Brustkrebs Chemotherapie hinterlässt Spuren im Hirn

Eigentlich sollte die Therapie-Keule keinen Schaden im Kopf anrichten. Doch japanische Forscher haben beobachtet: Brustkrebs-Patientinnen verlieren nach einer Chemotherapie Hirnmasse. Ihre Studie passt zu Berichten von eingeschränkter Leistungsfähigkeit - vieles bleibt jedoch unklar.

Von Franziska Badenschier


Diagnose Brustkrebs - in ihrer Folge kann frau nicht nur die betroffene Brust verlieren, sondern auch Hirnmasse. Jedenfalls ist dies das Ergebnis einer japanischen Studie. Die Chemotherapie, die oft der Entfernung des Tumors folgt, hinterlässt ihr zufolge auch im Gehirn Spuren: Die weiße und graue Masse sei ein Jahr nach der Brust-OP mit anschließender Chemotherapie sichtbar geschrumpft, berichtet ein Team um Masatoshi Inagaki vom japanischen Krebsforschungszentrum. Deswegen hätten die Patientinnen Probleme mit dem Gedächtnis und anderen kognitiven Leistungen. Obwohl die Ergebnisse in einem angesehenen Fachmagazin mit Gutachter-Verfahren erscheinen wird, betrachten Expertenkollegen die Studie skeptisch.

Mammographie eines Brusttumors: Es folgen Operation und Chemotherapie - womöglich mit Folgen für die Denkleistung

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Bislang dachten Wissenschaftler und Ärzte, der Medikamenten-Mix des Chemo-Hammers würde wegen der Blut-Hirn-Schranke die Nervenzellen im Kopf nicht in Mitleidenschaft ziehen. Doch in letzter Zeit bemerkten einige Forscher, dass nach der Strapaze der Behandlung kognitive Störungen auftreten können.

20 bis 30 Prozent seiner Brustkrebs-Patientinnen könnten sich schlechter konzentrieren, nicht mehr so viel leisten oder seien oft müde, hat etwa Andreas Schneeweiss von der Frauenklinik der Universität Heidelberg beobachtet. Doch nicht jede Frau, die sich eingeschränkt fühlt, schneide bei Tests wirklich schlechter ab als andere, so der Internist: "Objektives Erleben" sei ein wichtiger Faktor bei der Einschätzung der eigenen Denkleistung.

Kognitive Minderung im Kernspin sichtbar

Nach Angaben des Deutschen Krebsregisters erkranken hierzulande pro Jahr über 55.000 Frauen an Brustkrebs - kein anderer Krebs wird so häufig diagnositiziert. Den Tumor zu entfernen, reicht nicht. Nach der Operation bekommt die Patientin entweder eine antihormonelle, eine Chemo- oder die relativ neue Antikörper-Therapie; dazu wird die Brust bestrahlt. Diese sogenannte adjuvante Therapie soll Mikrometastasen - nicht sichtbare Ableger des Tumors - zerstören und so verhindern, dass in der betroffenen Brust erneut ein Tumor entsteht oder andernorts eine Metastase.

Gerade die Chemotherapie erweist sich immer wieder als verheerende Keule gegen den eigenen Körper: Haarausfall, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Schleimhautentzündungen sind keine Seltenheit. Zehn Jahre nach einer Standard-Chemotherapie hätten von 1000 Brustkrebs-Patientinnen zehn eine Herzinsuffizienz und fünf bis zehn eine sekundäre Leukämie, sagt Andreas Schneeweiss von der Frauenklinik der Universität Heidelberg. Zunehmend gerieten auch die kognitiven Störungen in den Fokus der Ärzte - Fehlfunktionen, wie sie die japanischen Wissenschaftler im Kernspin lokalisiert haben wollen.

Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie haben die japanischen Brustkrebsexperten die Köpfe zahlreicher Patientinnen gescannt und dabei festgestellt: Bei denjenigen, die nach der Operation eine Chemotherapie bekommen hatten, waren ein Jahr nach dem Eingriff kognitiv sensible Bereiche kleiner als normal - etwa Präfrontal-Kortex und Gyrus parahippocampal, die für das Gedächtnis wichtig sind. Drei Jahre nach einer OP seien "keine Volumen-Unterschiede" zwischen Chemotherapie- und Nicht-Chemotherapie-Patientinnen festzustellen gewesen, schreibt Inagakis Team im Fachmagazins "Cancer" (Online-Vorabveröffentlichung). Allerdings ist ein direkter Vergleich hier schwierig, denn: In der Untersuchungsgruppe, die nach drei Jahren Brustkrebspatientinnen mit und ohne Chemotherapie verglichen wurden, waren nur zum Teil Probandinnen, die bereits nach einen Jahr gescannt wurden. Trotzdem folgern die Wissenschaftler: "Eine adjuvante Chemotherapie kann einen zeitweiligen Effekt auf die Gehirnstruktur haben."

Offene Frage: Verlust oder vorübergehende Schrumpfung?

"Das ist der erste Versuch, die kognitiven Störungen auf eine organische Grundlage zurückzuführen", sagte Schneeweiss zu SPIEGEL ONLINE. Dennoch: "Das ist kein Beweis, sondern eine Hypothesen generierende These." Auch Manfred Kaufmann, Gynäkologe und Krebsforscher an der Universität Frankfurt, bezweifelt, ob weniger Hirnmasse für die verringerte Denkleistung nach einer Chemotherapie verantwortlich ist: Die Abgeschlagenheit sei Zeichen des Fatigue-Syndroms, das oft mit einer Chemotherapie einhergehe - allerdings nicht nicht auf geschrumpfte Hirnmasse zurückgeführt wird.

Zudem lässt die Studie viele Fragen offen, etwa: Ist die veränderte Hirnstruktur, der Schaden also, reversibel? Warum ist nach einem Jahr ein Volumen-Unterschied festzustellen und nach drei Jahren nicht mehr?

Ob die geschrumpften Hirnbereiche wieder größer wurden oder ob die anderen Patientinnen graue und weiße Hirnmasse verloren haben, geben die Forscher nicht explizit an. Statt dessen schreiben sie, dass der Unterschied zwischen den Ergebnissen nach einem und nach drei Jahren unter anderem wegen der Auswahl der Versuchsteilnehmer zustande gekommen sein könnte. An anderer Stelle heißt es, dass sich das Gehirn wegen der Schrumpfung "vorübergehend" verändere - was auf einen heilbaren Schaden hinweist.

Krebsforscher Kaufmann hält die Hirnschrumpfung durchaus für "reversibel". Schneeweiss hingegen hält es für denkbar, dass das Gehirn infolge einer Chemotherapie schneller schrumpft als normal - denn dass das Hirn kleiner wird, sei ein natürlicher Alterungsprozess. Die anderen Brustkrebspatientinnen ohne Chemotherapie zögen dann nur nach.

Auch wenn Nervenzellen nicht neu entstehen können: Die Hirnmasse könnte trotzdem zunehmen, beispielsweise wenn die Fortsätze der Neuronen wachsen - das lässt sich jedoch mit der Magnetresonanztomographie, die die Forscher genutzt haben, nicht beobachten.



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