Britischer Embryo-Beschluss Streit um Chimären und Ersatz-Geschwister

Geschwister als Ersatzteillager, Misch-Embryonen aus Mensch und Tier: In Großbritannien sind künftig umstrittene Experimente in der Stammzellenforschung erlaubt. In Deutschland ist ein ähnlicher Beschluss ausgeschlossen, die Bundesregierung ist strikt dagegen.

Von


Ist es der Dammbruch hin zu einer "Frankenstein-Wissenschaft", wie die katholische Kirche befürchtet? Oder ist es ein weiterer wichtiger Schritt hin zur maßgeschneiderten Stammzellen-Medizin, von der sich Forscher die Heilung von Krankheiten wie Parkinson und Diabetes erhoffen?

Das britische Unterhaus hat nach heftiger Debatte zwei gewichtige Entscheidungen hinsichtlich der Zukunft der biomedizinischen Forschung in Großbritannien getroffen:

  • Künftig dürfen Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Stammzellenforschung hergestellt werden und daraus sogenannte Chimären-Stammzellen gewonnen werden.
  • Eltern mit einem kranken Kind dürfen mit Hilfe künstlicher Befruchtung ein Geschwisterkind zeugen, das genetisch zum ersten Kind passt und so Gewebe oder Organe spenden kann.

Zusammen mit Schweden besitzt England nun europaweit gesehen die liberalste Gesetzgebung in der Stammzellenforschung. Die Rechtslage in Deutschland ist wesentlich strikter: Hierzulande ist die Erzeugung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken untersagt. Auch der Import menschlicher embryonaler Stammzellen ist an strenge Auflagen gebunden - so dürfen nur Zellen importiert werden, die vor einem bestimmten Datum erzeugt wurden. Erst kürzlich hatte der Bundestag nach langer Debatte diese Regelung gelockert und den Stichtag vom 1. Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 verschoben.

Brown befürwortet Maßnahmen - sein Sohn könnte profitieren

In Großbritannien hatte sich Premierminister Gordon Brown vor der Abstimmung vehement für die Verwendung von Chimären-Stammzellen aus Mensch und Tier ausgesprochen. Er forderte die Parlamentarier auf, für ihre Herstellung zu stimmen, um so möglicherweise Millionen Menschen mit unheilbaren Krankheiten das Leben zu retten. Solche Maßnahmen einzuführen "schulden wir uns selbst und künftigen Generationen (...) Wenn wir die Stammzellenforschung weiter vorantreiben wollen und neue Behandlungsmethoden für Millionen von Menschen entwickeln wollen, dann glaube ich, dass Misch-Embryonen notwendig sind", schrieb er in der Zeitung "The Observer".

Brown ist persönlich betroffen: Sein zwei Jahre alter Sohn leidet an Mukoviszidose, einer Erbkrankheit, die Wissenschaftler ebenfalls mit embryonalen Stammzellen zu behandeln hoffen. Kritiker ziehen den Nutzen solcher Forschung in Zweifel und verurteilen diese Form der Stammzellenforschung als monströs und pervers.

Für die Herstellung von Chimären-Stammzellen injizieren Forscher den Kern aus der Körperzelle eines Menschen in eine leere Eizelle einer Kuh oder eines Hasen. Mit Stromstößen wird das tierische Ei zur Teilung angeregt und entwickelt sich zu einem frühen Embryo, dem anschließend die begehrten embryonalen Stammzellen entnommen werden können. Das Erbgut der Körperzelle, das teilweise inaktiv ist, wird in der Eizelle reprogrammiert - sodass sich daraus wieder alle Körperzellen entwickeln können. Diese Chimären-Stammzellen bestehen zu 99,9 Prozent aus menschlichem Erbgut und zu 0,1 Prozent aus tierischem.

Darf man Kinder zeugen, um kranken Geschwistern zu helfen?

