Spitzensport Bioethiker fordert offenen Markt für Doping

Gehört die Null-Toleranz-Politik gegen Doping auf den Müllhaufen der Geschichte? Durch eine kontrollierte Freigabe leistungssteigernder Substanzen wäre der Spitzensport fairer - und gesünder, sagt der Bioethiker und Philosoph Julian Savulescu.

Tour de France (Bild vom 15. Juli): Immer wieder von Doping-Fällen überschattet
AP

Tour de France (Bild vom 15. Juli): Immer wieder von Doping-Fällen überschattet


SPIEGEL ONLINE: Professor Savulescu, Sie fordern eine Lockerung des Dopingverbots - weil dass den Sport fairer machen und die Gesundheit der Athleten schützen würde.

Savulescu: Der Krieg gegen Doping muss scheitern, weil der Anreiz für die Athleten zu hoch ist. Der potentielle Gewinn ist riesig, die Gefahr, erwischt zu werden, ist relativ gering und vor allem eine Frage des Geldes. Reiche Teams können sich die neuesten, nahezu unentdeckbaren Substanzen leisten und so einer Strafe entgehen. Andere können das nicht. Der größte Verlierer ist der ehrliche Sportler, der nicht dopt und dadurch nicht mehr konkurrenzfähig ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Ethiker. Ist es nicht zu einfach, etwas zu legalisieren, nur weil die Mehrheit es sowieso tut?

Savulescu: Mein Forschungsbereich ist die angewandte Ethik. Ich konzentriere mich auf das, was realistisch ist. Natürlich kann man fordern, dass jeglicher Sport komplett dopingfrei sein sollte. Aber das ist nicht realistisch. Deshalb müssen wir die zweitbeste Lösung wählen, und das ist ein offener Markt für Doping.

SPIEGEL ONLINE: Eine Lockerung des Verbots würde wahrscheinlich dazu führen, dass jeder Sportler dopen müsste, weil er sonst mit Sicherheit nicht mehr mithalten könnte. Das soll die Gesundheit der Athleten steigern?

Savulescu: Ja, weil alles unter der Aufsicht von Ärzten stattfinden würde - und sie nur Substanzen verabreicht würden, die als sicher gelten und deshalb erlaubt sind.

SPIEGEL ONLINE: Experten argumentieren, dass es bei vielen leistungssteigernden Substanzen so etwas wie eine sichere Dosis gar nicht gibt.

Savulescu: Das ist Unsinn. Ein Molekül eines Wachstumshormons schadet niemandem, auch keine zwei Moleküle. Die sichere Dosis zu finden und zu verabreichen ist genau das, was in einem offenen Dopingsystem geschehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie behaupten, dass man ohne Risiko dopen kann?

Savulescu: Natürlich sind mit der Benutzung leistungssteigernder Substanzen gewisse Gefahren verbunden. Aber Sport ist sowieso fast immer gefährlich. Langstreckenläufer etwa können beim Höhentraining einen plötzlichen Herztod erleiden. Boxer riskieren schwere Hirnschäden durch Schläge an den Kopf. Radsportler rasen mit mehr als 70 km/h Berge hinunter und setzen damit ihr Leben aufs Spiel. All diese Gefahren werden akzeptiert - obwohl sie viel größer sind als die Risiken durch die kontrollierte und verantwortungsvolle Einnahme von Medikamenten.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Ärzte wären Ihrer Meinung nach dazu bereit, einem vollständig gesunden Menschen Medikamente zu verabreichen, nur um seine sportliche Leistung zu erhöhen?

Savulescu: Das kommt darauf an, wie gut diese Ärzte bezahlt würden. Viele Sportteams haben eine Menge Geld.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Wäre das Verabreichen von Medikamenten ohne medizinische Indikation für Ärzte nicht vor allem eine ethische Frage anstatt eine Frage des Geldes?

Savulescu: Das ist tatsächlich ein interessantes ethisches Dilemma. Wenn es nicht genügend Ärzte gäbe, die Dopingmittel verabreichten, würden die Sportler auf den Schwarzmarkt abwandern - mit allen damit verbundenen Risiken. Ich glaube, dass es zur beruflichen Pflicht von Ärzten gehört, die Gesundheit der Athleten insgesamt zu schützen anstatt zu sagen: "Ich tue das nicht, das ist deren Problem." Sie haben die Pflicht, Doping anzubieten, genauso wie sie Abtreibungen durchführen - auch wenn sie vielleicht persönlich gegen Abtreibungen sind.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nicht, dass der Vergleich zwischen Doping im Sport und Abtreibungen ein wenig daneben ist?

