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Boomende Wissenschaft: Chinas Forscher streben zur Weltspitze

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Von wegen Werkbank der Welt: China schickt sich an, zur Forschungsnation Nummer eins zu werden. Die Wissenschaftler des Landes erarbeiten sich gerade einen Spitzenruf - und vernetzen sich dabei mit Kollegen aus den USA und Westeuropa. Wird das die Gesellschaft des Landes verändern?

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Chinas Forscher: Auf dem Sprung nach ganz oben
Die Wirtschaft boomt. Und mit ihr die Wissenschaft: Chinas Forscherwelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich gewandelt.

Vor 30, 40 Jahren war das Land noch ein unterentwickelter Agrarstaat, der moderne Technik teuer importieren musste. Doch die Regierung setzte auf Ausbildung, Forschung und Entwicklung - und diese Politik trägt jetzt Früchte.

Mehr als 750 Universitäten bilden heute in China Studenten aus. 1,5 Millionen Forscher arbeiten in dem Land - im Schnitt kommen auf 1000 Beschäftigte 1,9 Wissenschaftler, zeigen die jüngsten Zahlen von 2007. Im Jahr 1990 lag die Quote noch bei etwa 0,79. Wenn sich das Land erst den Werten hochentwickelter westlicher Staaten nähert (Deutschland: 7,2), wird die Zahl chinesischer Forscher geradezu unüberschaubar sein. Schließlich leben in dem Land 1,3 Milliarden Menschen.

Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen aus dem Reich der Mitte ist regelrecht explodiert, berichten die Marktforscher von Thomson Reuters. Die Agentur hat Artikel aus 10.500 wissenschaftlichen Magazinen mit Peer Review ausgewertet - jene Fachblätter, die Artikel erst nach eingehender Begutachtung durch Forscherkollegen publizieren. Die Zahl der Paper aus China ist demnach heute 64-mal so groß wie 1981.

Im Jahr 1998 hatten chinesische Forscher 20.000 Artikel veröffentlicht. Zehn Jahre später waren es schon 112.000. Damit hat China Japan (rund 80.000) und Deutschland (rund 90.000) überholt und ist hinter den USA die Wissenschaftsnation Nummer zwei - zumindest bei der reinen Menge der Fachartikel.

"Chinas Performance hat die hohen Erwartungen übertroffen"

US-Forscher brachten es 2008 auf 340.000 Paper, zehn Jahre zuvor waren es 265.000. Wenn der Anstieg so weitergeht - und bislang sieht alles danach aus -, dann wird China im Jahr 2020 die Nummer eins sein.

"Chinas Performance hat die hohen Erwartungen übertroffen", sagte James Wilsdon, Direktor für Wissenschaftspolitik der britischen Royal Society London. Im Unterschied dazu habe sich Indien nicht so schnell entwickelt.

Vor allem in den vergangenen zehn Jahren hat China auf mehreren Gebieten den Anschluss an die Spitzenforschung geschafft. Etwa in der Raumfahrt: 2003 brachte die Rakete Langer Marsch "Shenzhou 5" in das Weltall. Im Raumschiff saß Yang Liwei, Chinas erster Taikonaut, wie es seine Astronauten nennt. 2007 funkte die Raumsonde "Chang'e 1" erste Bilder vom Mond. Auch in der Atomforschung, der Hochenergiephysik und der Informatik haben chinesische Fachleute ein hohes Forschungsniveau erreicht.

Besonders viele Artikel haben Wissenschaftler in der Materialforschung, der Chemie und der Physik veröffentlicht. In der Materialforschung lag der Anteil an den weltweiten Publikationen bei 21 Prozent (Jahre 2004 bis 2008). In speziellen Gebieten wie der Kristallografie oder der Metallurgie erreichte China sogar mehr als 30 Prozent.

"Die Wissenschaftler dort forschen sehr anwendungsnah", sagt Karlheinz Meier, Physikprofessor an der Universität Heidelberg, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In den Materialwissenschaften etwa gebe es "ganz hervorragende Publikationen". "Das ist nicht nur Masse, sondern hochwertig", sagt Meier, der im Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) den Bereich Internationale Beziehungen verantwortet. "Was noch ein bisschen fehlt, ist international sichtbare Grundlagenforschung, etwa in den Bereichen Astrophysik oder Teilchenphysik." Die ist nach Meiers Einschätzung besonders wichtig, weil sie viele Leute hervorbringt, die unabhängig denken und international vernetzt arbeiten.

