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29. Juni 2007, 15:38 Uhr

Brand in Krümmel

Schwaches Stromnetz gefährdet AKW-Sicherheit

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Spannungsschwankungen gelten als möglicher Auslöser des Brandes im Atomkraftwerk Krümmel, auch wenn Vattenfall dies mittlerweile bestreitet. Experten glauben, dass solche Schwankungen immer wieder auftreten werden - solange die Hochspannungsnetze nicht den aktuellen Belastungen angepasst sind.

Wenn es um die Versorgungssicherheit geht, dann loben sich Deutschlands Stromkonzerne gern selbst. Alles sei bestens, man investiere Milliarden, es könne praktisch nicht passieren, dass zwischen Flensburg und Görlitz die Lichter ausgingen. Was die Aussagen der Manager wert sind, zeigte sich zuletzt im November, als die Abschaltung einer Leitung über den Fluss Ems eine europaweite Kaskade von Stromausfällen auslöste.

Und auch die gestrigen Zwischenfälle in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel mehren die Zweifel an der angeblich so sicheren Stromversorgung in Deutschland. Noch läuft die Suche nach den Ursachen des Trafo-Brandes in Krümmel. Aber Vattenfall-Sprecher Ivo Banek selbst brachte die Theorie ins Gespräch, dass die beiden Zwischenfälle miteinander zusammenhängen und die Abschaltung von Brunsbüttel gestern gegen 13 Uhr womöglich den Brand in Krümmel gegen 15 Uhr verursacht hat.

Spannungsschwankungen als Feuerauslöser?

Was war passiert? In Brunsbüttel hatten Techniker einen neuen Wandler in eine Schaltanlage eingebaut, die von E.on betrieben wird. Nach der Inbetriebnahme des neuen Bauteils kam es zu einem Kurzschluss. In der Folge wurde das Atomkraftwerk, das immerhin eine Leistung von fast 1400 Megawatt hat, heruntergefahren.

Das Abschalten von Brunsbüttel blieb nicht ohne Folgen: "Wenn eine so große Kapazität vom Netz geht, entstehen Spannungsschwankungen", sagte Vattenfall-Sprecher Banek im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deren Spitzen und Senken könnten sich wie Wellen im Netz ausbreiten.

Überspannungen könnten dann später gegen 15 Uhr den Brand in einem Trafohaus in Krümmel ausgelöst haben. Dies sei "ein mögliches Szenario". Beide Kraftwerke sind mehr als hundert Kilometer voneinander entfernt und versorgen sowohl Schleswig-Holstein als auch Hamburg mit Strom. "Der Brand im Trafohaus des Kraftwerks Krümmel ist durch einen Kurzschluss entstanden", sagte Banek. "Es gab eine Überspannung und dann einen Lichtbogen, der das Öl im Trafo entzündet hat."

Dementi aus der Konzernzentrale

Johannes Altmeppen, Leiter der Konzernkommunikation bei Vattenfall Europe, widersprach seinem Vattenfall-Kollegen aus Hamburg. "Es gibt nach allen vorliegenden Erkenntnissen keinen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Krümmel und Brundsbüttel." Die Abschaltung in Brunsbüttel sei zwei Stunden vor Ausbruch des Feuers in Krümmel geschehen, sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Grund für den Kurzschluss stehe noch nicht fest, erklärte er. Der Fehler habe aber "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" im Trafo selbst gelegen und nicht außerhalb. "Es gab europaweit kein Ereignis, das bei uns hätte durchschlagen können."

Beim Abschalten des Kraftwerks Brunsbüttel sei es nur zu einem kurzzeitigen Spannungseinbruch gekommen, betonte Altmeppen. "Dieser dauerte nur wenige Millisekunden. Es gab jedoch keine Spannungsschwankungen." Das Umschalten im Höchstspannungsnetz (400 kV) führe immer zu einem solchen Spannungseinbruch. Die Abschaltungen von Brunsbüttel und Krümmel hätten die Stromversorgung über das 400-kV-Netz jedoch nicht beeinflusst. "Die Ausfälle in Hamburg, beispielsweise bei Ampeln und Bahn, sind darauf zurückzuführen, dass die Steuercomputer bei kurzzeitigen Spannungseinbrüchen ausfallen."

