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Brunsbüttel-Dossier: Atomaufsicht entdeckte mehr als 700 Mängel

Von , Jan Müller und Stefan Schmitt

Die bisher geheime Inspektions-Liste des Atomkraftwerks Brunsbüttel ist veröffentlicht - sie enthält noch mehr Mängel als vermutet. Und viele sind noch nicht abgestellt.

Die Vorwürfe hängen weniger an konkreten Zahlen als an der Größenordnung. Von 650 offenen Punkten in der Sicherheitsanalyse des AKW Brunsbüttel an der Unterelbe sprechen die Kernkraftkritiker von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Nach Zählweise der schleswig-holsteinischen Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) waren es 707 offene Punkte, die Ende Juni 2006 noch auf der Mängelliste des alternden Atommeilers standen. Heute stellte das Ministerium, zuständig für die Atomaufsicht, die Liste ins Internet - eine PDF-Datei von 141 Seiten Umfang. Ein Ministeriumssprecher sagte SPIEGEL ONLINE, bis zum jetzigen Zeitpunkt seien nicht alle aufgelisteten Mängel abgearbeitet.

Die Liste dokumentiert, wie sehr sich Atomaufsicht, externe Gutachter und der Betreiber über Sicherheitsdetails des drei Jahrzehnte alten Meilers uneins waren - auch wenn sie für den Laien schwer zu lesen ist: In endloser Tabellenform wird jede Beanstandung der Periodischen Sicherheitsanalyse (PSÜ) aus dem Jahr 2001 aufgelistet, im Behördendeutsch "Unterlagendefizite" genannt. Jedes Defizit hat eine laufende Nummer und ist in eine von vier Kategorien eingeordnet. In fetter Schrift wird der Schriftwechsel mit dem Betreiber dokumentiert. Und immer wieder taucht der Vermerk "Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen" auf.

185 Defizite der Liste zählten zur Kategorie 2 ("Nachweisdefizit: Kurzfristig zu beseitigen"), teilte das Ministerium mit. Zu jedem einzelnen Punkt hätte der Betreiber Unterlagen eingereicht, um zu zeigen, dass der Mangel behoben sei, sagte Christian Kohl vom Kieler Sozialministerium zu SPIEGEL ONLINE. Oft genügte dies der Aufsicht aber nicht. Immerhin hätten die Gutachter mittlerweile mehr als 100 Punkte der insgesamt 185 abschließen können. Alle übrigen sollten bis zum 30. September geregelt werden, die Defizite der niedrigeren Kategorien 3 und 4 bis Ende des Jahres.

Am Morgen hatte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch 165 "besonders prekäre" Mängel angeprangert. "Ich weiß nicht, welche Quelle die hatten" - so kommentiert Kohl den Zahlenunterschied. Tatsächlich verfügten die Kernkraftkritiker nicht über die Liste selbst, sondern über eine Expertenanalyse derselben, die ihnen aus nicht näher genannter Quelle zugespielt worden war. In der vom Ministerium veröffentlichten Liste finden sich allerdings Ungenauigkeiten zwischen Kategorien und Farbcode, die mögliche Differenzen erklären könnten. Die genaue Durchsicht zeigt aber: Ob 165 oder 185, die Größenordnung stimmt, auch die Gesamtzahl der Mängel liegt knapp über 700.

Verwundbarkeit bei terroristischen Angriffen

Hauptkritikpunkt der Umweltschützer war nicht eine konkrete Zahl, sondern die lange Zeit, die zwischen der PSÜ und der - immer noch nicht vollständigen - Behebung der Mängel verstreichen konnte. Sie beträfen "praktisch alle Kernbereiche der Reaktorsicherheit", sagte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch. Besonders kritisch seien nicht erbrachte Bruchsicherheitsnachweise im Rohrsystem, Werkstoffprobleme, Mängel in der Elektro- und Leittechnik sowie die Verwundbarkeit gegenüber terroristischen Angriffen.

"Im kompletten Verfahren der PSÜ gab es zu keinem Zeitpunkt einen offenen Punkt der Kategorie 1", erklärte Vattenfall heute in einer Reaktion auf die Veröffentlichung. Kurz darauf bot dann der Deutschland-Chef des Konzerns, Klaus Rauscher, seinen Rücktritt an.

Für die Veröffentlichung der Liste hatte die DUH seit fast einem Jahr gekämpft. Vattenfall klagte jedoch erfolgreich gegen eine Herausgabe der Liste durch das Kieler Sozialministerium. Die Begründung des Stromkonzerns: Bei dem Dokument handle es ich um ein schützenswertes Betriebsgeheimnis. Wenn Mängel bekannt würden, könne das den Marktwert des Altreaktors mindern.

Mehr Sicherheit nur bei Laufzeitverlängerung?

Gestern zog Vattenfall dann seine Klage gegen die Veröffentlichung der Liste zurück. Einige Stunden vorher hatte die Deutsche Umwelthilfe angekündigt, am heutigen Vormittag Details einer wissenschaftlichen Bewertung der Mängelliste publik zu machen, die den Umweltschützern zugespielt worden waren.

Bei der DUH glaubt man, dass Vattenfall die Veröffentlichung der Sicherheitsdefizite über Jahre hinausgezögern wollte, um teure Nachrüstinvestitionen vor der bevorstehenden Stilllegung des Meilers zu ersparen. Laut Atomkonsens soll Brunsbüttel 2009 vom Netz gehen. Die DUH verwies auch auf ihnen vorliegende Aussagen von leitenden Mitarbeitern des Kraftwerks: Demnach soll es durchaus die Bereitschaft beim Betreiber geben, die Sicherheitsleittechnik des Reaktors umfangreich nachzurüsten - allerdings nur dann, wenn der Staat einer Laufzeitverlängerung von mindestens etlichen Jahren zustimmt.

Vattenfall hatte im März beantragt, Reststrommengen des stillgelegten Atomkraftwerks Mühlheim-Kärlich auf Brunsbüttel zu übertragen. Hintergrund ist auch ein möglicher Regierungswechsel im Jahr 2009. Dann könnte, so hofft die Atomlobby, den von Rot-Grün beschlossen Ausstieg aus der Kernenergie wieder rückgängig gemacht werden. Zumindest aus der geplanten Stromübertragung wird jedoch vorerst nichts: Minister Sigmar Gabriel lehnte den Vattenfall-Antrag ab.

Korrektur: Brunsbüttel liegt an der Elbe und nicht, wie es fälschlicherweise in diesem Text hieß, an der Weser.

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