Hirnforschung Zweisprachigkeit trainiert das Gehör

Mehrsprachig aufzuwachsen schult anscheinend auch die Fähigkeit, Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden. Bei einem entsprechenden Test hängten bilinguale Jugendliche ihre einsprachig erzogenen Altersgenossen locker ab.

Deutsch-chinesische Kita in Berlin (Bild von 2009): Bilinguale schulen früh ihr Gehör
DPA

Deutsch-chinesische Kita in Berlin (Bild von 2009): Bilinguale schulen früh ihr Gehör


Wer als Kind zwei Sprachen lernt, kann sich nicht nur vielseitiger verständigen, sondern verbessert auch sein Gehör: Zweisprachigen Menschen fällt es laut einer aktuellen Studie leichter, eine Silbe von Störgeräuschen zu unterscheiden. Bilinguale Teenager konnten im Experiment die einfache, keiner bestimmten Sprache zugeordnete Silbe "da" aus einem Gewirr von Musik und Stimmen besser heraushören als Gleichaltrige, die nur eine Sprache beherrschten.

Diese Fähigkeit gehe über die bisher bekannten Effekte der Bilinguität hinaus: Sie basiere auf einer effektiveren Verarbeitung von Lauten im Hirnstamm, dem primitivsten Hirnteil, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Bisher kannte man solche tief greifenden Anpassungen der Hörfähigkeit nur von Profimusikern.

"Zweisprachige Menschen sind natürliche Jongleure", sagt Studienleiterin Nina Kraus von der Northwestern University in Evanston. Ihr Gehirn arbeite ständig mit verschiedenen sprachlichen Reizen. Die Herausforderung, von Kindheit an zwei Sprachen erkennen und unterscheiden zu müssen, mache das Gehirn offenbar aufmerksamer für alle sprachtypischen Reize. "Die Bilingualität fördert damit die Fähigkeit, generell den Klang menschlicher Sprache aus der Umgebung herauszupicken und unwichtige Geräusche zu ignorieren", sagt Kraus.

Silbe aus Geräuschsalat herausgehört

Es war bereits bekannt, dass sich die Zentren für Sprachverarbeitung und Gedächtnis in der Großhirnrinde verändern, wenn sie bilingual aufwachsen. Nun sei festgestellt worden, dass sich diese neuronale Spezialisierung auch auf untergeordnete, grundlegendere Fähigkeiten und Gehirnbereiche erstrecke, schreiben die Forscher. Ob dieser Effekt auch auftritt, wenn man eine zweite Sprache später im Leben erlernt, wollen die Wissenschaftler nun in weiteren Experimenten herausfinden.

Die Forscher untersuchten die Hörfähigkeit von 23 zweisprachig (Englisch/Spanisch) aufgewachsenen Jugendlichen und 25 Teenagern, die nur Englisch sprechen. Im ersten Versuchsteil hörten die Probanden über einen Kopfhörer mehr als 6000 Mal in verschiedenen Abständen die gesprochene Silbe "da". Über am Kopf befestigte Elektroden zeichneten die Forscher das typische Hirnstrommuster der am Hören beteiligten primitiveren Gehirnbereiche auf.

Im eigentlichen Test spielten die Forscher erneut mehrfach diese Silbe ein - einmal ohne Störgeräusche, einmal inmitten eines Stimmengewirrs von weiblichen und männlichen Sprechern, die sinnlose englische Sätze durcheinanderredeten. Über die Elektroden registrierten die Forscher, wie häufig und gut die untersuchten Hirnbereiche unter diesen erschwerten Bedingungen noch auf die "da"-Silbe reagierten.

"Der Hirnstamm der zweisprachigen Teenager reagierte deutlicher auf den Schlüsselreiz in Form der Silbe", berichten Kraus und ihre Kollegen. Besonders ausgeprägt sei dieser Unterschied während des Stimmengewirrs gewesen. "Die größere Erfahrung mit verschiedenen Klängen hat das Hörsystem der Zweisprachigen effektiver, fokussierter und flexibler gemacht, es arbeitet daher vor allem unter schwierigen Bedingungen besser", erklärt die Forscherin.

wbr/dapd



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spon-facebook-709732519 01.05.2012
1.
Hola, ich wohne in Katalunien und hier sind fast alle Zweisprachig. Der Bericht bestätigt nun das allgemeine Vorurteil: die Katalanen arbeiten "besser" :-)
Steinwald 01.05.2012
2. Schult
Zitat von sysopDPAMehrsprachig aufzuwachsen schult anscheinend auch die Fähigkeit, Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden. Bei einem entsprechenden Tests hängten bilinguale Jugendliche ihre einsprachig erzogenen Altersgenossen locker ab. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,830654,00.html
Schult ernsthaft das Gehör, Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden? Ich wage zu behaupten, daß ich das auch kann, trotz einsprachiger Aufzucht. Wobei... wenn ich amerikanisches Englisch höre, dann ist das in erster Linie für mich auch ein Störgeräusch.
satissa 01.05.2012
3. Und trilinguale Jugendliche?
Zitat von sysopDPAMehrsprachig aufzuwachsen schult anscheinend auch die Fähigkeit, Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden. Bei einem entsprechenden Tests hängten bilinguale Jugendliche ihre einsprachig erzogenen Altersgenossen locker ab. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,830654,00.html
Sind trilinguale Jugendliche dann noch besser? Und wenn man sogar 4 Sprachen spricht, was passiert dann? Was ist denn überhaupt der Vorteil dieser Erkenntnis und wie kann man diese Erkenntnis in der Praxis nutzen?
Scheidungskind 01.05.2012
4. ...
Zitat von satissaSind trilinguale Jugendliche dann noch besser? Und wenn man sogar 4 Sprachen spricht, was passiert dann? Was ist denn überhaupt der Vorteil dieser Erkenntnis und wie kann man diese Erkenntnis in der Praxis nutzen?
Ist Wasser auf die Mühlen derer, die frühkindliche Förderung forcieren. Ein Tip an die Wissenschaftler: Erfasst zusätzlich zur Hörfähigkeit die Trinkgewohnheiten der Probanden. Könnte aufschlussreich sein von wegen der Persönlichkeitsentwicklung.
nilusworld 01.05.2012
5.
meine kinder wachsen dreisprachig auf. Portugisisch, Deutsch und Englisch. Wir wohnen in Portugal und den USA, aber ich moechte auch das meine Kinder deutsch reden. Manchmal geht es halt nicht anders. Es hat zwar laenger gedauert bis meine Kinder ueberhaupt gesprochen habe gegenueber ihren Spielgefaehrten aber jetzt koennen Sie (3 und 5) einfach sprachen unterscheiden obwohl sie die woerter noch nicht kennen oder auch in welcher sprache sie mit einer person reden muessen. Ich bin stolz auf meine Kinder denn ich bin einsprachig aufegewachsen (und habe russisch gehasst in der schule) und musste mir die anderen Sprachen hart erlernen im erwachsenen alter.
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