Piratenlegende Blackbeard Buch oder Leben!

An Bord des Piratenschiffs "Queen Anne's Revenge" haben Forscher Buchfragmente entdeckt. Überliefert ist, dass Freibeuter neben Gold auch kleine Bibliotheken raubten. Was lasen die Schrecken der Meere?

picture-alliance/ Mary Evans Picture Library

Wenn Piraten auf einer langen Fahrt durch ruhige See plötzlich das Bedürfnis verspüren, nach einem Buch zu greifen - was würden sie dann lesen? Einen Abenteuerroman vielleicht? Oder einen Reisebericht?

In der Schiffsbibliothek der "Queen Anne's Revenge", des Flaggschiffs des berüchtigten englischen Piraten Blackbeard, stand für diese Momente offenbar eine Ausgabe von Edward Cookes "Eine Reise zur Südsee und um die Welt" griffbereit.

Ganz so spannend können die rauen Männer das Buch allerdings nicht gefunden haben. Denn sie dichteten mit seinen Seiten den hölzernen Pfropfen ab, der eine Kanonenmündung vor eindringendem Salzwasser schützen sollte. Verbacken zu einer klebrigen Masse fanden dort Konservatoren des Queen Anne's Revenge Conservation Lab kleine Papierfitzel aus Edward Cookes legendärem Reisebericht.

Verdächtige Pulverrückstände

Die Kanone stammte aus dem Wrack, das ein Schatztaucher 1996 auf dem Grund der Bucht von Beaufort vor der Küste des US-amerikanischen Bundesstaates North Carolina entdeckt hatte. Vor zwei Jahren schon hatten die Konservatoren den Klumpen aus Papier und Stofffetzen aus dem Rohr gezogen, glitschig und schmierig-schwarz von den Schießpulverrückständen.

Fotostrecke

12  Bilder
Ausgegraben: Bilder und Geschichten aus der Archäologie

Mithilfe von Kollegen aus Colonial Williamsburg, der North Carolina Archives, dem North Carolina Museum of Art und der University of Delaware, die alle auf die Restaurierung von Papier spezialisiert sind, konnte das Team um Kimberly Kenyon nun 16 Fragmente retten - das Größte davon etwa so groß wie eine Euromünze.

Die Hilfe war notwendig, denn Papier gehört normalerweise nicht zum Repertoire von Funden aus Schiffswracks. Den Konservatoren der "Queen Anne's Revenge" fehlte es an Erfahrung im Umgang mit dem fragilen Material. "Die Kollegen rieten uns, das Papier erst einmal einfach nur zu trocknen", erzählt Kenyon. "Das war für uns sehr schwer nachzuvollziehen, weil normalerweise Gegenstände, die aus dem Meer geborgen werden, unter keinen Umständen getrocknet werden dürfen, bevor sie entsalzt und stabilisiert sind."

Sieben Schnipsel

In dem Fall aber hat die Methode funktioniert: "Wir haben dem Rat der Kollegen vertraut - und ein Jahr nach der Trocknung sind die Papierfragmente jetzt in stabiler Verfassung."

Die Papierschichten lagen so angeordnet, dass die Schrift auf übereinanderliegenden Fragmenten die gleiche Ausrichtung hatte - wie aufeinander folgende Seiten in einem Buch. Auf sieben der Schnipsel befand sich sogar noch lesbarer Text. "Süden" entzifferten die Konservatoren auf den Fragmenten aus der Kanone, und "acht Leugen". Die Leuge ist eine alte Maßeinheit: die Strecke, die ein Mann zu Fuß in einer Stunde zurücklegen kann.

Also doch ein Reisebericht? Vor allem ein Wort stach heraus: Hilo, gedruckt in kursiv wie ein Ortsname. Doch der größte und bekannteste Vertreter dieses Namens, Hilo auf Hawaii, konnte damit nicht gemeint sein.