China holt seine Auslandsstudenten zurück

Jonathan Adams von Thomson Reuters charakterisiert die Qualität chinesischer Publikationen dagegen noch als "durchwachsen", wie er der Zeitung "Financial Times" sagte. Dies spiegelt sich auch in der vergleichsweise geringen Zahl von Patenten je Wissenschaftler wider.

Doch das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern. "Die haben ziemlich gute Maßnahmen eingeleitet, um die Qualität zu verbessern", sagt Adams. Der Heidelberger Physiker Meier sieht das ganz ähnlich: "Die Erkenntnis, dass man mehr Grundlagenforschung machen muss, hat sich durchgesetzt."

Profitieren wird das Land auch von den vielen Chinesen, die im Ausland studieren, ihre Doktorarbeit schreiben oder zeitweise an Forschungsinstituten arbeiten. In Deutschland gab es 2008 fast 26.000 chinesische Studenten. Sie stellen elf Prozent der ausländischen Hochschüler, die größte Gruppe.

China lockt seine Studenten und Forscher mit attraktiven Angeboten wieder zurück in die Heimat - und kann so Wissen transferieren. "Man fokussiert sich dabei auf Spitzenleute", sagt Meier. Diese würden mit viel Geld ausgestattet.

Heimkehrende Forscher bringen aber nicht nur wissenschaftliches Know-how mit. Wer die Freiheiten des Westens kennengelernt hat, wird die chinesische Gesellschaft mit anderen Augen sehen. "Wissenschaft kann gesellschaftsverändernd sein", sagt Meier.

Vorbild Japan?

Die Verflechtung mit Forschern aus anderen Ländern nimmt zu. Neun Prozent aller Fachartikel aus China haben zumindest einen Co-Autor aus den USA, hat Thomson Reuters ermittelt. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Japan (drei Prozent) und Deutschland (2,3 Prozent). "Regionale Netzwerke wissenschaftlicher Zusammenarbeit entwickeln sich rapide", sagt Adams. Dies gelte besonders für den asiatisch-pazifischen Raum.

Angesichts des rasanten Tempos, in dem sich Wirtschaft wie Wissenschaft entwickeln, dürfte sich das Land nach und nach vom Billigproduzenten zum Entwickler und Hersteller höherwertiger Produkte wandeln, zumindest in den hochindustrialisierten Regionen. Eine ähnliche Entwicklung wie Japan und Südkorea - der Technologievorsprung der USA und Westeuropas wird kleiner. Immer mehr Unternehmen aus Europa und den USA betrachten China längst nicht mehr als Werkbank, sondern lassen dort auch neue Produkte entwickeln, allgegenwärtigen Kopiervorwürfen zum Beispiel bei Automobilen zum Trotz.