Experten haben allerdings kaum Zweifel an der Überspannungstheorie, auch wenn diese nicht zwangsläufig das Feuer in Krümmel erklärt: "Dass es nach der Abschaltung von Brunsbüttel zu Spannungsschwankungen im Netz gekommen ist, kann ich mir gut vorstellen", sagte Hermann-Josef Wagner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er leitet den Lehrstuhl für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Wenn ein Kraftwerk ausfalle, müssten andere mehr einspeisen. Dies führe zu anderen Belastungen im Netz. Der Geschäftsführer des Verbandes der Netzbetreiber, Konstantin Staschus, bestätigte ebenfalls, dass es zu Problemen mit der Spannung kommen könne, wenn in einer Region zwei benachbarte Kraftwerke ausfielen.

Wagner hält das Problem der Spannungsschwankungen für hausgemacht. Das deutsche Hochspannungsnetz sei nicht für die heutigen Anforderungen konzipiert. "In Deutschland wurden Kraftwerke möglichst nah an die Verbraucher gebaut, um die Leitungsverluste so gering wie möglich zu halten", sagte er. Entsprechend sei auch das Hochspannungsnetz gebaut worden.

Seit der Liberalisierung des Strommarkts 1998 könne jedoch jeder Strom kaufen, wo er wolle. Vor allem Großabnehmer täten dies auch, was zu anderen Belastungen des Netzes führe. Auch der Ausbau der Windenergie sei für das Netz ein Problem, sagte Wagner, "vor allem in Norddeutschland, wo die Nachfrage gering und das Netz aus historischen Gründen schwach ist". An manchen Tagen könne es passieren, dass der Windstrom bis ins Ruhrgebiet transportiert werden müsse. Hinzu kämen permanente Stromlieferungen von Frankreich nach Italien, die teils über Süddeutschland erfolgten.

"Das Hochspannungsnetz wird deshalb komplett anders belastet als ursprünglich geplant", erklärte Wagner. "So kommt es immer wieder zu kritischen Situationen." Dies werde sich frühestens in vier bis fünf Jahren ändern, womöglich aber auch erst in acht Jahren, glaubt er.

"Störung in einem vertretbaren Rahmen"

Spannungsschwankungen, die laut Wagner im deutschen Netz kaum zu vermeiden sind, müssen aber nicht automatisch zu Problemen führen oder gar Kurzschlüsse auslösen, wie womöglich gestern in Krümmel. Die Schwankungen können sich zwar aus dem Hochspannungs- ins Mittel- und Niederspannungsnetz fortpflanzen. Doch manche Teilnetze werden automatisch abgeschaltet, wenn die Schwankungen zu groß sind. Auch einzelne Verbraucher schalten sich bei zu großen Schwankungen ab: So geschah es zum Beispiel gestern bei den Ampeln in Hamburg.

Warum aber gab es am Trafo des Kraftwerks Krümmel keine solche Abschaltung, sofern Überspannungen das Feuer ausgelöst haben? "Es gibt auch in Krümmel einen Überspannungsschutz", sagte Vattenfall-Sprecher Banek. Trotzdem sei es zu dem Kurzschluss gekommen. Man müsse die Ursachen noch genauer analysieren.

Trotz des gestrigen Ausfalls zweier Atomkraftwerke hält Vattenfall die Stromversorgung für sicher. "Die Zwischenfälle würde ich nicht als Indiz dafür werten, dass das System nicht stabil ist", sagte Unternehmenssprecher Banek. Die Störung sei "in einem vertretbaren Rahmen" geblieben. "Wir hatten nicht halb Europa ohne Strom." Eine hundertprozentig sichere Stromversorgung sei zwar prinzipiell möglich, aber zu teuer.

Bei den Störungen in Brunsbüttel und Krümmel war am Donnerstag innerhalb von zwei Stunden eine Kraftwerksleistung von rund zwei Gigawatt ausgefallen. Das europäische Verbundnetz sei aber darauf ausgelegt, den Ausfall von drei Gigawatt unmittelbar auszugleichen, sagte Staschus, Chef des Verbandes der Netzbetreiber. " Europaweit liefern die Kraftwerke bis zu 390 Gigawatt, so dass drei Gigawatt ein relativ kleiner Anteil sind." Große Kraftwerke in ganz Europa fahren mit gedrosselter Leistung, um im Bedarfsfall schnell zusätzliche Energie zur Verfügung stellen zu können.

Womöglich kommen den Managern der Stromkonzerne die gestrigen AKW-Abschaltungen sogar gelegen. In der nächsten Woche treffen sie sich mit Angela Merkel zum Energiegipfel. Ein Thema dabei wird auch der weitere Ausbau der Netze und eine mögliche Trennung von den Energieversorgern sein. Die gegenwärtige Unsicherheit schade der Versorgungssicherheit, könnten die Konzernchefs argumentieren und auf weitreichende Zusagen für den Erhalt ihres Oligopols dringen.

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