumindest in einem Fall indirekt für die Aufklärung eines Kapitalverbrechens gesorgt, sagt Kristina Hoge, Kuratorin der Heidelberger Ausstellung: Bei der Untersuchung eines achtfachen Mordes 1924 in Haiger bei Gießen hätten die Ermittler den Verdächtigen erzählt, sie ließen Netzhautbilder der Toten erstellen. "Der Täter glaubte offenbar daran, dass es funktionierte, und gestand", sagt Hoge.

1975 blühte der Mythos Optografie noch einmal auf. Der Ophthalmologe Evangelos Alexandridis und seine Kollegen an der Heidelberger Universitätsaugenklinik erhielten einen Brief mit einer überraschenden Anfrage: Ob es vielleicht unter bestimmten Bedingungen doch möglich sein könnte, mittels der Netzhaut eines Mordopfers ein Optogramm zu erstellen? Der Absender des Schreibens, ein Kriminalist, hatte offensichtlich Wind bekommen von den wilden Geschichten aus früheren Zeiten. Alexandridis machte sich zusammen mit Student Thomas Klothmann an die Arbeit. Im Prinzip wiederholten sie Kühnes Kaninchenversuche. Die Tiere wurden narkotisiert und vor einer Leinwand fixiert. Darauf projizierten die Forscher unterschiedliche Dias. Mindestens zwei Minuten lang starrten die benebelten Langohren diese Bilder an, danach wurde es für sie für immer dunkel.

Alexandridis und Klothmann legten die präparierten Kaninchenaugen 24 Stunden lang in einer Kalium-Alaun-Lösung ein, spülten sie danach mit Kochsalz, nahmen die Netzhaut heraus, und zogen sie auf weiße Porzellankugeln auf. Das Ergebnis: Tatsächlich zeigten die so entstandenen Optogramme, was die Kaninchen als letztes in ihrem Leben gesehen hatten - die Zahl 75, ein Schachbrettmuster, und sogar das Gesicht des schnurrbarttragenden Künstlers Salvador Dalí, grob nachgezeichnet von Alexandridis.

Nur die Netzhaut von Geköpften könnte ihren eigenen Mörder verraten

Der Versuch war gelungen, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht. Den Kriminalisten mussten die Ophthalmologen jedoch enttäuschen. Die Belichtungszeiten waren zu lange, die erforderliche Lichtintensität zu hoch, und die Optogramme zu kurzlebig. Ein Opfer müsste seinen Mörder in einem hellbeleuchteten Raum aus der Nähe anstarren, und nur wenn der Täter sofort die Blutzufuhr komplett unterbricht - den Anderen also köpft - und gleich das Licht ausmacht, hätte die Polizei zumindest theoretisch die Chance, auf der Netzhaut des Getöteten etwas erkennen zu können. Vorausgesetzt natürlich, sie findet die Leiche nur eine Viertelstunde nach der Tat.

Für Derek Ogbourne tun die harten Fakten dem gruseligen Zauber der Optografie keinen Abbruch. Es geht ihm um den Mythos, seine Ausstellung soll "den Zweifel fortführen". "Wir wollen, dass es funktioniert", sagt der Künstler. Er nennt das Romantizismus. Was mag das Optogramm von Erhard Reifs linkem Auge gezeigt haben, auf was fiel sein letzter Blick? Ogbourne war in Bruchsal und hat sich im umgebauten alten Gefängnisgebäude umgesehen. Er fand nicht die geringste Spur. "Vielleicht war es nur ein Lichtfleck auf dem Boden." Vergänglich wie das Leben selbst.