Ängste vor einer Wissenschaftssupermacht China sind laut DPG-Vorstand Meier jedoch nicht angebracht. "Man kann nie genug gut ausgebildete Forscher haben." In westlichen Ländern lasse das Interesse an Wissenschaft nach. Viele Probleme der Welt wie der Klimawandel oder die Energieversorgung ließen sich jedoch nur mit Wissenschaft lösen. "Wenn dabei die Chinesen eine große Rolle spielen, habe ich damit kein Problem."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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1. Erlaubt, was in anderen Staaten verboten ist?
Tractus, 06.02.2010
Der erste Gedanke, der mir kam: dass in China mit Sicherheit vieles erlaubt ist, was andernorts aufgrund berechtigter ethischer Bedenken verboten ist. Die Vernetzung ermöglicht weltweit die Teilhabe von Wissenschaftlern an Experimenten, die woanders zu recht verboten sind - irre ich mich, oder habe ich recht?
2. China verändert sich schnell
bluedanube, 06.02.2010
Zitat von sysopVon wegen Werkbank der Welt: China schickt sich an, zur Forschungsnation Nummer eins zu werden. Die Wissenschaftler des Landes erarbeiten sich gerade einen Spitzenruf - und vernetzen sich dabei mit Kollegen aus den USA und Westeuropa. Wird das die Gesellschaft des Landes verändern? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,674077,00.html
Selbstverständlich ändert das die Gesellschaft! In Deutschland sieht man es ja. Hier werden Hochtechnologie und Naturwissenschaft die letzte Jahrzehnte von Teilen der Gesellschaft bekämpft oder (die letzten 15 Jahre) auf dem Altar der finanziell auspressenden Finanzmärkte geopfert. Die Konsequenz ist der Verlust vieler gut bezahlter Hochtechnologiearbeitsplätze und damit verbunden das starke Wachstum des Niederiglohnsektors. In China wird es anders herum laufen. Und mit dem steigenden Wohlstand aus Forschung und Entwicklung in Hochtechnologie steigt der Drang nach Freiheit. Solange bis gesellschaftliche Bewegungen aus ihrer Wohlstands-Saturiertheit heraus die weitere Entwicklung in einigen Jahrzehnetn wieder bremsen werden und das Land dann in der heutigen deutschen Situation sich wiederfindet..
3. china ist ja soooooooo toll !!! *Sarkasmus*
pette 06.02.2010
Ich kann diese Weltuntergangsartikel mit "Deutschland ist sowas von schlecht" und "wir werden in der Zukunft nichts mehr zu sagen haben, andere werden uns überholen" sowas von nicht mehr lesen und hören! Bitte schreibt doch mal was positives... verkauft sich bestimmt genauso gut wie negative Schlagzeilen ... die bewirken nämlich nur das manche Menschen dadurch krank und kaputt werden. Jeden Tag sehe ich solche Menschen in der U-bahn deren Gesichter sich, durch die Hiobsbotschaften auf dem Bildschirm an der Decke, verfinstern.
4. Nein
Silverhair, 06.02.2010
Zitat von TractusDer erste Gedanke, der mir kam: dass in China mit Sicherheit vieles erlaubt ist, was andernorts aufgrund berechtigter ethischer Bedenken verboten ist. Die Vernetzung ermöglicht weltweit die Teilhabe von Wissenschaftlern an Experimenten, die woanders zu recht verboten sind - irre ich mich, oder habe ich recht?
Sie irren sich. Ethisch bedenkliche Experimente gibt es glücklicherweise so oder so extrem wenig, weil man damit eigentlich kein Wissen erlangen kann. Soweit es ethisch problematische Experimente gibt, entstammen sie letztlich uralten Religionsvorstellungen, deren Grundlagen sowiso sehr dünn sind. Aber Religionen sind eben auch Unterschiedlich - Buddismus hat da eine ganz andere Weltvorstellung zb: über Leben und Sterben. Insgesamt sind die Konflikte da extrem selten - und hängen sich an so Unsinn auf wie "Dürfen Jugendliche unter /über nacktes sehen" oder "ist ein einzeller schon ein vollständiges Lebewesen" wobei noch nicht mal klar ist was ein Lebewesen überhaupt ist! Auch, ob die "entnahme von weiblichen Eiern" zu wissenschaftlichen Zwecken rechtens ist - das ist eher der Versuch Meinungshoheiten zu schaffen - wissenschaftlich selber sind solche Konflikte selten.
5. Positiv denken!
gummiband 06.02.2010
Zitat von petteIch kann diese Weltuntergangsartikel mit "Deutschland ist sowas von schlecht" und "wir werden in der Zukunft nichts mehr zu sagen haben, andere werden uns überholen" sowas von nicht mehr lesen und hören! Bitte schreibt doch mal was positives... verkauft sich bestimmt genauso gut wie negative Schlagzeilen ... die bewirken nämlich nur das manche Menschen dadurch krank und kaputt werden. Jeden Tag sehe ich solche Menschen in der U-bahn deren Gesichter sich, durch die Hiobsbotschaften auf dem Bildschirm an der Decke, verfinstern.
Ich finde den Artikel sehr positiv. Was ist daran negativ, wenn Innovationen zukünftig nicht nur aus dem Westen, sondern auch auch China kommen? Hat es vielleicht mit dem Ego zu tun?
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Chimerica gegen den Rest der Welt
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Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen war die Macht dieser unheimlichen Allianz zu beobachten: China und die USA haben sich einem Abkommen verweigert, sie wollten Einschränkungen für die eigene Wirtschaft nicht akzeptieren - und ließen den Gipfel scheitern. Die beiden auf den ersten Blick völlig verschiedenen Supermächte stellen zusammen 25 Prozent der Weltbevölkerung und tragen mehr als ein Drittel zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Die Ökonomien der beiden Staaten sind dabei durch gegenseitige Abhängigkeiten bereits so weit miteinander verflochten, dass die beiden Wirtschaftsprofessoren Neill Ferguson und Moritz Schularick sie in der Wortschöpfung "Chimerica" vereinigten. Sie existieren wie in Symbiose - zwei Organismen, die erst gemeinsam ihre wahre Kraft entfalten.

Was bedeutet die Existenz einer solchen Doppelsupermacht für die europäische Konkurrenz? Welche Auswirkungen hat ihre Dominanz auf den Weltfinanzmärkten? Welche strategischen Ziele verfolgt die Allianz?

SPIEGEL ONLINE geht diesen Fragen in einer eigenen Serie auf den Grund: Chimerica gegen den Rest der Welt.

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