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10. Februar 2005, 11:41 Uhr

Bilder der Zerstörung

Dresdens Apokalypse

Von und

Vor 60 Jahren wurde Dresden von alliierten Bombern eingeäschert. SPIEGEL ONLINE zeigt bisher unveröffentlichte Luftbilder der Stadt nach dem letzten Angriff des Krieges. Die unvorstellbare Zerstörung wurde allein möglich durch eine wissenschaftlich ausgeklügelte Methode der Brandlegung: den Feuersturm.

Es war ein Zufall, der die britischen Militärs auf die Idee für die Angriffsmethode brachte, die in ihrer Vernichtungskraft nur von der Atombombe übertroffen wurde. Bei Luftangriffen hatte sich Erstaunliches gezeigt: Kleine Brandstäbe, die eigentlich Bombenziele ausleuchten sollten, können unter den passenden Bedingungen eine viel größere Zerstörungskraft entfalten als die schwersten damals verfügbaren Sprengbomben.



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Um den Zufallsfund in ein effizientes Mittel der Kriegsführung zu verwandeln, führten Briten und Amerikaner aufwendige Experimente durch. Am Ende besaßen sie ein Werkzeug, das in Städten wie Hamburg und Dresden mehrere zehntausend Menschen auf einen Schlag töten konnte.

Die Aerial Reconnaissance Archives an der englischen Keele University haben SPIEGEL ONLINE bisher unveröffentlichte Luftbilder zur Verfügung gestellt, die das völlig zerstörte Dresden am 18. April 1945 zeigen. Einen Tag zuvor hatte die US-Luftwaffe den letzten großen Angriff auf die Stadt geflogen. Die Fotos gehören zu einer Sammlung, die das britische Verteidigungsministerium der Universität in den vergangenen sechs Monaten zur Verfügung stellte. "Wir werden in den kommenden Monaten sechs Millionen Bilder auswerten", sagt Allan Willians, Chef der Digitalisierung bei den Archiven.


Das Stadion ist als Oval in der Mitte der Luftaufnahme ist deutlich zu erkennen. Rechts neben dem Stadion liegt der Große Garten. Dorthin flüchteten viele der verzweifelten Menschen. Im unteren linken Bereich ist der Dresdner Hauptbahnhof zu sehen  Erst die letzten Bombenangriffe auf die Elbmetropole führten die Alliierten Mitte April 1945 zum gewünschten Ziel: Die Gleisverbindungen wurden endgültig zerstört. Nach den Bombardierungen im Februar war es zunächst noch gelungen, das Schienenwerk notdürftig so zu flicken, dass Truppentransporte ebenso rollen konnten wie die Züge zum KZ Theresienstadt. Auf dem Bild ist auf der rechten Seite der Hauptbahnhof zu erkennen  Blick auf die Dresdner Neustadt: Als zentrales städtebauliches Merkmal ist der Albertplatz - das kreisrunde Objekt in der Mitte der Luftaufnahme - zu erkennen. Der Platz war einer der Verkehrsknotenpunkte. Links darüber liegt der Bahnhof Neustadt. Deutlich zu sehen sind die Bombeneinschläge auf den Schienensträngen, die zur oberen, rechten Ecke - nach Nordosten - führen. Unten links in der Ecke liegen die Ruinen des Zwinger, der Semperoper und der Frauenkirche unter Wolken versteckt. Ob es sich dabei um Rauchwolken vom Angriff handelt, oder um gewöhnliche Wolken, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden

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Der Untergang Dresdens stand am Ende einer Reihe von Versuchen und Bombardements, bei denen das tödliche System Feuersturm immer weiter verfeinert wurde. Sowohl die Briten als auch die Amerikaner bauten deutsche Häuser und ganze Siedlungen inklusive einer möglichst detailgetreuen Inneneinrichtung nach, um die Brennbarkeit der Behausungen so realistisch wie möglich zu gestalten.

Star-Architekt kopierte deutsche Häuser

Die US-Regierung beauftragte eigens den aus Deutschland emigrierten Architekten Erich Mendelsohn, Kopien von Berliner Mietskasernen aufzubauen. Mendelsohn, zu seinen Zeiten einer der weltweit Größten seines Fachs, ließ im Mai 1943 auf dem geheimen Dugway Proving Ground in der Wüste von Utah verblüffend genaue Duplikate der deutschen Häuser errichten - bis hin zur spezifischen Dichte des Bauholzes und originalgetreuen Stoffen für Gardinen und Bettwäsche.

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Die Briten hatten ihre Feuerwaffe zuvor bereits in der Praxis getestet. In der Nacht zum 29. März 1942 setzten 234 Bomber mit 25.000 Brandstäben die militärisch bedeutungslose Altstadt von Lübeck in Brand und töteten mehr als 300 Menschen. Arthur Harris, Chef des britischen Bomberkommandos, hatte Lübeck mit seinem verschachtelten historischen Stadtkern als ideales Ziel ausgemacht. "Eher wie ein Feueranzünder denn als menschliche Behausung" sei die Stadt gebaut.

Im Laufe der Versuche und Bombenangriffe entwickelten die Briten eine raffinierte Kombination unterschiedlicher Waffen, die den Feuersturm entfachen sollte:



Trotz aller Experimente erwies sich die Entfesselung des Feuersturms als komplizierter Akt. Bereits im November 1941 hatte Luftmarschall Harris unter dem Deckwort "Unison" (Gleichklang) 19 deutsche Städte auf ihre Entflammbarkeit prüfen lassen. In Hamburg, Wuppertal, Pforzheim, Kassel und einem Dutzend anderer Städte gelang den Briten der Feuersturm, im weitläufiger gebauten Berlin mit seinen weitgehend steinernen Bauten blieb er dagegen aus.

1100 Bomber ließen Dresden untergehen

In Dresden erreichte der Brandbombenkrieg seinen letzten Höhepunkt. 770 britische Lancaster-Bomber und 330 amerikanische "Fliegende Festungen" vom Typ B-17 warfen mehr als 3100 Tonnen Luftminen, Spreng- und Brandbomben auf die Stadt, die mit Zehntausenden Flüchtlingen aus Ostdeutschland überfüllt war. Bis zu 35.000 Menschen starben während des Angriffs am 13. und 14. Februar 1945. Genauere Schätzungen sind schwierig: Da die Beerdigung aller Toten unmöglich war, errichteten Bergungskommandos Scheiterhaufen.

Für Dresden war der Krieg damit noch nicht vorbei. Am 17. April 1945 begann kurz vor 13 Uhr der größte amerikanische Luftangriff auf die geschundene Stadt. Allerdings galt die Attacke diesmal nicht der Zivilbevölkerung, sondern den Gleisanlagen. Die Amerikaner warfen innerhalb von 84 Minuten mehr als 1500 Tonnen Sprengbomben und die vergleichsweise geringe Menge von 164 Brandbomben ab.

Am Ende waren sowohl der Rangierbahnhof Neustadt als auch der Altstädter, der Haupt- und der Friedrichstädter Bahnhof zerstört. Erst mit diesem Angriff, bei dem noch einmal 450 Menschen starben, hatten die Alliierten ihr schon vor dem Feuersturm vom Februar anvisiertes Ziel erreicht: Dresden war als Knotenpunkt des Eisenbahnverkehrs nicht mehr brauchbar.



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