Mumienfund in Basel Das ist die Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Oma von Boris Johnson

Vor 230 Jahren starb eine Frau in Basel, ihre Mumie wurde nun mit modernen Methoden untersucht. Ergebnis: Sie ist eine Ahnin des britischen Außenministers Boris Johnson.

Untersuchte Mumie
Naturhistorisches Museum Basel/ Gerhard Hotz

Untersuchte Mumie

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Es soll hier nicht weiter diskutiert werden, welchen diplomatischen Wert eine Reise in die kleine Schweiz für einen Mann wie Boris Johnson hätte. Zumindest aus familiärer Sicht wäre ein Trip ins Alpenland durchaus lohnenswert für den britischen Außenminister und Brexit-Befürworter. Er könnte hier nämlich eine enge Verwandte besuchen, die aufgrund ihres besonderen Zustandes dauerhaft im Untergeschoss eines Basler Gebäudes verwahrt wird.

Die Dame infizierte sich leider vor vielen Jahren mit dem Syphilis-Bakterium, wobei unklar ist, auf welche Weise. Es gibt Hinweise dafür, dass es eher nicht beim Sex geschah. Nach Ausbruch der Krankheit versuchte offenbar ein Mediziner, die arme Frau mit Quecksilber-Dämpfen zu kurieren. Das misslang gründlich: Der giftige Dunst brachte keine Linderung, sondern die Dame um.

Die Therapie, die heutzutage aus guten Gründen nicht mehr zur Anwendung kommt, hatte allerdings einen interessanten Effekt. Das toxische Metall, das sich im Körper der Frau verteilt hatte, tötete alle Bakterien, die sich ansonsten über Tote hermachen. So geschah es also, dass die Frau post mortem nicht verweste, sondern konserviert wurde.

Perfekt mumifiziert

Das macht Boris Johnson zum Enkel einer Art Mumien-Omi, denn wie heute in Basel bekannt gegeben wird, handelt es sich bei der Mumie mit großer Sicherheit um Anna Catharina Bischoff-Gernler - Johnsons 1787 gestorbene Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter.

Gefunden wurde die Leiche der Außenminister-Ahnin schon im Jahre 1975. Um Restaurierungsarbeiten in der Basler Barfüsserkirche vorzubereiten, rückte routinemäßig die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt an. Im Erdreich des Chorraumes stießen die Forscher auf einen gelben Sarg und öffneten ihn: Es lag kein Skelett darin, sondern die trockene Mumie einer Frau, optisch mindestens so gut erhalten wie Tutanchamun und viele andere bekannte mumifizierte Leichen.

Die Archäologen fanden zunächst keinerlei Hinweise darauf, um wen es sich bei dem gerade einmal 1,40 Meter großen Menschlein handelte. Die Verblichene wurde zur Aufbewahrung ans Naturhistorische Museum geliefert und erst im Jahre 2015 wieder gründlich untersucht. Damals stand eine Mumien-Ausstellung an, und Kurator und Anthropologe Gerhard Hotz wollte seine Exponate etwas genauer kennenlernen.

Boris Johnson
AFP

Boris Johnson

Der 54-Jährige ist ein Profi, wenn es um die Identifizierung von Menschen geht, die schon vor Hunderten Jahren ihren letzten Atemzug taten. Gemeinsam mit einigen Kollegen und Ehrenamtlichen erforscht er unter anderem mehrere Skelette, die in den vergangenen Jahren auf ehemaligen Basler Friedhöfen geborgen wurden.

Das Team will herausfinden, wem die Knochengerüste einst gehörten und die Lebensgeschichten dieser vor etwa 200 Jahren verstorbenen Menschen rekonstruieren. Es handelt sich dabei um eines der faszinierendsten Projekte der modernen historischen Forschung und zeigt, welch raffinierte forensische Methodik Archäologen und Anthropologen heutzutage zur Verfügung steht.

