Mittelalterliche Schreiberin Frau Blauzahns Geheimnis

Wer war die Frau, deren Überreste in einem Kloster bei Paderborn gefunden wurden? Vermutlich lebte sie im Mittelalter, als Schreiberin aufwändiger Manuskripte, sagen Forscher. Wichtigstes Indiz sind Ablagerungen an ihren Zähnen.

Christina Warinner / DPA

Das Mittelalter gilt geistesgeschichtlich als eine eher finstere Zeit. Doch zumindest in religiösen Institutionen wie Klöstern wurde Wissen produziert und verwaltet.

Lange vor der Erfindung des Buchdrucks war das damals Handarbeit: Schreiber fertigten reich illustrierte Manuskripte an, oft für Mitglieder des Adels oder der Kirche. Dabei nutzten sie auch luxuriöse Farben und Pigmente wie Goldblatt und Ultramarin.

Neue Forschungsergebnisse sollen nun belegen, dass nicht nur Männer die aufwändigen Handschriften herstellten, sondern auch Frauen. Wissenschaftler um Christina Warinner vom Jenaer Max-Planck-Institut (MPI) für Menschheitsgeschichte berichten im Fachmagazin "Science Advances" von Untersuchungen an den Überresten einer im Mittelalter nahe Paderborn begrabenen Frau. Diese habe eine wichtige Rolle beim Verfassen der kostbaren religiösen Schriften gespielt, so die Forscher.

Wichtigstes Beweisstück sind Ablagerungen an den Zähnen der Frau. Die Rückstände im Zahnstein sind blau. Vermutlich habe sie den Farbstoff beim regelmäßigen Anlecken des Pinsels aufgenommen, erklären die Forscher. Und das wiederum belege, dass die Frau mit dem edlen Pigment selbst gemalt habe.

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Mittelalterlicher Handel: Vom Hindukusch an die Pader

Bereits im Jahr 2014 hatten Wissenschaftler die blauen Farbpartikel im Zahnstein der zum Zeitpunkt ihres Todes 45 bis 60 Jahre alten Frau entdeckt, die zwischen 1000 und 1200 nach Christus gelebt hatte. Von dem Frauenkloster in Dalheim, in dessen unmittelbarer Nähe sie begraben wurde, seien nur wenige archäologische Überreste erhalten, schreibt das Team um Warinner.

Auch das genaue Gründungsdatum des Klosters sei unbekannt, womöglich habe dort bereits im 10. Jahrhundert eine Frauengemeinschaft bestanden. Die ältesten schriftlichen Hinweise auf ein dortiges Kloster stammten aus dem Jahr 1244.

Lapislazuli aus Afghanistan

Die Forscher analysierten die bereits bekannten Pigmente nun genauer. Sie wiesen zum einen nach, dass diese aus Lapislazuli hergestellt worden waren. Das Gestein, aus dem die Ultramarin-Pigmente stammen, wurde im Mittelalter ausschließlich in Afghanistan abgebaut. Es war sehr kostbar und wurde wie Gold und Silber nur für die Herstellung der wertvollsten und luxuriösesten Schriften verwendet, wie die Wissenschaftler betonen. Nur die erfahrensten und geschicktesten Schreiber hätten damit arbeiten dürfen.

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In ihrem Artikel behandeln die Forscher auch alternative Erklärungsmöglichkeiten für die Entstehung des blauen Zahnsteins, den sie in den Zähnen der Frau gefunden hatten. Diese halten sie jedoch allesamt für weniger wahrscheinlich.

Keine Namen unter den Texten

Deutsche Frauenklöster hätten im mittelalterlichen Europa eine wichtige Rolle bei der Buchherstellung gespielt - auch wenn es besonders aus dem frühen Mittelalter wenig historische Informationen über weibliche Schreiber oder die Bücher gebe, die sie hergestellt hatten. Viele Schreiber hätten aus Gründen der Frömmigkeit ihre Namen nicht unter ihre Werke gesetzt, was die Zuordnung erschwere.

In den Klöstern lebten meist gut gebildete Frauen, Lesen sei als Ausdruck der Frömmigkeit gerne gesehen gewesen und Aktivitäten in Zusammenhang mit der Buchherstellung als würdiges Streben erachtet worden. Diese Frauen hätten ein Leben fern von harter Arbeit geführt - wie auch die unbekannte Tote belegte: Ihr Skelett wies keinerlei Anzeichen von Verletzungen oder Krankheiten auf.

Anja Garms, dpa/chs

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