Britische Studie Klimawandel bedroht die Weltwirtschaft

Obdachlosigkeit, Dürre, Wasserknappheit - die Szenarien sind bedrohlich, die Konsequenzen erschreckend. Ein ungehemmter Klimawandel wird einer britischen Studie zufolge die Weltwirtschaft in eine Krise wie in den dreißiger Jahren stürzen, weil die Folgeschäden Billionen kosten.


London - Premierminister Tony Blair spricht vom wichtigsten Papier, das er in seiner Amtszeit erhalten habe. Ein Wirtschaftswissenschaftler, kein Klimaforscher, sorgt mit einer Studie zu den Kosten des weltweiten Klimawandels für Aufsehen. Nicholas Stern, britischer Sir und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, wird der ehrwürdigen Wissenschaftlervereinigung Royal Society bedrohliche Daten vortragen: Die Folgen des Klimawandels könnten zwischen fünf und 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts auffressen, vergleichbar mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren. Kosten in einer Größenordnung bis zu 3,68 Billionen Britische Pfund (rund 5,5 Billionen Euro), hat Stern hochgerechnet, kämen auf die Menschheit zu, wenn nichts gegen den Klimawandel unternommen werde. In dem Fall würde bis Ende des Jahrhunderts die globale Durchschnittstemperatur um fünf Grad Celsius ansteigen.

Die 700-seitige Studie, die heute in London veröffentlicht wurde, ist Teil der Klimaschutzinitiative der britischen Regierung. Stern leitete die vorangegangene Forschung im Auftrag von Schatzkanzler Gordon Brown. Erste Details waren im Vorfeld ausgewählten Medien zugespielt worden.

Die Ökonomen um Stern mahnen, dass schon jetzt rund ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts - etwa 270 Milliarden Euro jährlich - ausgegeben werden müsse, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Geschehe das nicht, warnen sie unter anderem:

  • Überschwemmungen infolge steigender Meeresspiegel könnten bis zu 100 Millionen Menschen obdachlos machen.
  • Schmelzende Gletscher könnten für einen von sechs Menschen auf der Welt zu Wasserknappheit führen.
  • Bis zu 40 Prozent aller Tierarten könnten ausgerottet werden.
  • Trockenheiten und Dürre könnten Hunderte Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen machen.

"Unsere Handlungen in den nächsten Jahrzehnten könnten Risiken erheblicher Verwerfungen für die wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten später im Jahrhundert und im kommenden erschaffen", warnt Stern. "Keine Frage, wenn die Wissenschaft Recht behält, sind die Konsequenzen für unseren Planeten im wahrsten Sinne des Wortes desaströs", sagte Blair. "Diese Katastrophen werden nicht in irgendeiner Science-Fiction-Zukunft stattfinden, sondern während unserer Lebenszeit."

China und USA sollen "Preis bezahlen"

Wenig überraschend stützt der Stern-Report die Position der britischen Regierung, dass die Hauptschuldigen am stetig wachsenden Kohlendioxid-Ausstoß mit in eine Lösung eingebunden werden müssten: Würde Großbritannien von heute auf morgen alle Kraftwerke abschalten, rechnet die Studie vor, so würde die daraus resultierende CO2-Ersparnis schon binnen eines Jahres durch die steigenden Emissionen in China zunichte gemacht.

Besonders China und die USA müssten für die Verschmutzung, die sie produzierten, "den Preis bezahlen", sagte Stern. Seine Studie empfiehlt eine neue internationale Übereinkunft für das kommende Jahr. Eigentlich sollte eine Nachfolgeregelung für das Klimaschutz-Abkommen von Kyoto erst 2011 vereinbart werden. Dieses haben beispielsweise die USA nicht einmal ratifiziert. China hat dies zwar getan, gilt allerdings als Entwicklungsland - und ist als solches bis 2012 nicht zur Reduktion von Treibhausgasen verpflichtet.

In Großbritannien erwägt die oppositionelle konservative Partei nach einem Bericht der BBC die Möglichkeit, besondere Steuern auf Flugreisen zu erheben. Die Sonntagszeitung "Mail on Sunday" veröffentlichte einen Brief, der von Umweltminister David Miliband an Schatzkanzler Brown adressiert gewesen sein soll. "Marktorientierte Instrumente wie Steuern müssen eine substantielle Rolle spielen", heißt es darin nach Angaben der Zeitung. Unter anderem erwäge die Regierung neue Steuern.

Briten planen neue Steuern - und heuern Al Gore an

Zwar weigerte Miliband sich, zu Details Stellung zu nehmen. Er bestätigte aber, dass ein Dokument durchgesickert sei. Darin ist unter anderem von höheren Abgaben auf verbrauchsintensive Autos und höheren Kosten für die Straßenbenutzung die Rede.

Gordon Brown, der Tony Blair als Ministerpräsident beerben soll, hat inzwischen den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore als Umweltberater angeheuert. Gore reist seit mehreren Jahren mit einem populärwissenschaftlichen Diavortrag über die Folgen des Klimawandels durch die USA. Sein aktueller Kinofilm, die Dokumentation "An Inconvenient Truth" (eine unbequeme Wahrheit), basiert auf dieser Tournee.

Passend zur Veröffentlichung der britischen Studie hat auch das Sekretariat für den Klimawandel der Uno heute neue Zahlen zum CO2-Ausstoß vorgelegt: Demnach steigen die Emissionen der Industrienationen - darunter auch in der Europäischen Union - unvermindert an. Die Uno stellte neuen Zahlen für das Jahr 2004 ältere Kohlendioxidmessungen gegenüber. Die britische Regierung hatte angekündigt, sich für eine Verringerung des Ausstoßes in der EU einzusetzen.

Betroffen sind von den Folgen des Klimawandels vor allem Länder der Dritten Welt. Afrika sei am verwundbarsten, so der britische Report. Die Industrieländer hätten daher eine "moralische Verpflichtung", ihre Emissionen zu begrenzen, sagte Nicholas Stern.

stx/AP/rtr

Korrektur: In einer ursprünglichen Version dieses Textes hieß es, China habe das Kyoto-Abkommen nicht unterschrieben. Das ist falsch. Peking hat den Vertrag unterschrieben und ratifiziert, ist aber - wie alle Entwicklungsländer - nicht zur Verminderung des eigenen Treibhausgasausstoßes verpflichtet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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