Jürgen Hescheler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Stammzellenforschung, ist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE hin- und hergerissen von der britischen Entscheidung. Kritisch sieht der Forscher die Erlaubnis, im Reagenzglas Geschwisterkinder zeugen zu dürfen, um kranken Kindern zu helfen. Dazu werden zunächst Eizellen der Mutter mit Spermien des Vaters künstlich befruchtet. Anschließend wird der Embryo, der die größte genetische Übereinstimmung mit dem erkrankten Kind aufweist, in die Gebärmutter eingepflanzt und normal ausgetragen. Mit Zellen aus der Nabelschnur oder dem Knochenmark des Retter-Geschwisters soll dann dem kranken Kind geholfen werden. Auch diese Prozedur ist in Großbritannien nicht völlig neu. Sechs Familien soll eine solche Vorgehensweise bereits erlaubt worden sein - auch ohne explizite gesetzliche Grundlage.

"Man muss bei jedem Fall einzeln entscheiden, ob ein wirklich wichtiger medizinischer Grund vorliegt", so Hescheler. Solch ein Grund könnte sein, wenn ein Kind an Leukämie leide, dringend eine Knochenmarksspende brauche und sich kein Spender finde. "Anders sieht das schon bei der Organspende aus - es darf auf keinen Fall zum Schaden des gezeugten Geschwisterkindes sein."

Lob hat Hescheler indes für die Erlaubnis der Chimären-Forschung: "Im Sinne der Forschungsfreiheit in der Grundlagenforschung sollten sich neue Wege öffnen. Es ist wichtig, dass wir erforschen und verstehen, was bei der Reprogrammierung genau geschieht."

in der Grundlagenforschung sollten sich neue Wege öffnen. Es ist wichtig, dass wir erforschen und verstehen, was bei der Reprogrammierung genau geschieht." Die Debatte um die Zulassung der Versuche in Großbritannien hatten Wissenschaftler um Lyle Armstrong von der Universität von Newcastle angestoßen. Ihnen war es gelungen, Chimären-Stammzellen herzustellen - damals noch mit einer Ausnahmegenehmigung der britischen Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA).

Der Grund, warum Forscher tierische statt menschliche Eizellen verwenden möchten: Menschliche Eizellen sind rar, Forscher sind auf freiwillige Spenden von Frauen angewiesen. Ein ethisch heikles Thema, denn Kritiker befürchten einen "Eizellen-Markt", bei dem Frauen für Geld ihre Eizellen an die Forschung verkaufen könnten. Tierische Eizellen hingegen stünden im Gegensatz zu menschlichen unbegrenzt zur Verfügung.

Bundesregierung lehnt Chimären-Experimente ab

Die Bundesregierung lehnt nach Angaben eines Sprechers des Forschungsministeriums wissenschaftliche Experimente mit Misch-Embryonen aus menschlichem Erbgut und tierischen Eizellen ab. "Die Herstellung von Chimären ist in Deutschland verboten und wird es auch bleiben." Der wissenschaftliche Wert solcher Forschungen sei umstritten. In Deutschland würden diese nicht benötigt. Von deutschen Wissenschaftlern sei bisher auch kein Interesse bekundet worden. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bezeichnete die Arbeiten mit Embryonen aus Tier und Mensch als wissenschaftlich problematisch und wenig zielführend. "Man sollte dieses Thema sehr behutsam handhaben", sagte DFG-Vizepräsident Jörg Hinrich Hacker.

Hescheler sieht keinen Handlungsbedarf: "Es ist nicht nötig, die gleichen Experimente in mehreren Ländern parallel durchzuführen." Eine Gesetzesänderung hierzulande brauche man nicht: "Wir haben erst die große Diskussion um die Stichtagsregelung gehabt. Es ist sinnvoll, nun sachlich zu bleiben und nicht alles zu zerreden." Dennoch, die Diskussion müsse sachlich weitergehen, so Hescheler. "Wir müssen aber auch darauf achten, dass wir in der medizinischen Forschung nicht Schlusslichter werden und bei europäischen Projekten und in der Zusammenarbeit mit England kompatible Möglichkeiten bekommen können."

Hescheler und seine Kollegen verfolgen einen anderen Weg zur Herstellung von Stammzellen, der nicht die ethisch umstrittene Erzeugung von Embryonen erfordert: in der Reprogrammierung von Körperzellen - mithilfe von Genen. Einem internationalen Forscherteam um Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto war dies erstmals gelungen. Yamanaka uns seine Kollegen hatten aus Leber- und Magenzellen erstmals sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) erzeugt, die viele Eigenschaften embryonaler Stammzellen aufweisen.

Mit Material von dpa, AP und Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.