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Britische Studie: Deutsche sollen intelligenteste Europäer sein

Ein britischer Forscher hält die Deutschen neben den Niederländern für das Volk mit dem höchsten Intelligenzquotienten in Europa. Der Psychologe hat eine ungewöhnliche Erklärung für die Ergebnisse.

London - Mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten von 107 liegen die Deutschen laut der Untersuchung gemeinsam mit den Niederländern (107) vor den Polen (106), den Schweden (104) und den Italienern (102), wie die Londoner "Times" in ihrer heutigen Ausgabe berichtet.

Mit einem Durchschnitts-IQ von 100 liegen die Briten zwar hinter der Spitzengruppe, aber immerhin sind sie der Untersuchung zufolge noch klüger als die Franzosen (94). Die letzten Plätze nehmen Rumänen, Türken und Serben ein. Als normal gilt ein IQ von 85 bis 115; besonders intelligente Menschen können jedoch durchaus Intelligenzquotienten von 145 erreichen.

Richard Lynn, emeritierter Professor der nordirischen University of Ulster und Verfasser des Rankings, sieht im Klima Nord- und Mitteleuropas den Grund für den IQ-Vorsprung: Die kalten Temperaturen haben nach Ansicht des Professors die hiesigen Gehirne voluminöser werden lassen.

Fleischige Nahrung soll Intelligenz gesteigert haben

"Die frühen Menschen in nördlichen Gebieten mussten die kalten Winter überleben, in denen es keine pflanzliche Nahrung gab, und waren gezwungen, großes Wild zu jagen", sagte Lynn der "Times". Die Nahrung bilde den größten äußeren Einfluss auf den IQ, und die Menschen in Südosteuropa hätten durch die fleischärmere Ernährung weniger Proteine, Mineralien und Vitamine abbekommen. "Sie sind wichtig für die Entwicklung des Gehirns", meint Lynn.

Für die Tatsache, dass die recht weit nördlich lebenden Schotten mit einem IQ von 97 tief in der unteren Hälfte der Intelligenz-Tabelle liegen, hat der Professor eine einfache Erklärung parat: Über die Jahrhunderte seien die schlauen Leute nach London abgewandert, denn in dieser Gegend liege der mittlere IQ mit 102 sogar über dem Durchschnitt Englands. Einmal in der Hauptstadt angekommen, hätten die Menschen Kinder gezeugt und ihre Intelligenz so an spätere Generationen weitergegeben.

Auch die militärischen Siege der Briten gegen die Franzosen im Laufe der Jahrhunderte sieht Lynn unter anderem mit seinem Befund erklärt: Es sei ein Gesetz der Geschichte, dass das militärische Lager mit dem größeren IQ gewinne. Diese Regel gelte allerdings nicht, wenn - wie bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg der Fall - die Armee zahlenmäßig stark unterlegen sei.

Umstrittener Forscher

Lynn hatte bereits 2002 als Co-Autor des Buchs "IQ and the Wealth of Nations" Schlagzeilen gemacht. Darin hatte gemeinsam mit dem finnischen Psychologen Tatu Vanhanen versucht, eine Art IQ-Weltkarte zu erstellen. Im vergangenen Jahr sorgte Lynn erneut für Aufregung, als er Männern einen durchschnittlich fünf Punkte höheren IQ als Frauen attestierte. Zudem brachte sich Lynn mit eigenen Äußerungen in die Nähe von Befürwortern der Eugenik.

Renommierte Intelligenzforscher weisen darauf hin, dass bei der nun vorliegenden Studie nicht immer der gleiche Test und die gleichen Rahmenbedingungen herrschten. So nahm Lynn seine Daten aus verschiedenen Veröffentlichungen. "Das ist deshalb nicht ein Intelligenz-PISA", sagte die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. "Bei großen Unterschieden zwischen Ländern kann man aber natürlich überlegen, ob da nicht auch etwas dahinter steckt."

Allerdings warnte Stern, für die These einer Entwicklung von Intelligenz aufgrund frühgeschichtlicher Klimaeinflüsse gebe es keine schlüssigen Beweise. Auch ob die Gehirngröße mit der Intelligenz in Verbindung stehe, sei ungeklärt und werde erst in den kommenden Jahren durch bessere Messmethoden genauer zu bestimmen sein. Akademische und praktische Intelligenz hingen außerdem nicht unbedingt zusammen. Es sei zu bezweifeln, "ob die Fähigkeiten, die heute als Intelligenz gelten, die gleichen Fähigkeiten sind, die man braucht, um mit Stöcken und Steinen nach Mammuts zu jagen".

Zweifel an Nord-Süd-Gefälle

Auch der Erklärungsansatz einer Verteilung zwischen dem Norden und Süden Europas sei zweifelhaft. Immerhin seien gerade die Deutschen "ein Mischmasch", weil in der Geschichte sowohl Völker aus dem Norden als auch aus dem Süden durch das Land gezogen seien. Vielmehr müsse auch gefragt werden, inwieweit Schulbildung und Lerngeschichte der getesteten Personen für die Ergebnisse der Studie entscheidend seien. So sei bewiesen, dass der IQ von der Dauer des Schulbesuchs abhänge. "Wenn es in Südeuropa ein Jahr weniger Schulpflicht gäbe, würde ich das für eine plausiblere Erklärung halten", sagte Stern.

Neben Lynns Theorie über die Größe des Gehirns existieren gleich eine ganze Reihe von Erklärungen dafür, wie das Hirn des Menschen sein heutiges Volumen erreicht hat. So führen manche Wissenschaftler das Wachstum des Denkorgans darauf zurück, dass sich die Vorfahren des Menschen dank größerer Denkleistung besser in ihrer Umwelt behaupten, Raubtieren entkommen und gemeinsam große Beutetiere erlegen konnten.

Andere Forscher argumentieren dagegen, dass im Tierreich eine höhere Intelligenz keineswegs bessere Überlebenschancen bedeute. Ihrer Meinung nach haben die Frühmenschen an einem bestimmten Punkt der Evolution genug Nahrung gefunden, um sich ein so energiehungriges Organ wie das Gehirn überhaupt erst leisten zu können. Da das Gehirnvolumen schon feststehe, wenn ein Kind von der Brust der Mutter entwöhnt werde, hänge es vor allem von der Ernährung der Mutter ab, wie groß das Hirn gerate.

Wieder andere Wissenschaftler glauben, dass das Gehirn nichts weiter sei als die menschliche Variante des bunten Federschmucks bei Vögeln: Es diene vor allem dazu, das andere Geschlecht zu beeindrucken und habe deshalb seinen Besitzern einen Vorteil bei der Fortpflanzung verschafft.

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