Biophotonen Das rätselhafte Leuchten allen Lebens

Von Holger Fuß

2. Teil: Weiter in Teil 2: Popps wunder Punkt ist der Umgang mit vermeintlichen und tatsächlichen Widersachern


Die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen haben ihn zermürbt. "Ich habe doch das Recht, mich zu wehren", sagt er ein bisschen kleinlaut, nachdem er eine Schimpfkanonade gegen die "Räubergesinnung und Diffamierungstaktik" mancher Kollegen vorgetragen hat. Rauflustig war Popp schon als "sportlicher Degenfechter während seiner Studienjahre in Würzburg", erzählt Herbert Klima in Wien und meint, dass dieser Kampfgeist "die Entwicklung seiner wissenschaftlichen Anerkennung nicht gerade gefördert hat".

Tomaten: Lebendige Substanz strahlt mit Wellenlängen von 200 bis 800 Nanometern
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Tomaten: Lebendige Substanz strahlt mit Wellenlängen von 200 bis 800 Nanometern

Zum akademischen Außenseiter wurde der promovierte Physiker Popp bereits 1972, als er nach seiner Habilitation an der Universität Marburg von deren Senat "einstimmig zum Professor nominiert" wurde, aber trotzdem nur eine befristete Dozentenstelle erhielt. Sein damaliger Dekan Heinrich Oepen, erinnert sich Popp, habe den hessischen Kultusminister darauf hingewiesen, "dass Gutachten gegen ihn vorlägen, die es doch ratsam erscheinen lassen, mich in eine Irrenanstalt einzuweisen".

1980 wurde Popp von der Marburger Universität gekündigt. Er arbeitete kurzzeitig als Forschungsleiter in einem kleinen Pharmaunternehmen, wechselte 1983 in die Arbeitsgruppe für Zellbiologie des Konrad-Lorenz-Schülers Walter Nagl an die Universität Kaiserslautern und trat 1986 ins benachbarte Technologiezentrum ein. Dort schuf er Patente zur Anwendung der Biophotonik: für die Qualitätsanalyse, etwa von Lebensmitteln, zum Einsatz in der Medizin und zum Nachweis bakterieller Kontamination.

Zum Professor wurde er schließlich im Ausland berufen: an der indischen North-Eastern Hill University, an der Universität im chinesischen Harbin, an der amerikanischen Princeton-Universität und an der Temple-Universität in Philadelphia. 1998 gründete Popp sein IIB mit 20 Mitarbeitern, dem sich mittlerweile Wissenschaftler von 14 Universitäts- und Forschungsinstituten in aller Welt angeschlossen haben und das sich durch Forschungsaufträge des Staates wie auch von Firmen wie Nestlé, Bahlsen, Beiersdorf, Kraft Foods und Henkel finanziert.

Letztlich sind Biophotonen wohl ein Phänomen der Quantenphysik. Denn viele Erforscher der subatomaren Sphäre vermuten, dass unser gesamtes materielles Universum auf Information basiert. Der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger, dem als erster die Teleportation von Lichtteilchen experimentell gelang, bekennt: "Richtig vorstellen kann ich mir auch nicht, was bei diesen Vorgängen jenseits von Zeit und Raum vor sich geht." Gleichwohl könne man "Lichtteilchen als reine Information betrachten."

Popp seinerseits führte den Begriff der Information in die Molekularbiologie ein und stellte damit die etablierte Auffassung der Biochemie auf den Kopf. Nach herkömmlicher Sicht regiert in Zellen die Planlosigkeit: "Die Vorgänge werden in der Zelle reguliert, aber es gibt dort keinen Plan", erklärt Heiko Fickert von der Universität Hamburg. Der Organismus wird als wimmelndes Chaos von Molekülen betrachtet, in dem der Zufall entscheidet, ob, wann und wo chemische Reaktionen stattfinden.

Popp hält diese Sicht für absurd. Aus einem planlosen Chaos könne kein sinnvolles Zellgeschehen entstehen. Experimentell hat Popp festgestellt, dass sich das Licht in unseren Zellen keineswegs chaotisch und zufallsbedingt verhält, sondern einen verblüffenden Zusammenhang aufweist. Die Photonen, laut Quantenmechanik Teilchen und Wellen zugleich, zeigen während der Messphase eine stabile Überlagerung, genannt Interferenz. Sie beziehen sich sozusagen aufeinander und bilden laut Popp ein kohärentes elektromagnetisches Feld, in dem Information ausgetauscht wird. Über Biophotonen kommunizieren die Zellen im Organismus miteinander, glaubt der Biophysiker.

Die Frage nach dem Ursprung des Biolichts ist unbeantwortet. Popp tippt auf die DNA als Quelle und Speichermedium: "Das hat mit der extrem hohen Informationsdichte in der DNA zu tun." Popp hält seine informationstheoretische Perspektive für einen Paradigmenwechsel. Womöglich sei Materie gar kein zusammenhangloser Molekülhaufen, sondern eher ein komplexer Verband elektromagnetischer Schwingungen, spekuliert Popp. Hier verlässt der Physiker endgültig die experimentellen Grenzen der Naturwissenschaft und wird wieder zum Philosophen.

Auch Freunden der Biophotonen-Theorie ist klar, dass "da noch viele Fragen offen" sind, wie der Lübecker Medizinphysiker Lebrecht von Klitzing einräumt. Klitzing hat sich mit interzellulärer Kommunikation im Körper beschäftigt. "Nehmen Sie das Beispiel der Schrecksekunde: Das Herz fängt an zu rasen, dann passiert ein Zusammenspiel der einzelnen Zellen innerhalb von Millisekunden. Da muss es eine Ordnung geben", meint Klitzing und vermutet, dass die Biophotonen "damit zu tun haben". Fest steht für Klitzing, dass "alles, was der biologischen Regulation unterliegt, synchronisiert und gesteuert werden muss. Aber wie das miteinander zusammenhängt, das weiß kein Mensch."

Dabei gibt auch Popp zu, dass seine Konzeption des Lichts noch am Anfang steht. "Wir wissen, dass es diese Lichtstrahlung gibt. Aber wir können sie noch nicht entziffern." Und er ist sich bewusst, dass sich ein Naturwissenschaftler, der nach dem Sinn sucht, verdächtig macht: "Das ist ein Angriffspunkt für meine Theorien." Aber wenn er den Physiker abstreift und zum Philosophen wird, kehrt fast wieder so etwas wie Gelassenheit bei ihm ein.

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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