Savulescu: Überhaupt nicht. Schwangerschaft ist keine Krankheit, also ist eine Abtreibung keine Therapie. In den meisten Fällen ist sie eine reproduktive Verbesserung. Sie ermöglicht es, zu entscheiden, wann man Kinder bekommt und wie viele es werden. Nur ein winziger Anteil aller Abtreibungen hat medizinische Gründe, die meisten werden aus sozialen Gründen durchgeführt - übrigens auch in Deutschland. Und natürlich haben wir ein ganzes System an Regeln, um Hinterhof-Abtreibungen zu unterbinden. Genau das sollte auch im Doping der Fall sein.

SPIEGEL ONLINE: Und wie würden Sie entscheiden, welche Substanzen erlaubt und welche verboten sind?

Savulescu: In einem offenen System könnten sich die Strafverfolger auf drei Dinge konzentrieren. Erstens: ein absolutes Verbot des Dopings bei Kindern. Zweitens: die Suche nach sehr unsicheren Substanzen. Drittens: das Verbot von Mitteln, die dem Geist des jeweiligen Sports zuwiderlaufen. Im Boxen etwa wären das Substanzen, die Angst und Schmerzen unterdrücken, im Bogenschießen oder Snooker wären es Betablocker. Erlaubt wäre dagegen der regulierte Einsatz von Wachstumshormonen, anabolischen Steroiden, Epo, Betablockern und psychostimulierenden Medikamenten wie etwa Modafinil.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Gentherapien oder neurologischen Leistungssteigerungen?

Savulescu: Genetische Manipulationen sollten verboten bleiben - weil sie einen fundamentalen Eingriff darstellten, der den Sport uninteressant machen würde. Das Gleiche gilt für neurologische Leistungssteigerungen, die beispielsweise die Reaktionszeiten senken. Substanzen wie Steroide tun dagegen eigentlich nur das, was man sonst durch Training ohnehin versuchen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, dass der Sport noch interessant wäre, wenn jeder gedopt ist?

Savulescu: Der Sport wäre in einem solchen System nach wie vor dominiert von menschlichen Stärken und Schwächen - Entschlossenheit, Mut, Durchhaltvermögen, Willensstärke. Nehmen Sie die Tour de France: Selbst mit Doping ist sie noch immer eine enorme physische Herausforderung. Die Steigerung der Leistungsfähigkeit muss nicht entmenschlichend sein. Sie kann. Aber der Fehler der Null-Toleranz-Politik ist, dass alle leistungssteigernden Mittel in einen Topf geworfen werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, sich auf das Realistische zu konzentrieren. Halten Sie es für realistisch, dass die nationalen und internationalen Sportverbände mitspielen und das Dopingverbot lockern? Dass Staaten ihre Gesetze ändern, obwohl die öffentliche Meinung gegen Doping ist? Dass Pharmaunternehmen jahrelange Studien durchführen und große Geldsummen investieren, um Medikamente für den Dopingeinsatz zu testen und von den Behörden freigeben zu lassen?

Savulescu: Schauen Sie, es gibt zwei Arten der Anwendung von Ethik. Die eine nenne ich das evangelistisch-missionarische Modell: Wir gehen hin und versuchen, die Welt gemäß dem zu bekehren, was wir für gut und richtig halten. Ich bin kein Anhänger dieses Modells, ich habe eine rationalistische Sicht der Dinge. Ich versuche, der Öffentlichkeit Vernunft beizubringen und die öffentliche Debatte zu fördern. Die Menschen haben viele Defizite, Politiker haben viele Defizite. Also haben wir defizitäre Gesetze und eine defizitäre Politik. Ich erwarte nicht, dass in Deutschland oder anderswo Gesetze geändert werden - das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, Argumente bereitzustellen, über die Menschen nachdenken können. Und vielleicht werden sich die Dinge mit der Zeit ändern.

