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Bioethik: Bush gerät bei Stammzellenforschung in die Defensive

Für US-Präsident Bush läuft die Debatte um die Stammzellforschung zusehends aus dem Ruder. Zwei Bundesstaaten haben gegen Bushs Willen Gesetze zur Unterstützung der Forschung beschlossen. Zugleich haben Wissenschaftler ein Haupthindernis für Stammzell-Therapien am Menschen ausgeräumt.

Bush mit Säugling: Emotionale Debatte um Stammzellforschung
DPA

Bush mit Säugling: Emotionale Debatte um Stammzellforschung

In der emotional geführten Debatte um die Stammzellforschung entgleitet US-Präsident George W. Bush zunehmend die Kontrolle. Seit den jüngsten spektakulären Erfolgen in der Genforschung, insbesondere in Südkorea und Großbritannien, dreht sich die Diskussion in den USA nicht mehr nur um Ethik und Moral. Mittlerweile geht unter US-Politikern auch die Angst um, in der internationalen Forschung den Anschluss zu verlieren.

Vor allem mit diesem Argument haben die Parlamente der US-Bundesstaaten Massachusetts und Connecticut jetzt Gesetze verabschiedet, die Beschränkungen für die Stammzellforschung lockern sollen. In Massachusetts kam es dabei zu einem außergewöhnlichen Vorgang: Sowohl das Repräsentantenhaus als auch der Senat überstimmten jeweils mit Zweidrittelmehrheit das Veto von Gouverneur Mitt Romney.

In Washington dürfte das für neuen Zündstoff sorgen. Ein Gesetz, das bereits vom US-Repräsentantenhaus verabschiedet wurde und nun dem Senat vorliegt, soll das 2001 von Bush verhängte Verbot der staatlichen Förderung von Stammzellforschung aufheben. Bush hat gedroht, das Gesetz - sollte es auch den Senat passieren - mit einem Veto zu kippen. Es wäre das erste Mal, dass er als Präsident von diesem Recht Gebrauch machen würde.

Ungeachtet der teils scharfen Worte des Präsidenten dürfen Wissenschaftler in Massachusetts nun ohne Erlaubnis des Staatsanwalts Stammzellforschung betreiben. In Connecticut werden solche Projekte in den nächsten zehn Jahren gar mit 100 Millionen Dollar staatlich gefördert. Beide Parlamentskammern haben das entsprechende Gesetz bereits verabschiedet. Die Zustimmung von Gouverneurin Jodi Rell gilt als Formsache.

Stammzellforschung: Verheißungen für die Medizin
DER SPIEGEL

Stammzellforschung: Verheißungen für die Medizin

In anderen US-Staaten findet Bushs Widerstand gegen die Stammzellforschung ebenfalls wenig Resonanz. Kalifornien hat bereits drei Milliarden Dollar in die Stammzellforschung investiert, New Jersey 380 Millionen.

Auch auf dem privaten Sektor tut sich einiges: Mit der Rockefeller University, dem Weill Medical College der Cornell University und dem Sloan-Kettering Cancer Center haben sich gleich drei Institute zusammengeschlossen. Die "Tri-Inistutional Stem Cell Initiative" hat das erklärte Ziel, die Abwanderung von Top-Forschern aus den USA zu stoppen. Die private Starr Foundation unterstützte den Zusammenschluss mit 50 Millionen Dollar.

Wissenschaftler melden neuen Erfolg

Zugleich meldeten Wissenschaftler einen weiteren wichtigen Fortschritt: Menschliche embryonale Stammzellen verhalten sich bei der Kultivierung im Labor wesentlich stabiler als bisher angenommen, heißt es in einer aktuellen Studie aus Großbritannien. Damit scheint eines der größten Hindernisse für die Behandlung von Menschen mit embryonalen Stammzellen beseitigt.

Eine der Sorgen von Forschern war bisher, dass die wandlungsfähigen Zellen während der Entwicklung im Labor Veränderungen durchlaufen könnten, die sie für den Einsatz im Menschen untauglich machen. Die Rede ist vom sogenannten Imprinting: Einzelne Gene werden während der Entwicklung an- oder abgeschaltet, je nachdem, ob sie vom Vater oder von der Mutter vererbt wurden. So wird sichergestellt, dass die Aktivität der Gene im Gleichgewicht bleibt.

"Gute Nachricht für therapeutischen Einsatz"

Experimente mit Stammzellen von Mäusen hatten die Befürchtung genährt, dass das Imprinting bei im Labor kultivierten Stammzellen anders verläuft als bei der natürlichen Entwicklung. Sollte ähnliches beim Menschen geschehen, könnte dies unvorhersehbare Folgen haben und schwere ethische Probleme nach sich ziehen.

Doch die Sorgen sind unbegründet, wie Forscher der University of Cambridge im Fachblatt "Nature Genetics" (Ausg. 37, S. 585) berichten. Ein Team um Roger Pederson hat 6 der 75 vom Imprinting betroffenen Gene des Menschen untersucht. Das Resultat: In vier verschiedenen Stammzell-Linien verhielten sich die Gene erstaunlich stabil.

Die "bemerkenswerte Übereinstimmung" sowohl zwischen den vier Stammzell-Linien als auch unter den sechs Genen lege nahe, dass die Stabilität ein generelles Merkmal menschlicher Stammzellen ist, erklärte Pederson. Das sei nicht nur "überraschend, sondern auch eine gute Nachricht für den potentiellen therapeutischen Einsatz".

Südkoreaner kündigen Stammzell-Bank an

Ob die Ergebnisse auch für embryonale Stammzellen gelten, die mit Hilfe von Klonverfahren gewonnen wurden, steht jedoch nicht fest. Pederson und seine Kollegen hatten ausschließlich Stammzellen von Embryos benutzt, die bei der künstlichen Befruchtung übrig geblieben waren. Wissenschaftler unter Leitung des südkoreanischen Forschers Hwang Woo Suk haben dagegen kürzlich embryonale Stammzellen gewonnen, indem sie Hautzellen schwerkranker Patienten klonten.

Hwang Woo Suk kündigte am heutigen Mittwoch an, eine Stammzellen-Bank mit Zellmaterial aus aller Welt anzulegen. Ziel sei es, alle existierenden Stammzelllinien an einem Ort zusammenzubringen, damit die für das Immunsystem eines Kranken passenden Zellen schneller gefunden und zur Therapie eingesetzt werden könnten. Die Stammzellen-Bank könnte noch in diesem Jahr in Südkorea eröffnet werden.

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