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US-Serienmörder: Wieso das FBI an einer verschlüsselten Nachricht scheiterte

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Eine codierte Nachricht des gefürchteten BTK-Killers bereitete dem FBI jahrelang Kopfzerbrechen. Sie war einfach nicht zu knacken. Inzwischen ist der Mörder gefasst und der Inhalt der Botschaft bekannt - und auch der Grund, warum sie nicht entschlüsselt wurde.

Dennis Rader (Archivbild): 2005 zu zehnmal lebenslänglich verurteilt Zur Großansicht
REUTERS/ Sedgwick County Sheriffs Office

Dennis Rader (Archivbild): 2005 zu zehnmal lebenslänglich verurteilt

2004 erreichte eine kurze chiffrierte Nachricht die Tagezeitung "Wichita Eagle". Sie berichtete nicht darüber, die Botschaft ging stattdessen weiter ans FBI. Denn der Name, den der Absender auf den Umschlag geschrieben hatte, lautete "Bill Thomas Killmann". Und die Nachricht enthielt Fotos vom Tatort eines noch ungelösten Mordes an einer 18-Jährigen, der 1986 passiert war.

Das FBI ging davon aus, dass der Brief vom BTK-Killer stammte. Die Abkürzung BTK steht für "Bind, Torture, Kill" (fesseln, foltern, töten). Zwischen 1974 und 1991 hatte er im US-Bundesstaat Kansas mindestens neun Menschen auf grausame Weise ermordet. Anfangs hatten die Behörden sogar versucht, ihn mit unterschwelligen Botschaften im Fernsehen dazu zu bringen, sich zu stellen. Vergeblich.

Noch immer suchte man nach Hinweisen auf seine Identität - und da kamen diese und weitere Botschaften, die der Mörder plötzlich sendete, sehr Recht.

Doch die kurze Nachricht "GBSOAP7-TNLTRDEIBSFAV14" gab ihr Geheimnis partout nicht preis, wie Jeanne Anderson von der Cryptanalysis and Racketeering Records Unit (CRRU) des FBI im Fachmagazin "Cryptologia" berichtet.

Im folgenden Jahr konnte man den Mörder dennoch wegen seines Mitteilungsbedürfnisses stellen: Die Polizei hatte dem Killer versichert, es sei sicher, wenn er ihr Daten auf Floppy-Disks zukommen lasse - und dann haben ihn die Metadaten verraten. Die Ermittler fanden auf der Disk den Vornamen Dennis sowie den Hinweis auf eine bestimmte Kirchengemeinde - nach darauf folgenden Ermittlungen stellten sie Dennis Rader. Er wurde 2005 zu zehn Mal lebenslänglich verurteilt.

"Deutscher Weltkriegs-Code"

Im Verhör sagte Rader aus, was der Inhalt der chiffrierten Notiz sei. Er meinte, er habe einen Bruch-Code verwendet, den die Deutschen im Zweiten Weltkrieg genutzt hätten. Die Botschaft lautete "Let Beatty know for his book". Der Anwalt Robert Beattie hatte damals ein Buch über die Mordserie in Arbeit. Rader wollte offensichtlich, dass der Mord an der jungen Frau, der noch nicht dem BTK-Killer zugeschrieben wurde, dort erwähnt würde. Das Passwort zur Entschlüsselung des Codes sei "PJ Piano", kurz für: Projekt Piano, sagte Rader aus. Er hätte sein Opfer Klavier spielen hören, als er in ihr Haus eindrang.

Für die Codeknacker des FBI war der Fall damit nicht gelöst. Denn Raders Aussage ergab keinen Sinn. Sie nahmen zwar an, dass der Mann mit dem "deutschen Code" eine sogenannte Bifid-Chiffre meinte und probierten dies mit diversen Schlüsselwörtern neben "PJ Piano" aus. Doch der Klartext trat nicht hervor. Auch Rader selbst konnte die Nachricht nicht mehr entschlüsseln.

Gelöst wurde das Rätsel erst 2012, mit Hilfe einer handschriftlichen Notiz, die Rader offensichtlich zum Verschlüsseln genutzt hatte und die die CRRU nun endlich bekam. Jetzt zeigte sich: Ihm waren beim Chiffrieren mehrere Fehler unterlaufen. Sie hatten dafür gesorgt, dass die Botschaft nicht zu knacken war.

Fehler sind normal

Wenn jemand per Hand chiffriert, sind Fehler relativ normal", sagt Kryptografie-Experte Klaus Schmeh. Nur wenn per Software verschlüsselt werde, müsse man damit nicht rechnen. Fehler - oder Nachlässigkeit - könnten auch beim Entschlüsseln helfen, etwa wenn jemand ein zu einfaches Passwort gewählt habe. Im Fall des BTK-Killers jedoch halfen sie nicht weiter.

