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Anschläge in Brüssel: Wie man mit Kindern über Terror spricht

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Logo-Nachrichtenvideo zum IS (Screenshot) Zur Großansicht
ZDF

Logo-Nachrichtenvideo zum IS (Screenshot)

Mit Kindern über Terroranschläge zu sprechen, fällt nicht leicht. Es gibt ein paar einfache Regeln dafür - eine aber sollte man brechen.

Meine knapp acht Jahre alte Tochter darf jeden Abend die "Logo"-Kindernachrichten im Kika sehen. Am Dienstagabend saß ich selbstverständlich neben ihr auf dem Sofa. Ich war an diesem Tag sehr dankbar für die Kindernachrichten, denn die "Logo"-Redaktion hatte den Terror von Brüssel in einer Weise aufbereitet, die einen idealen Einstieg ins Thema bot, inklusive eines kurzen, aber guten Erklärvideos in typischer "Logo"-Optik darüber, was der IS eigentlich ist.

Natürlich reicht das nicht, um einer Zweitklässlerin begreiflich zu machen, was am Dienstag in Brüssel passiert ist. Und natürlich kann man sie nach dieser Information nicht einfach ins Bett schicken. Ich saß nach der Sendung also eine halbe Stunde mit meiner Tochter auf dem Sofa und habe ihre Fragen beantwortet - das ist der erste Ratschlag, den Psychologen zu diesem Thema geben. Und das war nicht leicht.

Man könnte meinen, dass ich auf so eine Situation besser vorbereitet bin als andere Eltern, immerhin habe ich Psychologie studiert. Aber das Thema "Wie man mit Kindern über Terrorismus spricht" wird im Studium eher nicht behandelt. Erst nach dem Gespräch habe ich noch einmal nachgelesen, was Therapeuten aktuell raten in Bezug auf das Sprechen über den Terror. Und festgestellt, dass das meiste von ganz allein kommt. An einem Punkt bin ich von den Ratschlägen allerdings ganz bewusst abgewichen.

Der erste und wichtigste Ratschlag lautet stets: Nicht verheimlichen, nicht verschweigen.

Das gilt aus meiner Sicht erst für Kinder, die in jedem Fall anderswo mit dem Grauen konfrontiert werden - für Schulkinder also. Unser fünfjähriges Kind hat von den Anschlägen von Brüssel ebenso wenig mitbekommen wie von denen von Paris. Dazu muss man nur im richtigen Moment das Radio ausschalten und darauf achten, worüber man in Gegenwart des Kindes spricht. Erzieher und Erzieherinnen in Kindergärten sind klug genug, nicht von sich aus das Gespräch auf entsetzliche Ereignisse zu bringen, und die meisten Eltern kleiner Kinder auch. Das muss in meinen Augen auch nicht sein. Der Kontakt mit den schlimmeren Aspekten unserer Welt kommt noch früh genug.

Bei Schulkindern ist das anders. Hier werden Ereignisse wie die von Paris oder Brüssel im Unterricht thematisiert, was gut und sinnvoll ist. Schließlich gibt es in unterschiedlichen Familien unterschiedliche Regeln für den Medienkonsum, irgendwer hat immer mitbekommen, dass Bomben explodiert und Menschen gestorben sind.

"Dass es Leute gibt, die nur für den Tod von anderen leben"

Meine Tochter hatte bis Dienstag noch nicht davon gehört, dass Menschen sich selbst in die Luft sprengen, um andere mit in den Tod zu reißen. Dieser Aspekt wurde auch in "Logo" ausgespart. Als meine Tochter das Prinzip Selbstmordattentat verstanden hatte, fing sie fast an zu weinen und sagte wörtlich: "Das ist ja schrecklich, dass es Leute gibt, die nur für den Tod von anderen leben."

Kein Vater und keine Mutter bringt das eigene Kind gern zum Weinen. Aber dieser weise Satz war ein großartiger Anknüpfungspunkt für den Versuch zu erklären, warum solche Dinge geschehen. Ich habe meine Tochter in den Arm genommen und ihr gesagt, dass diese Leute verrückt sind, dass es nur sehr wenige davon gibt und dass man nicht wirklich verstehen kann, warum sie tun, was sie tun. Dann habe ich, im Rückgriff auf den "Logo"-Beitrag, zu erklären versucht, wie jemand vielleicht zum Selbstmordattentäter werden kann.

Ich habe ihr gesagt, dass das oft Leute sind, die mit ihrem Leben sehr unzufrieden sind, weil sie zum Beispiel keine Arbeit gefunden haben, die ihnen Spaß macht. Und die dann von anderen, denen es nur um Macht geht, manipuliert werden - an dieser Stelle musste ich eine längere Erklärung des Begriffs "manipulieren" einschieben und dann noch eine des Begriffs "Fanatiker". Ich habe erklärt, dass eine verzerrte Version des Islam missbraucht wird, um solchen Leuten die verrückte Idee einzupflanzen, Gott wolle, dass sie andere Menschen umbringen. Und dass die allermeisten Menschen auf der Erde diese Leute für wahnsinnig halten. Meine Tochter tut das auch. Psychologen nennen diesen Aspekt solcher Gespräche "Kontext herstellen".

Großstadtgrundschulen haben ihre Vorteile

An dieser Stelle sagte meine Tochter: "Aber alle Religionen wollen doch das Gleiche!" Das fand ich gut, ich nehme an, sie hat es aus dem Schulunterricht. Ich habe gesagt: "Genau, nämlich dass die Menschen friedlich zusammenleben." Meine Tochter geht auf eine Großstadtgrundschule, in ihrer Klasse sitzen selbstverständlich auch muslimische Kinder. Das macht alles einfacher, weil ihr die Vorstellung, der Islam an sich wäre eine Mörderreligion, ohnehin völlig fremd ist.

