Birkenpech Wie Neandertaler den ersten Klebstoff herstellten

Bereits vor 200.000 Jahren produzierten Neandertaler Klebstoff. Bisher gingen Forscher davon aus, dass sie dabei genau auf die Temperatur achten mussten. Doch offenbar war die Produktion deutlich einfacher.

DPA/ Paul Kozowyk

Neandertaler konnten schon mit vergleichsweise simplen Verfahren Klebstoff aus Birkenrinde gewinnen. Das schließen Forscher aus Versuchen, in denen sie mit verschiedenen Techniken Birkenpech herstellten. Die Produktion erforderte weder besondere Gefäße noch - wie oft berichtet - eine penible Kontrolle der Temperatur, wie das Team um den Anthropologen Paul Kozowyk von der Universität Leiden im Fachblatt "Nature Communications" schreibt. Ein deutscher Experte spricht von gut gemachten Experimenten.

Birkenpech gilt als ältester Klebstoff von Menschen, etwa um Steinklingen an Schäften zu befestigen. Funde zeigen, dass Neandertaler schon vor mindestens 200.000 Jahren Klebstoff nutzten.

Der älteste Beleg liegt bei Campitello in der Toskana. Zwei weitere in Inden/Altdorf in Nordrhein-Westfalen und Königsaue in Sachsen-Anhalt sind etwa 120.000 und 80.000 Jahre alt. Birkenpech wurde also schon hergestellt, lange bevor der moderne Mensch vor etwa 40.000 Jahren in Europa auftauchte. Deutlich später, vor etwa 5000 Jahren, fixierte auch der Ötzi seine Pfeilspitzen mit Birkenpech.

Seit Jahren diskutieren Forscher, welche Fähigkeiten es für die Produktion brauchte. Etliche Experten argumentierten, zur Herstellung von Birkenpech seien eine präzise Kontrolle der Temperatur zwischen 340 und 370 Grad Celsius sowie feuerfeste Behältnisse zum Auffangen des Teers nötig. Beides ist nicht der Fall, wie das Team um Kozowyk nach einer Versuchsreihe berichtet.

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Birkenpech: In der ersten Klebstoff-Fabrik

Drei Verfahren im Test

Wichtig ist dagegen eine weitgehend luftdichte Versiegelung, damit die Rinde nicht verbrennt oder verkohlt, sondern lediglich verschwelt. Der Temperaturbereich ist demnach viel breiter als gedacht - er liegt den Forschern zufolge grob zwischen 200 und rund 500 Grad Celsius. Insgesamt testeten sie drei Ansätze, für die nur Birkenrinde und Feuer nötig sind:

  • Beim einfachsten Verfahren bedeckten sie eng zusammengerollte Birkenrinde mit einem Hügel aus Glut und Asche. Dabei entstanden geringe Mengen Birkenpech, die von der Rinde abgeschabt wurden. So kamen die Forscher pro 100 Gramm Rinde auf eine Ausbeute von 1 Gramm Birkenpech.
  • Im zweiten Verfahren packten sie gerollte Birkenrinde in eine kaum größere zylinderförmige Grube, auf die Forscher Glut packten. In der erfolgreichsten Version des Verfahrens flossen 2,4 Gramm Birkenpech pro 100 Gramm Rinde auf eine am Boden der Grube ausgelegte Birkenrinde. Allerdings war es hier etwas schwieriger, die Hitze zu kontrollieren.
  • Die mit Abstand erfolgreichste, gleichzeitig aber auch aufwendigste Technik bestand darin, einen Auffangbehälter aus Birkenrinde in eine kleine Grube zu tun. Das Loch wurde mit grünen Weidenzweigen und Steinen bedeckt, darüber kam die eigentliche Rolle aus Birkenrinde. Sie wurde mit Erde bedeckt, über der ein Feuer entzündet wurde. Hier stieg der Ertrag auf knapp 10 Gramm Birkenpech.

Vorhandenes Wissen neu kombiniert

Grundsätzlich sei der Wert von Birkenpech für Neandertaler leicht zu erkennen gewesen, schreibt das Team. "Ein eng zusammengerolltes Stück Birkenrinde, das einfach nur im Feuer gelassen und teilweise verbrannt entnommen wird, kann beim Öffnen geringe Spuren Teer enthalten", schreiben sie. "Nicht genug, um ein Werkzeug zu befestigen, aber genug, um die klebende Substanz zu erkennen."

Von dieser Erkenntnis sei es nur ein kleiner Schritt, Birkenpech gezielt herzustellen. Dazu müsse man nur bereits bekannte Materialien und Eigenschaften miteinander kombinieren. Größte Hürde sei, die Rinde von extrem hohen Temperaturen und Sauerstoff fernzuhalten.

"Angesichts des Umstands, dass Birkenrinde in Europa während des Pleistozäns verfügbar war und dass Neandertaler Holzressourcen und Feuer benutzt haben, ist jetzt klar, dass sie die Technologie erfunden haben können, indem sie bereits vorhandenes Wissen neu kombinierten", schreibt das Team.

Der Archäologe Jürgen Weiner, der lange für die Rheinische Bodendenkmalpflege tätig war und ausgiebig zu Birkenpech-Produktion publiziert hat, lobt den Ansatz: "Die Forscher haben rein paläolithische Mittel verwendet und die Experimente gut dokumentiert", sagt er.

jme/dpa



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