Blutiges Ritual: Der mysteriöse Wächter von Stonehenge

Von Angelika Franz

Der geheimnisvolle Steinkreis von Stonehenge ist um eine gewagte Theorie reicher: Ein Bogenschütze soll über das Heiligtum gewacht haben, bis er von seinem Nachfolger erschossen wurde. Ein Experte präsentiert jetzt Indizien für das blutige Ritual - und manche sind sogar plausibel.

Für gewöhnlich setzen Archäologen ihre Phantasie nur äußerst zurückhaltend ein. Deutlich wird dieser Mangel bei Benennungen wie der eines Skeletts aus Stonehenge, das seit über einem Jahrzehnt in einem Glaskasten des Salisbury Museums ausgestellt ist. Der Verstorbene, 1978 bei Ausgrabungen entdeckt, wird schlicht der "Tote aus dem Graben" genannt. Doch zum Glück gibt es Menschen wie Dennis Price. Der Publizist, Stonehenge-Kenner und Gelegenheitsarchäologe hat der Leiche eine Geschichte gegeben. Und die hat trotz einer gehörigen Dosis Phantasie durchaus plausible Elemente.

Der Mann, so Price, war bis zu seinem gewaltsamen Tod um das Jahr 2300 vor Christus ein ritueller Wächter des Steinkreises, an dessen Umrandung er dann begraben wurde. "Ich glaube, dass sein Mörder ein Bogenschütze war, der ihn in einem unaufmerksamen Moment traf, als er nach einer schlaflosen Nacht in den Sonnenaufgang blinzelte. Und ich glaube, dass sein Tod kein Meuchelmord war, sondern einem vorherbestimmten Ritual folgte." Der Killer, glaubt Price, musste fortan die Aufgabe des Wächters übernehmen - so lange, bis auch er durch die Hand seines Nachfolgers den Tod finden würde.

Ähnliches Ritual in Italien

Für ein derartiges Ritual gibt es in der Antike tatsächlich ein Beispiel, allerdings aus Italien. Dort stand am Ufer des Sees Nemi ein Tempel der Diana. Von dem seltsamen Priester, der jenes Heiligtum bewacht, berichten viele Schriftsteller: Strabon, Sueton, Ovid und auch Vergil. Er kam zu seinem Amt, indem er einen goldenen Zweig von einem Baum im Hof des Tempels pflückte. Daraufhin musste er mit seinem Vorgänger auf Leben und Tod kämpfen. Der Sieger übernahm nun die Verantwortung für das Heiligtum der Jagdgöttin - jedenfalls so lange, bis der nächste ihn mit dem goldenen Zweig zum Zweikampf herausfordern würde.

Fest steht, dass der "Tote aus dem Graben" nicht friedlich in seinem Bett verschied. Zum Zeitpunkt seines Todes war er etwa 25 bis 30 Jahre alt, ein bulliger Kerl, fast 1,80 Meter groß, der sein Leben lang schwere körperliche Arbeit verrichtet hat. Dafür aß er jedoch auch gutes Essen, seine Knochen zeigen außer einem leichten Eisenmangel keinerlei Ernährungsdefizite - für die damalige Zeit ein ungewöhnlicher Zustand. Auch sein Gebiss war in hervorragendem Zustand. Nur ein Zahn war ihm, wahrscheinlich durch Gewalteinwirkung, abhanden gekommen - allerdings so lange vor seinem Tod, dass bereits wieder neuer Knochen über die Wunde gewachsen war.

Die Todesursache war keineswegs Altersschwäche, sondern mindestens vier Pfeilspitzen, die beim Fund des Skeletts noch zwischen den Rippen steckten. Abgefeuert aus nächster Nähe, in den Rücken. Wie sein Mörder war auch der Tote ein Bogenschütze. Denn um seinen Unterarm trug er einen wertvollen Sehnenschutz aus poliertem Stein.

Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt?

Für Price ist die Sachlage eindeutig. Der "Tote aus dem Graben" starb nicht im Pfeilhagel einer Schlacht, sondern wurde gezielt von einem einzelnen Angreifer erschossen. "Vier oder mehr Pfeile hintereinander in den Rücken zu schießen wäre die logische Handlung, wenn man einen muskulösen und wahrscheinlich ziemlich wütenden Mann am Aufstehen hindern will", erklärt Price im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Wenn die Wachablösung durch Tötung des Vorgängers in Stonehenge ein wiederkehrendes Ritual war, müsste es noch weitere Belege für diese Kulthandlung geben. "Gibt es!", sagt Price. Erst in den letzten Jahren wurden in der Nähe von Stonehenge zwei außergewöhnliche Tote gefunden: der "Amesbury Archer" und der "Boscombe Bowman". Beide Skelette datieren ungefähr aus der gleichen Zeit wie der "Tote aus dem Graben", als die Megalithen von Stonehenge gerade aufgerichtet wurden. Sie waren beide mittleren Alters und den Grabbeigaben nach ebenfalls Bogenschützen. Ihre Knochen erzählen von schweren Kämpfen: Beide weisen ähnliche schwere Verletzungen am linken Oberschenkel auf, die wohl von einer Streitkeule herrührten und sie in den letzten Jahren ihres Lebens zumindest humpeln ließen.

Indizien, aber keine Beweise

"Wenn ich diese Skelette sehe, dann fällt mir sofort eine Passage aus Cäsars Beschreibung des Druidenkultes ein", sagt Price. Der römische Herrscher habe geschrieben, dass die Druiden ihren Anführer entweder nach dessen Ansehen gewählt hätten - oder aber ein Duell über die Nachfolge entschied. Erst vor rund einem Monat haben Archäologen erstmals ein Grab gefunden, bei dem es sich um das eines Druiden handeln könnte.

Price präsentiert noch ein weiteres Puzzlestück. In seiner Reisebeschreibung von Britannien erwähnt der griechische Schreiber Pytheas im 4. Jahrhundert vor Christus einen riesigen Tempel des Apollon, der kreisrund gewesen sei. In der Nähe habe eine Stadt gelegen. Deren Könige und die Wächter über das Heiligtum nenne man Boreaden, nach dem kalten Nordwind. In ihnen erkennt Price die Wächter von Stonehenge.

Der Bogen wiederum sei die Lieblingswaffe des Gottes Apollon. Das gleiche gelte für seine Schwester Artemis, der römischen Diana, deren Wächter sich in Nemi durch die Ermordung ihres Vorgängers profilierten. "Ich glaube zwar nicht, dass die beiden Kulte von Stonehenge und Nemi einen gemeinsamen Ursprung haben", sagt Price und setzt damit dem wilden Galopp seiner Phantasie ein Ende. "Aber hauptsächlich, weil ich dafür keine Belege anführen kann."

Zweifel bleiben viele. Gewaltsame Tode, egal ob sie ihre Opfer von vorne oder hinten, von nah oder fern, per Pfeil oder Keule fanden, waren im bronzezeitlichen Britannien wahrlich keine Seltenheit. Und sämtliche Berichte über runde Heiligtümer, Pfeile schießende Druiden und Tempelwächter stammen aus späteren Jahrhunderten und von Autoren, die am anderen Ende der bekannten Welt lebten. Ob der "Tote aus dem Graben" tatsächlich von seinem Nachfolger erschossen wurde, während er müde in die aufgehende Sonne blinzelte, wird die Archäologie mit ihren Methoden wohl nie klären können.

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Stonehenge: Der Tote aus dem Graben