Bizarre Kosmetik Augentropfen gegen Grünen Star sollen Wimpern wachsen lassen

Die Pharmafirma, die Botox von einem unbekannten Nischenmedikament zu einem Millionenprodukt gemacht hat, versucht sich an einem neuen Streich: Das Unternehmen will in den USA Augentropfen als Wimpern-Wuchsmittel zweitverwerten - und hofft auf riesige Gewinne.


New York - Vier Dollar am Tag für einen kleinen Luxus - das können sich viele Menschen selbst in Krisenzeiten leisten. Das glaubt zumindest der Pharmamanager David I.E. Pyott. Wenn Pyott von Luxus spricht, dann meint er ein Produkt, das sein Unternehmen Allergan in wenigen Tagen in den USA auf den Markt bringen will - und mit dem die Firma auf Millionenumsätze hofft.

Wimpern: Schönheitstuning für interessierte Amerikanerinnen
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Wimpern: Schönheitstuning für interessierte Amerikanerinnen

Hinter dem neuen Produkt mit dem Namen "Latisse" stehen eigentlich die "Lumigan"- Augentropfen des Unternehmens. Sie enthalten den Wirkstoff Bimatoprost, der zu den sogenannten Prostaglandin-Analoga zählt. Entwickelt wurde die Substanz, um bei Patienten mit Grünem Star den gefährlich erhöhten Augeninnendruck zu senken. In der Vergangenheit hatten zahlreiche Anwender des Medikaments jedoch auch davon berichtet, dass ihre Wimpern im Zuge der Behandlung voller und länger wurden. Und genau diesen Effekt will Allergan nun ausnutzen: Die Substanz, der Monatspreis für ein paar Milliliter liegt bei 120 Dollar, soll als medizinische Form der Kosmetik für interessierte Amerikanerinnen vermarktet werden.

Kundinnen mit dem Wunsch nach längeren Wimpern sollen dann "Latisse" mit einer Bürste auftragen - und auf das wundersame Wachstum hoffen. Allerdings müssen sie dafür vorher bei einem Arzt ihres Vertrauens Wachstumsstörungen an ihren Wimpern diagnostizieren lassen. Denn das neue Mittelchen wird es in den USA nur auf Rezept geben, nachdem es die Zulassungsbehörde FDA im Dezember für die Anwendung an den Wimpern zugelassen hat. Zuvor hatten 140 Freiwillige die Substanz vier Monate lang getestet.

Mit der Markteinführung will Allergan einen ökonomischen Geniestreich wiederholen, der der Firma schon einmal geglückt ist. Das Unternehmen hatte ein Nischenmedikament zur Behandlung von Lidkrämpfen durch einen Einsatz in einem anderen Bereich zum weltweiten Megaseller gemacht: das Nervengift Botox, das als Anti-Faltenmittel aus den Praxen von Schönheitschirurgen nicht mehr wegzudenken ist.

Nun also "Lumigan", oder besser gesagt "Latisse". In der "New York Times" streiten Analysten darüber, auf wie viel Profit Allergan durch die Eitelkeit der Amerikanerinnen hoffen kann. Die Firma sagt, langfristig wolle man mit dem Produkt eine halbe Milliarde Dollar umsetzen. Nicht alle Beobachter teilen diesen Optimismus. Ob die Prognosen eintreffen, darüber könnte unter anderem die Häufigkeit von Nebenwirkungen entscheiden. Anwender der "Lumigan"-Augentropfen hatten unter anderem über juckende Augen, verfärbte Augenlider und in einigen Fällen sogar über Verfärbungen der Iris berichtet.

In Europa ist der Wimpern-Wachstumsförderer noch nicht zugelassen. Doch das dürfte, so vermuten Insider, nur eine Frage der Zeit sein. Als Medikament gegen den Grünen Star ist "Lumigan" schon seit einiger Zeit zu haben. Allerdings gibt es auch hierzulande Berichte über mögliche Nebenwirkungen, die einige potentielle "Latisse"-Käuferinnen abschrecken könnten.

So berichtete eine Patientin in einem Internet-Forum, ihr sei nach Anwendung eines ähnlichen Wirkstoffs eine zweite Reihe Wimpern gewachsen.

chs



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