Wahlkampf Danke für die Langeweile!

Der deutsche Wahlkampf sei öde, heißt es überall. Zu wenig Kontroverse, zu wenig Schärfe, zu wenig Krach. Das ist eine Fehleinschätzung. Unterhaltsame Politik ist allzu oft miserable Politik.

Wahlplakate in Berlin
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Wahlplakate in Berlin

Ein Kolumne von


"Amerika zerfällt in zwei getrennte Gesellschaften - eine Republik der Träume und eine Republik der Angst."

Anand Giridharadas, amerikanischer Schriftsteller

Der Theatermacher Christoph Schlingensief hat, wenn ich mich richtig erinnere, einmal gesagt, nichts sei so unterhaltsam wie Todesangst. In einem abstürzenden Flugzeug habe sich noch nie jemand gelangweilt.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Angst, wenn auch in der Regel nicht Todesangst, spielt im politischen Diskurs der Gegenwart eine große Rolle. Angst vor Terrorismus, Angst vor Einwanderern, Angst vor dem Islam, Angst vor Verschwörungen, Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit oder einfach nur dem angestammten Überlegenheitsgefühl gegenüber Minderheiten. Die Pro-Brexit-Fraktion nutzte Angst als zentrales Argument, genauso wie Marine Le Pen, Donald Trump, Victor Orban oder Recep Tayyip Erdogan. Angst erregt, Angst mobilisiert, Angst unterhält.

Der noch dunklere Bruder der Angst ist der Hass, Angst kombiniert mit einer unstillbaren Wut auf die vermeintlichen Gründe dafür. Hass ist sogar noch unterhaltsamer. Angst und Hass erzeugen Äußerungen, die sich zum Beispiel in sozialen Medien besonders effektiv verbreiten, denn dort skaliert schlechte Laune besser als gute. Angst macht Quote, in der alten wie in der neuen Medienwelt.

Gott, ist das langweilig!

Das vermutlich meistgefällte Urteil über den deutschen Bundestagswahlkampf ist, dass er langweilig sei. Es fehle die Schärfe, heißt es. Martin Schulz sei im tatsächlich wenig unterhaltsamen TV-Duell mit Angela Merkel nicht angriffslustig gewesen, heißt es. Es gebe zu wenig Krach.

In der Fünfer-TV-Runde der kleineren Parteien am Montag ging es so zivilisiert zu, dass gelegentlich quer über Parteigrenzen Zustimmung signalisiert wurde. Wenn ich nicht irre, nickte Christian Linder (FDP) auch mal Sarah Wagenknecht (Die Linke) zu, und irgendwann gab irgendjemand sogar einmal Alice Weidel recht, der Vernunftsimulantin der AfD, die ihrer Partei noch ein paar Wähler aus dem nicht-rechtsradikalen bürgerlichen Lager einbringen soll. Es wurde durchaus inhaltlich diskutiert, und zwar weit interessanter als am Tag zuvor. Aber nicht gebrüllt, kaum geschimpft, kaum gepöbelt, nicht beleidigt.

Verfolgt man die Debatte über den Wahlkampf in Deutschland, kann man das Gefühl bekommen, alle wünschten sich einen etwas weniger zivilisierten Diskurs. Mehr Angst, mehr Wut, mehr Aggression. Damit es weniger langweilig wird.

Pausenclown für Neonazis

Politik hat aber nicht die Aufgabe, unterhaltsam zu sein. Sich unterhaltsame Politik zu wünschen, impliziert eine Ablehnung des weitgehend zivilisierten Diskurses, den es hierzulande auch 2017 noch gibt - zum Glück. In deutschen Wahlkämpfen spielen Figuren wir Steve Bannon, Boris Johnson oder Nigel Farage keine Rolle. Selbst Björn Höcke wird allenfalls als Pausenclown für Neonazis in die deutsche Geschichte eingehen.

Wenn Angst und Hass den politischen Diskurs dominieren, dann fallen Entscheidungen wie die für den Brexit, oder, ganz aktuell, wie der Plan der Regierung Trump, Hunderttausende gut integrierte, zum Teil sogar in den Streitkräften dienende Einwanderer auszuweisen, was den Staat und die Arbeitgeber Abermilliarden kosten wird. Kein American Dream mehr für die Dreamer. Ein bisschen Zucker für Trumps Angst- und Hassklientel.

Ein politischer Diskurs, der so stark polarisiert ist wie in den USA oder Großbritannien, verlangt immer extremere Reize, um das Erregungsniveau der jeweiligen Fraktionen hochzuhalten, neue Angst- und Hass-Stimuli, um neue vermeintliche Lösungen für die vermeintlichen Probleme anbieten zu können. Und dann fallen unsinnige, unvernünftige Entscheidungen.