Beliebte Lektüre

Denn die Welt erfuhr von der Existenz der Stadt erst nach James Cooks Hawaii-Expedition im Jahr 1778 - da lag die "Queen Anne's Revenge" aber bereits seit 60 Jahren auf dem Grund der Bucht von Beaufort.

Den entscheidenden Hinweis gab schließlich Johanna Green, eine Spezialistin für die Geschichte von gedrucktem Text an der Universität von Glasgow. Möglicherweise sei Ilo gemeint, manchmal auch Hilo geschrieben, eine spanische Siedlung an der peruanischen Küste, die zum Ziel eines britischen Überfalls geworden war.

Berichte von Plünderungen spanischer Niederlassungen durch englische Seefahrer waren im 17. und 18. Jahrhundert äußerst beliebte Lektüre bei den Briten.

Eine solche Beschreibung der Plünderung des peruanischen Ilo fanden die Forscher in Edward Cookes Bericht "Eine Reise zur Südsee und um die Welt", im Original "A Voyage to the South Sea, and Round the World, Perform'd in the Years 1708, 1709, 1710, and 1711".

Vorlage für "Robinson Crusoe"

Und tatsächlich: In der Erstausgabe von 1712 stimmten die Fragmente aus dem Kanonenrohr mit jeweils einem kleinen Ausschnitt der Seiten 177, 178 und 183 bis 188 überein. Das Buch muss also einst in der Schiffsbibliothek der "Queen Anne's Revenge" gestanden haben.

Cooke selbst hatte als Matrose an dieser Reise der beiden Schiffe "Duke of Bristol" und "Dutchess of Bristol" unter dem Kommando von Woodes Rogers teilgenommen und veröffentlichte die Erlebnisse während der Weltumseglung anschließend in einem zweibändigen Werk.

Mehr zur englischen Piratenlegende

Neben einer Kartierung des Amazonas, einer frühen Beschreibung der Galapagosinseln und lebendigen Schilderungen eigener kleinerer Piratereien gegen Feinde der englischen Krone berichtete Cooke auch über die Rettung eines gewissen Alexander Selkirk, der vier Jahre lang auf einer unbewohnten Insel namens "Más a Tierra" überlebt hatte.

Sein Vorgesetzter Rogers beschrieb diese Episode ebenfalls in seinem eigenen Buch "A Cruising Voyage Round the World". Die beiden Berichte über Selkirk las der englische Schriftsteller Daniel Defoe - und verarbeitete sie 1719 zu seinem Roman "Robinson Crusoe".

Pirat hatte eigene Büchersammlung

Wurde das Buch denn überhaupt gelesen, bevor es als Kanonendichtung endete? Das ist wahrscheinlich. Denn zumindest einige Männer an Bord eines Piratenschiffs mussten des Lesens und Schreibens mächtig gewesen sein. Ohne Buchstaben war beispielsweise keine Navigation möglich, die Lektüre von Schiffskarten setzte die Kenntnis des Alphabets voraus.

Einigen scheint das Lesen sogar Freude bereitet zu haben. Tatsächlich gibt es Berichte von Piraten, die gekaperte Schiffe nicht nur um deren Goldvorräte erleichterten, sondern auch um die Schiffsbibliothek. "Als Blackbeard im Jahr 1717 ein Schiff namens Margaret in seine Gewalt brachte, beschwerte sich der Kapitän, dass ihm seine Bücher weggenommen wurden", berichtet Kenyon. "Und als der 'Gentleman-Pirat' Stede Bonnet sich eine Zeit lang mit Blackbeard zusammentat, brachte er eine eigene Bibliothek mit."

Blackbeard selbst hielt seine Taten angeblich sogar in einem Tagebuch fest. Von diesem fehlt allerdings bis heute jede Spur. Vielleicht finden die Konservatoren seine Seiten ja auch noch: Die Bergungsarbeiten am Wrack sind noch lange nicht beendet.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.