Blutgruppen: A, B und Null gibt es seit Millionen von Jahren

Nicht nur bei Menschen gibt es die Blutgruppen A, B, AB und Null. Das AB0-System findet sich auch bei vielen Primatenarten. Forscher folgern aus einer aktuellen Analyse: Diese vererbten Genvarianten existieren seit mindestens 20 Millionen Jahren.

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Corbis

Rote Blutkörperchen (Computergrafik): Die Blutgruppe ist genetisch bestimmt

Hamburg - Ob ein Mensch die Blutgruppe A, B, Null oder AB hat, bestimmt ein einziges Gen. Verschiedene Varianten dieser Erbgutanlage beeinflussen, ob sich bestimmte Antigene in Blut sowie auf der Oberfläche vieler Zellen befinden - nicht nur auf den roten Blutkörperchen, sondern auch auf diversen anderen. Variante A und B produzieren leicht unterschiedliche Versionen eines Enzyms, bei der Variante Null hat das Protein seine Funktionsfähigkeit ganz verloren.

Nun hat ein internationales Forscherteam abgeschätzt, wie alt diese Erbgutvarianten sind. Im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten sie, dass der sogenannte Polymorphismus vor mindestens 20 Millionen Jahren entstanden sein muss.

Die Forscher um Laure Ségurel von der University of Chicago (US-Bundesstaat Illinois) haben dafür ins Erbgut verschiedener Primatenarten geschaut. Dass das AB0-System auch bei vielen Affenarten vorkommt, war schon vorher bekannt; die nun veröffentlichte Analyse erweitert aber die Datenlage.

Die Forscher sequenzierten das AB0-Gen mehrerer Menschenaffenarten, nämlich von Bonobos, Westafrikanischen Schimpansen, Flachlandgorillas und Orang-Utans. Zusätzlich ermittelten sie die Gensequenz von mehreren Primaten, bei denen dies noch nicht geschehen war: bei Schwarz-weißen Stummelaffen, Südlichen Grünmeerkatzen, Marmosetten und Schwarzen Brüllaffen.

Bei allen 40 untersuchten Primatenarten sei der AB0-Polymorphismus vorhanden. Bei einigen Spezies fehle allerdings die A- oder B-Variante, so trugen etwa alle untersuchten Schwarzen Brüllaffen die B-Variante, alle Marmosetten A.

Durch den Vergleich der Gensequenzen wollten die Forscher herausfinden, welche von zwei bekannten Thesen zur Entstehung des AB0-Systems wahrscheinlicher ist.

  • Die A-Variante ist alt. Die B-Variante hat sich bei verschiedenen Primatenarten mindestens sechsmal unabhängig voneinander entwickelt. Die Variante, die Menschen heute besitzen, entstand dieser These zufolge erst, nachdem der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Schimpansen lebte.
  • Der Polymorphismus ist so alt, dass die Menschen und verschiedene zu den sogenannten Altweltaffen zählende Spezies ihn gemeinsam haben.

Die neuen Daten sprechen für die zweite Hypothese. "AB0 ist ein artenübergreifender Polymorphismus, der von Menschen, Gibbons und allen untersuchten Altweltaffen geerbt wurde und demnach seit mehreren zehn Millionen Jahren existiert", schreiben die Forscher. Wobei sie nicht ausschließen wollen, dass er noch älter ist als 20, 30 oder 40 Millionen Jahre. Dies lässt sich aber anhand der heutigen DNA-Sequenzen nicht ermitteln.

Warum sich die Varianten derart lange bei verschiedenen Arten gehalten haben, kann die Studie nicht beantworten. Mit den Antigenen auf roten Blutkörperchen hängt es aber nicht zusammen; denn diese Kombination findet sich nur bei den Menschenartigen, zu denen neben Mensch und Menschenaffen auch die Gibbons gehören.

Rund um die Blutgruppen kursieren einige eher krude Theorien, so werden A, B, 0 und AB etwa in Japan mit bestimmten Charakterzügen verknüpft. Und laut der Blutgruppendiät soll die Blutgruppe bestimmen, welche Lebensmittel ein Mensch verträgt. Die Ernährungsphilosophie basiert auf der Annahme, dass die AB0-Blutgruppen erst entstanden sind, als der Mensch schon längst auf der Bildfläche erschienen war.

wbr

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