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Rekonstruktion: Archäologen starten Notgrabung des Basler Spitalsfriedhof

Während Hotz und einige Forscherkollegen nicht nur Beweise für die Syphilis-Erkrankung fanden, sondern auch DNA isolieren konnten, entdeckten die Ahnenforscher ein altes Gräberverzeichnis. So ließ sich rekonstruieren, dass es sich bei der Mumie vermutlich um besagte Frau Bischoff handelte - eine 1719 in Straßburg geborene Dame, die einen protestantischen Pfarrer ehelichte. Nach dessen Tod siedelte sie vermutlich des Familienanschlusses wegen nach Basel über, wo ihre Schwester lebte.

Bestattung im Chorraum

Wo sich die kleinwüchsige Frau mit Syphilis infizierte, wird sich wohl niemals klären lassen. Allerdings gehörte es damals gerade für Pfarrersfrauen zum guten Ton, sich der Armenfürsorge zu widmen; es ist also möglich, dass sie sich den Erreger auf irgendeiner Krankenstation voller hustender und blutender Patienten einfing.

Dass Bischoff nach ihrem Ableben im Chorraum der Kirche bestattet wurde, also an sehr prominenter Stelle, könnte damit zu tun haben, dass ihr Großvater einst Basler Spitalmeister war, also der Chef eines Krankenhauses.

Um den letzten Beweis anzutreten, dass die Mumie tatsächlich einmal Anna Catharina Bischoff war, mussten die Ahnenforscher weibliche Nachfahren ausfindig machen. Beim Erbgut, das von der Mumie stammte, handelt es sich nämlich um mitochondriale DNA, die nur von der Mutter vererbt wird.

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Naturhistorisches Museum Basel/ Gerhard Hotz

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Es gelang den Genealogen, ein betagtes Geschwisterpaar aus Basel und eine 88-jährige Dame aus den USA aufzuspüren: Sie alle stimmten der Abgabe einer Speichelprobe und dem Vergleich ihrer DNA mit der von der Mumie zu. Ergebnis: drei Treffer mit jeweils mehr als 99,4 Prozent Übereinstimmung.

Das an sich ist noch kein eindeutiger Beweis. Doch weil die Forscher Daten aus Gräberverzeichnissen, Familienstammbäumen und DNA-Tests miteinander haben, sind sie sich sicher, dass es sich bei der Leiche aus der Barfüsserkirche um Pfarrersfrau Bischoff handelt, die insgesamt sieben Kinder zur Welt brachte.

Verbindung in die Türkei

Eine ihrer Töchter heiratete einen Diplomaten, von dem aus die Genealogen immer weiter Richtung Gegenwart recherchierten. Dort angekommen stießen sie auf einen wohlbekannten Namen: Boris Johnson - Ex-Bürgermeister von London und seit Juli 2016 Außenminister Großbritanniens.

Mit der mumifizierten Großmutter wird Johnsons Familiengeschichte nun noch ein wenig interessanter. Einer seiner Urgroßväter war Ali Kemal - letzter Innenminister des Osmanischen Reiches und verantwortlich für die Verhaftung Kemal Atatürks.

Über seine Ur-ur-ur-Großeltern Adelheid Pauline Karoline von Rottenburg (1805-1872), nichteheliche Tochter von Prinz Paul von Württemberg, und Karl Maximilian Freiherr von Pfeffel (1811-1890), ist Johnson außerdem mit der englischen Königsfamilie verwandt.

Insofern ist die Mumie, die im Keller des Naturhistorischen Museums auf dem obersten Bord eines Regals lagert, auch eine entfernte Familienangehörige einer anderen bekannten Persönlichkeit: Queen Elizabeth.

Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes stand, dass die Frau sich mit einem Syphilis-Virus infiziert habe. Dies stimmte nicht: Der Erreger der Syphilis ist ein Bakterium. Die entsprechende Stelle wurde geändert.



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