Genutzt hatte Rader eine tatsächlich Bifid-Chiffre. "Ähnliche Verfahren wurden im Ersten Weltkrieg verwendet, danach verloren sie an Bedeutung", sagt Schmeh.

Für die Chiffrierung listet man zuerst ein Schlüsselwort und danach die restlichen Buchstaben des Alphabets in einem Quadrat wie folgt auf. In diesem Fall war das Schlüsselwort "Piano", nicht "PJ Piano".

Bifid-Chiffre
- 1 2 3 4 5
1 P I A N O
2 B C D E F
3 G H J;K L M
4 Q R S T U
5 V W X;Y Y Z
Jeder Buchstabe wird nun in zwei Zahlen umgewandelt. Das P entspricht 1/1, das Z 5/5. Eigentlich, schreibt Anderson, würde man zuerst die Zeile nennen, dann die Spalte. Rader habe es andersherum gemacht. Während ein A im Normalfall in 1/3 umgewandelt würde, wird es hier zu 3/1.

Dass Rader J und K an dieselbe Stelle packte sei auch ungewöhnlich. Das passiere üblicherweise mit I und J. Auch dass er das Y zweimal aufführt, ist ein Patzer.

Im nächsten Schritt der Verschlüsselung werden die Buchstabenzahlen in zwei Reihen untereinander geschrieben wie Brüche. In diesem Fall oben die Spaltenzahlen und unten die Zeilenzahlen. Tatsächlich beginnt der Klartext mit der Abkürzung PJ Piano. Das ergibt:

1312345

1311111

Um die Chiffre zu erstellen, liest man nun die Buchstaben aus den Zahlenpaaren der Reihe nach ab. (Hier also: 1/3 = G; 1/2 = B; 3/4 =S usw.). Rader unterschlug jedoch den siebten Buchstaben und notierte stattdessen die Zahl 7. Er fügte das wohl ein, um die Anzahl der verschlüsselten Buchstaben zu notieren - nur ließ er dabei einen aus.

Im zweiten Teil unterlief ihm ein weiterer Fehler, der erst aus der handschriftlichen Notiz ersichtlich wird: Weil Rader auf dem Papier keinen Platz mehr hatte, bildete er erst die zwei Zahlenreihen aus den Wörtern "Let Beattie" und dann darunter zwei weitere aus dem Wörtchen "know". Nutzt man die richtige Chiffre ohne diesen Zeilenumbruch zu kennen, ergibt das Ergebnis keinen Sinn. Die Zahl 14 fügte er wohl wieder hinzu, um die Anzahl der verschlüsselten Buchstaben zu notieren.

Mit Hilfe dieses Zettels konnte das FBI bestätigen, dass die Botschaft: "PJ Piano Let Beattie Know" lautete.

Nun könnte man sich natürlich fragen, warum sich das FBI überhaupt noch mit dieser Entschlüsselung beschäftigte, nachdem Rader längst verurteilt war. "Auch wenn der Klartext dem entsprach, was Rader angegeben hatte, war es sehr wichtig, das zu bestätigen" schreibt FBI-Agentin Anderson. Schließlich müsse man in Betracht ziehen, dass ein Serienmörder nicht immer die Wahrheit sage.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
window_mine 15.07.2013
Ok die Verschlüsselung habe ich kapiert. Wer gibt Nachhilfe?
2. hm...
sudiso 15.07.2013
vielleicht sollte die NSA dem FBI in Sachen Entschlüsselung ein bisschen nachhelfen......
3. Der Enigma-Code?
orthos 15.07.2013
http://de.wikipedia.org/wiki/Enigma_(Maschine) Heutzutage ohne Probleme zu knacken...
4.
Jean P. v. Freyhein 15.07.2013
Zitat von sudisovielleicht sollte die NSA dem FBI in Sachen Entschlüsselung ein bisschen nachhelfen......
Warum? Das FBI hat doch keinen Fehler gemacht. Das war doch ein Fehler beim Verschlüsseln des Mörders, wenn sollte man Mördern also helfen richtig zu Verschlüsseln.
5.
mcmercy 15.07.2013
Zitat von sysopREUTERSEine codierte Nachricht des gefürchteten BTK-Killers bereitete dem FBI jahrelang Kopfzerbrechen. Sie war einfach nicht zu knacken. Inzwischen ist der Mörder gefasst und der Inhalt der Botschaft bekannt - und auch der Grund, warum sie nicht entschlüsselt wurde. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/btk-killer-wieso-das-fbi-an-einer-codierten-nachricht-scheiterte-a-910861.html
Ich bezweifel, dass der Code entschlüsselt worden, wäre hätte der Mörder korrekt kodiert, dafür war die kodierte Nachricht einfach zu kurz, sie bietet keinen Anhaltspunkt für eine Entschlüsselung.
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