Natürlich wollte meine Tochter wissen, ob so etwas auch bei uns passieren kann, und an dieser Stelle bin ich von den Standard-Ratschlägen für solche Gespräche abgewichen, und zwar aus gutem Grund. Psychologen raten hier meist dazu, offen mit den eigenen Ängsten umzugehen, aber auch vorzuführen und zu erklären, wie man mit Angst umgehen kann, wie man selbst das tut. Das habe ich nicht getan. Und zwar deshalb, weil ich tatsächlich wenig Angst vor Terroristen habe.

Das Risiko ins Verhältnis setzen - das sollten auch Erwachsene

Ich habe meiner Tochter stattdessen das gesagt, was ich auch Erwachsenen im Gespräch über dieses Thema wieder und wieder sage: Es ist so unwahrscheinlich, dass man fast von unmöglich sprechen kann, dass du oder jemand, den du kennst und magst, zum Opfer eines Terroranschlags wirst. Es gibt viele schlimme Dinge, die Menschen zustoßen können: Sie können krank werden, von einem Auto überfahren werden oder zu Hause von der Leiter fallen und sich den Hals brechen. Das alles ist unendlich viel wahrscheinlicher, als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Aber niemand hat Angst davor, ins Auto oder auf eine Leiter zu steigen.

In Deutschland sterben, aber das habe ich meiner Tochter nicht gesagt, jedes Jahr etwa knapp 340.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gut 220.000 an Krebs. Über 11.000 kommen bei Stürzen ums Leben, etwa 3500 bei Verkehrsunfällen. Von Terroristen werden in ganz Westeuropa maximal 200 Menschen pro Jahr getötet, und das seit den Achtzigern, einschließlich 2015.

Es ist deshalb sinnlos, sich vor Terroristen zu fürchten. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Terrorakt zu sterben, ist nach wie vor nahe null. Es ist eine besonders schreckliche Vorstellung, von einem bösen Menschen absichtlich getötet zu werden. Deshalb macht das den Leuten Angst, habe ich meiner Tochter gesagt. Aber es ist eben praktisch ausgeschlossen, dass es wirklich passiert. Das schien sie tatsächlich zu beruhigen. Und mich hat es beruhigt, dass ich mit einem Gespräch ihre Welt wieder gutmachen konnte.

Vielleicht sind Siebenjährige da rationaler als Erwachsene.

Am Ende habe ich dann aber doch gelogen. Auf dem Weg zum Zähneputzen hat sie sich umgedreht und noch einmal gefragt, ob uns so etwas wirklich nicht passieren kann. Ich habe gesagt: Das wird weder dir noch jemandem, den du magst, passieren. "Versprichst du mir das?", hat sie gefragt, und ich habe mit fester Stimme und einem Lächeln gesagt: "Ja, das verspreche ich dir."

Natürlich könnte es sich eines Tages erweisen, dass ich dieses Versprechen nicht halten kann. Aber das ist so unwahrscheinlich, dass ich gerne bereit bin, dieses Risiko einzugehen.

Zum Autor
Christian Stöcker
SPIEGEL ONLINE

Christian Stöcker ist Ressortleiter Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

  • E-Mail: Christian.Stoecker@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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1. Glückwunsch...
infoalex 23.03.2016
...da haben Sie ihrer Tochter ja doch alles erklärt (auch die Teile, die Logo wohlweislich ausgelassen hatte), inkl. Herz-Kreislauf Erkrankungen und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wenn sie das nicht überfordert hat, ist sie wohl ein Genie. Ich würde das Thema meinen Kindern - wenn überhaupt- nur sehr reduziert erklären und Themen wie Selbstmord-Attentate aussparen...
2. Verrückt ?
rips55 23.03.2016
Ich glaube, dass der Begriff "verrückt" zu unspezifisch und missverständlich ist, um Kindern zu erklären was in Selbstmordattentätern vorgeht. Wie oft wird dieser Begriff gebraucht, für rasende Autofahrer, Extremsportler oder psychisch Kranke ? Wie leicht kann eine zu schnelle Assoziation gezogen werden ? Aha, verrückt also Terrorist. Das war wohl kein Meisterstück.
3. Danke für diesen Beitrag...
grussausberlin 23.03.2016
....ich habe ihn nicht nur als gutes Beispiel dafür gelesen, wie wir als Eltern unsere Kinder einen angemessenen Umgang mit Ängsten / Sorgen und einen differenzierten Blick auf die Welt lehren können. Ich habe mich auch gefragt, in was für einer traurigen Erziehungsumgebung all diejenigen aufgewachsen sein müssen, die als Erwachsene der Erklärungswelt von Pegida und AfD zujubeln... Was wir brauchen in diesem Land sind erziehungskompetente Eltern und gut ausgebildete Erzieher_innen und Lehrer_innen. Dafür würde sich zum Beispiel auch eine Staatsverschuldung lohnen.
4. Gut gemacht, Herr Stöcker!
mawhrin101 23.03.2016
Zum Glück musste ich das meinem vierjährigen Sohn noch nicht erklären..
5. Danke
cbsabacus 23.03.2016
Ich habe viele gute Anreize bekommen, wie ich meinen Kindern diesen traurigen Teil unserer Welt erkläre.
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