Das Interview führte Markus Becker



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Seite 1
Acerb 16.07.2012
1. Alter Hut
Zitat von sysopAPGehört die Null-Toleranz-Politik gegen Doping auf den Müllhaufen der Geschichte? Durch eine kontrollierte Freigabe leistungssteigernder Substanzen wäre der Spitzensport fairer - und gesünder, sagt der Bioethiker und Philosoph Julian Savulescu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,844578,00.html
Selber (richtiger) Gedanke wie die Freigabe der weichen Genuss-Drogen - nur leider verdienen manche Leute und deren Abgeordnete viel zu viel Geld am Status Quo als dass sich daran etwas ändern könnte. Das ist sicher auch Julian Savulescu klar. Er hatte halt gerade seinen Philosophen-Hut auf...
Mimimat 16.07.2012
2.
Zitat von sysopAPGehört die Null-Toleranz-Politik gegen Doping auf den Müllhaufen der Geschichte? Durch eine kontrollierte Freigabe leistungssteigernder Substanzen wäre der Spitzensport fairer - und gesünder, sagt der Bioethiker und Philosoph Julian Savulescu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,844578,00.html
und unter ärztlicher Aufsicht gedopt. Heute gibt es Schadensersatzklagen wegen gesundheitlicher Folgeschäden zu Hauf. Das zum Thema "minimales Risiko". Wer dopt, muss nicht immer tot umfallen. Es reicht doch wohl, wenn derjenige seine spätere Gesundheit restlos ruiniert. Und wer die Freigabe fordert, der hat keine Kinder im Leistungssport. Sonst würde er anders denken.
kabian 16.07.2012
3. Das ist Sport???
Das wird die "ungesunden" Dopingmittel verdrängen? Es wird doch immer das "Modernste" gespritzt. Eine sinnvollere Maßnahme ist die Rückkehr zum Amateursport. Sport darf sich finanziell nicht lohnen.
jt-1 16.07.2012
4. UND wenn ...
[alle erlaubt mit dem Mittel "A" dopen, dann bringt es überhaupt nichts mehr. Daher wird zum Mittel "B" gegriffen, das zunächst nicht erlaubt ist, ... Und wenn alles erlaubt wird, dann sind immer noch die reicheren bevorzugt und es wird immer noch zu gefählicheren Mitteln gegriffen! Die Argumentation wird immer dieselbe bleiben - wie bei den Genussmitteln.
movfaltin 16.07.2012
5. Wo ist das Argument?
---Zitat--- Savulescu: Ja, weil alles unter der Aufsicht von Ärzten stattfinden würde - und sie nur Substanzen verabreicht würden, die als sicher gelten und deshalb erlaubt sind. ---Zitatende--- So sind sie, die praktischen Philosophen... Was wäre denn, wenn Doping freigegeben würde? Ginge es den Sportlern dann nicht mehr darum, sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu verschaffen? Doch. Was würde also passieren? Wenn die Masse dopt, muss ich intelligenter dopen, mehr ausprobieren, näher an die Grenze des Lethalen gehen. Punkt Nummer eins des Utilitaristen muss also heißen: das physische Wohlergehen der Sportlerschaft würde mit einer Freigabe nicht gefördert; im Gegenteil: es würde akut gefährdet. Doch wenn Doping weitere Verbreitung fände, würden dessen Mittel und Methoden sicher günstiger in der Anwendung, das Portemonnaie des Sportlers geschont. Auch dies entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Scheinargument: Mit Ausnahme einiger Sportarten ist das Gros der Wettkampfsportler heutzutage Nichtdoper. Es ist überdies anzunehmen, dass eine Nichtintervention immer günstiger sein wird als eine Intervention. Wer also letztlich von einer solchen Regelung finanziell profitieren würde, sind diejenigen, die heute bereits dopen. Diese würden zwar mit ihrem nichtexperimentellen Treatment nur noch im Mittel mitfahren und -laufen, doch sie hätten keine so hohen Ausgaben. Alle anderen, die Masse der Wettkampfsportler also, müsste kräftig drauflegen - und wäre gezwungen, sich Dopingapplikationen zu unterziehen. Der Utilitarist merkt also auch hier: mehr Schaden, überhaupt kein Nutzen. Bleibt die Ärzteschaft: Vermag diese in dem Szenario, Dopingmissbrauch zu kontrollieren? Bisherige schwarze Schafe lassen eher das Gegenteil vermuten, trotz des hippokratischen Eids. Hier sei nur an die Freiburger Unimedizin erinnert oder an Herrn Fuentes. Auch heute sind medizinische Interventionen - verbotenerweise - oftmals von Ärzten begleitet. Hier wäre nach meinem Dafürhalten kaum eine Änderung zu erwarten. Es ist befremdlich, wenn sich - wenn auch praktische - Philosophen derart kurzsichtig und hanebüchen äußern. Oder zählen in der Bioethiker-Disziplin nun auch primär provokative Äußerungen mit fadenscheiniger Argumentation ins Renommee?
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