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Biosynthese: Bakterien produzieren Cannabis-Wirkstoff

Cannabis hat in der Medizin enormes Potential - doch eine Legalisierung würde nach einer Produktion in großen Mengen verlangen. Jetzt ist es deutschen Forschern erstmals gelungen, mit Hilfe genmanipulierter Bakterien den Cannabis-Wirkstoff THC herzustellen.

E.-coli-Bakterien: Manipulierte Version produziert Cannabis-Wirkstoff THC Zur Großansicht
REUTERS/Eric Erbe/USDA

E.-coli-Bakterien: Manipulierte Version produziert Cannabis-Wirkstoff THC

Dortmund - Cannabis ist ein Rauschmittel, das seit Jahrhunderten als Arznei verwendet wird. Auch die moderne Medizin verspricht sich eine Menge von dem Wirkstoff namens Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Insbesondere Schwerkranke, die unter multipler Sklerose leiden, spastische Lähmungen haben oder die wegen einer Krebserkrankung eine Chemotherapie bekommen, könnten davon profitieren. Demnächst könnte es auch in Deutschland Cannabis auf Rezept geben, sollten die am Montag bekannt gewordenen Pläne von CDU, CSU und FDP umgesetzt werden.

Die Frage wäre dann allerdings, wie man den steigenden Bedarf bedient. "In Deutschland werden derzeit etwa 20 Kilogramm THC pro Jahr für den medizinischen Gebrauch hergestellt", sagt Oliver Kayser, Professor für Technische Biochemie an der TU Dortmund. "Aber der Bedarf liegt bei rund einer Tonne."

Kaysers Team hat nun ein Verfahren entwickelt, bei dem gentechnisch manipulierte Bakterien das THC produzieren. "Wir haben die Biosynthese quasi aus der Pflanze in einen Mikroorganismus kopiert", erklärt Kayser im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die THC-Herstellung durch einen anderen Organismus sei weltweit zum ersten Mal gelungen.

THC wird in Deutschland aus Faserhanf gewonnen, dessen Anbau und Einfuhr legal sind. "Da die Fasern weniger als 0,2 Prozent THC enthalten, ist der Produktionsprozess entsprechend aufwendig", so Kayser. Aus der Cannabispflanze, die bis zu 25 Prozent THC enthalten kann, darf der Wirkstoff aus juristischen Gründen in Deutschland nicht gewonnen werden.

Arzneistoff frühestens 2016 auf dem Markt

Bei dem in den vergangenen fünf Jahren entwickelten Dortmunder Verfahren kommt das Darmbakterium Escherichia coli zum Einsatz. Ihm werden die isolierten Gene, die in der Cannabispflanze für die THC-Bildung zuständig sind, eingepflanzt. Entsprechend vermehrt können die Bakterien dann durch Fermentation THC produzieren. Zusammen mit einem Pharmaunternehmen plant die Uni Dortmund nun die Gründung eines Unternehmens zur THC-Produktion nach dem neuen Verfahren. Kayser rechnet damit, dass dieses THC als Arzneistoff frühestens 2016 auf den Markt kommen kann.

Mit der Grundlagenarbeit für eine industrielle Herstellung von THC mit Hilfe der Bakterien ist die Biotechnologie-Arbeitsgruppe um Kaysers Kollegen Andreas Schmid beschäftigt. Schon jetzt glauben die Forscher, die Produktionskosten erheblich senken zu können. Koste das Kilo legal hergestelltes THC derzeit rund 50.000 Euro, rechnet Kayser mit künftig rund 2500 Euro.

Ob es in Deutschland aber tatsächlich bald Cannabis auf Rezept gibt, scheint noch nicht sicher - denn die Pläne der schwarz-gelben Koalition haben in Berlin nicht nur Begeisterung ausgelöst. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP) hat das Vorhaben als wichtigen Schritt für schwerstkranke Menschen bezeichnet. Die Arbeitsgemeinschaft "Cannabis als Medizin" (ACM) sprach hingegen von Irreführung.

Für die betroffenen Patienten ändere sich vorerst gar nichts, kritisierte der ACM-Vorsitzende Franjo Grotenhermen. Er hält die Neuregelung für unzureichend. Die Koalition habe lediglich beschlossen, dass die Medikamente zugelassen werden dürfen, wenn ein Pharmaunternehmen einen entsprechenden Antrag stellt. Bislang gebe es aber nur einen derartigen Antrag für ein Präparat gegen Multiple Sklerose. "Patienten mit anderen Erkrankungen haben auch dann keinen Zugang zu entsprechenden Medikamenten."

Dyckmans begrüßte die Neuregelung hingegen. Cannabishaltige Arzneimittel hätten einen nachgewiesenen Nutzen für Schmerzpatienten. Auch Eugen Brych von der Deutschen Hospiz Stiftung unterstützte das Vorhaben grundsätzlich: "Weil es unverhältnismäßig schwierig ist, Cannabis als Medikament zu erhalten, werden derzeit viele Schmerzpatienten in die Illegalität gedrängt." Bislang gibt es bundesweit lediglich 40 Patienten, die derartige Präparate aus der Apotheke bekommen.

mbe/dpa

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