Das wissen übrigens auch diejenigen, die in westlichen Gesellschaften gerne für ein bisschen weniger Stabilität sorgen wollen. Die Anzeigen, die Wladimir Putins Trollfabrik in St. Petersburg etwa im US-Wahlkampf über Facebook verbreitet hat, wie Facebook selbst jetzt mitteilte, hatten, so der Bericht, vor allem ein Ziel: "Quer durch das politische Spektrum auf Spaltung gerichtete soziale und politische Botschaften zu verstärken."

Was nicht kracht, wird krachend gemacht

Ich will mit alldem nicht sagen, dass in Deutschland alles blendend läuft und dass es nicht ausreichend Grund für Kritik gibt. Sascha Lobo zum Beispiel hat vollkommen Recht mit der Klage über jämmerliche Breitbandpolitik aller Bundesregierungen der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre. Die Reaktion diverser in irgendwelchen Autobundesländern an Regierungen beteiligten Parteien auf den beispiellosen Dieselbetrug der Branche ist an Erbärmlichkeit kaum zu überbieten. Bildungspolitik kommt im Wahlkampf gefühlt nicht einmal vor. Und so weiter.

All das ändert aber nichts daran, dass ein zivilisierter, also zwangsläufig ein bisschen langweiliger, politischer Diskurs über diese und viele andere Fragen einem polarisierten, aggressiveren vorzuziehen ist. Wir haben keine gespaltene Gesellschaft wie die USA, und wir sollten deshalb froh und dankbar sein.

Wenn ich Sie jetzt frage, wer die deutsche Angstpartei ist, können Sie die Antwort ohne nachzudenken erraten. Nur die AfD wünscht sich in Deutschland einen weniger zivilisierten politischen Diskurs, weil die Ablehnung des Anderen ihr einziger echter politischer Standpunkt ist. Das erklärt übrigens auch wunderbar den lächerlichen inszenierten Abgang von Alice Weidel aus einer weiteren Wahlkampf-Talkrunde am Dienstag: Wenn keiner bereit ist, auf plumpe Provokationen mit gleicher Münze zu antworten, dann muss man den Eklat eben künstlich herstellen. Was nicht kracht, wird krachend gemacht.

Darauf können wir verzichten, meine ich. Dann lieber ein bisschen Langeweile.

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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
klausbrause 10.09.2017
1.
Wobei es schon ein wenig kurz gesprungen/-schrieben ist, jenseits der tobenden Wutzwerge lediglich die Langeweile als Alternative zu vermuten. Ich hätte mir schon gewünscht, daß die Demokraten in diesem unserem Lande die inhaltliche Auseinandersetzung in Themenfeldern wie, Steuern, Sozialsysteme, Infrastruktur, Bildung gerne auch mit gehöriger Schärfe geführt hätten. Und dies hat nun, weiß Gott, nichts mit der Suche nach billigem Entertainment, sondern eher mit dem Verlangen, als Bürger ernst genommen zu werden, zu tun.
Varoufakis 10.09.2017
2.
Ein Wahlkampf wird doch nicht erst durch einen weniger zivilisierten Diskurs spannend, sondern vielmehr durch Themenvielfalt und durchdachte Ideen zur Zukunftsgestaltung, an Stelle der Verwaltung des Status quo.
martinbabenhausen 10.09.2017
3. Es geht um den Wettstreit
Ach Herr Stöcker, es geht nicht um "Unterhaltsamkeit" sondern um einen fairen freien Meinungswettstreit. Ein Duell zwischen Merkel und Weidel bzw zwischen Schulz und Wagenknecht wären absolut nötig und eine vorrangige Aufgabe der Medien.
Stefan_Schmidt 10.09.2017
4. Danke
Einfach nur danke für diesen Beitrag. Ich sehne mich auch nicht nach mehr Drama im Wahlkampf.
IMOTEP 10.09.2017
5. Weg
Im Wahlkampf geht es Zivilisierter , ruhiger zu, gepöbelt, nur gelegendlich, wer von den Etablierten Partei Politikern soll denn schärfer argumentieren haben sie doch doch abgenickt z. B. Breitband Digital u.sw. was im argen liegt. Und, lieber Hr. Stöcker, D ist im Gegensatz zu U.S.A. und England kein gespaltenes Land, das ist zu schön um Wahr zu sein. Die Realität sieht anders aus. Wenn die oben genannte nicht schon vollzogen ist, dann sind wir auf dem besten Weg dahin, leider. m.f.G.
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