Die Ausstellung "Der letzte Blick" ist noch bis 5. September 2010 im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg zu sehen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Marshmallowmann 13.07.2010
1.
Erinnert mich bisschen an the SixtDay und Minority Report. Aber wer weiss was die Leute in 100 Jahren damit anfangen können? Garantiert mehr als heute.
Boone 13.07.2010
2. Sehen
Kein Mensch hat je etwas mit seinen Augen gesehen. Was wir als Sehen bezeichnen ist ein Lichtstrahl, der auf die Netzhaut trifft und der in ein elektrisches Signal umgewandelt wird aus dem anschliessend im Bewusstsein des Menschen ein Bild entsteht. Was er dabei allerdings tatsächlich sieht bzw wahrnimmt, ist nur ihm selbst offenbar und wird allen anderen auf ewig ein Geheimnis bleiben. Also selbst, wenn es möglich wäre die letzten Bilder auf der Netzhaut wie einen Fotofilm auszulesen wüsste man immer noch nichts darüber, was der Mensch tatsächlich gesehen hat, sondern nur, welche Lichtsignale auf seine Netzhaut trafen.
peterbruells 13.07.2010
3. Wenn ein Kaninchen umfällt und keiner sieht hin…
Zitat von BooneKein Mensch hat je etwas mit seinen Augen gesehen. Was wir als Sehen bezeichnen ist ein Lichtstrahl, der auf die Netzhaut trifft und der in ein elektrisches Signal umgewandelt wird aus dem anschliessend im Bewusstsein des Menschen ein Bild entsteht. Was er dabei allerdings tatsächlich sieht bzw wahrnimmt, ist nur ihm selbst offenbar und wird allen anderen auf ewig ein Geheimnis bleiben. Also selbst, wenn es möglich wäre die letzten Bilder auf der Netzhaut wie einen Fotofilm auszulesen wüsste man immer noch nichts darüber, was der Mensch tatsächlich gesehen hat, sondern nur, welche Lichtsignale auf seine Netzhaut trafen.
Was - welche Wunder - in etwa eine Fotografie wäre, also genau das, was man in diesem Fall gerne hätte.
Zero Thrust 13.07.2010
4. re
Zitat von BooneKein Mensch hat je etwas mit seinen Augen gesehen. Was wir als Sehen bezeichnen ist ein Lichtstrahl, der auf die Netzhaut trifft und der in ein elektrisches Signal umgewandelt wird aus dem anschliessend im Bewusstsein des Menschen ein Bild entsteht. Was er dabei allerdings tatsächlich sieht bzw wahrnimmt, ist nur ihm selbst offenbar und wird allen anderen auf ewig ein Geheimnis bleiben. Also selbst, wenn es möglich wäre die letzten Bilder auf der Netzhaut wie einen Fotofilm auszulesen wüsste man immer noch nichts darüber, was der Mensch tatsächlich gesehen hat, sondern nur, welche Lichtsignale auf seine Netzhaut trafen.
Very good. Irgendwie wirkt der ganze Artikel/Hintergrund auf mich so'n bisschen "fringy" und hinterlässt insgesamt einen unangenehmen Nachgeschmack. Das, was dort dereinst in etwa in Heidelberg gemacht worden sein soll, mutet an, wie grauenhaftester Szientismus - jedenfalls bezogen darauf, was man sich selbst auf Grundlage dieser "Experimente" offenbar versprochen hat. Karnickel Bildchen gezeigt; Karnickel abgetötet; Karnickelauge seziert; Karnickelauge begutachtet; Bildchen sichtbar auf Karnickelauge - JA WAHNSINN! Was "Wissenschaft" alles kann. Zum Glück zwingt mich keiner, dergleichen als Wissenschaft zu bezeichnen(, oder?) Am Dämlichsten aber das hier: "Der letzte Atemzug, der letzte Blick. Was sieht ein Mensch, kurz bevor er stirbt?" Nun, sicherlich nicht das, was sich in *dem* Moment auf der Netzhaut befindet - und das schon gar nicht, wenn er/sie nun eben nicht gerade erschossen wird (Kopf, Herz) und auf der Stelle tot ist. Ansonsten halte ich es doch für "ein wenig" wahrscheinlicher, dass, wenn man überhaupt etwas sieht, sich dies vor dem "inneren Auge" abspielt, ohne jedwige externe Reize (oder zumindest keine optischen) - und - der "letzte Atemzug" (wenn nicht gerade in einer Situation, wie der mit dem schlagartig "totgeschossen werden") markiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit *nicht* den Moment des "letzten Blickes". Der Hirntod, wie man ich auch immer genau definiert, respektive das Abreißen des subjektiven Bewusstseinsstromes, setzt in der Regel ja wohl erst einige Zeit nach einem vorauszugehenden Atemstillstand ein. Der Artikel stört mich. Gewaltig.
Transmitter, 13.07.2010
5. Realität ist kreativitätsschädigend!
Zitat von BooneKein Mensch hat je etwas mit seinen Augen gesehen. Was wir als Sehen bezeichnen ist ein Lichtstrahl, der auf die Netzhaut trifft und der in ein elektrisches Signal umgewandelt wird aus dem anschliessend im Bewusstsein des Menschen ein Bild entsteht. Was er dabei allerdings tatsächlich sieht bzw wahrnimmt, ist nur ihm selbst offenbar und wird allen anderen auf ewig ein Geheimnis bleiben. Also selbst, wenn es möglich wäre die letzten Bilder auf der Netzhaut wie einen Fotofilm auszulesen wüsste man immer noch nichts darüber, was der Mensch tatsächlich gesehen hat, sondern nur, welche Lichtsignale auf seine Netzhaut trafen.
Sie habe zwar recht. Aber so sachlich-nüchtern, realitätsfanatisch eine an sich doch schöne Idee vernichten? Warum spekulieren Sie nicht ein wenig mit? Macht doch Spass. Sind Sie Physiker?
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