AfD-Wahl im Selbsttest Wollen Sie das wirklich?

Es kann durchaus Gründe geben, die AfD zu wählen. Aber treffen die auch auf Sie zu? Ein Selbsttest liefert Antworten.

Poster der AfD
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Eine Kolumne von


Noch unentschlossen, was Sie heute machen sollen? Mein Ratschlag wäre: Gehen Sie ins Wahllokal und wählen Sie, falls Sie das nicht schon per Brief getan haben. Vergessen Sie Wahlschein und Ausweis nicht. Nehmen Sie, so vorhanden, Ihre Kinder mit, damit die schon einmal sehen können, wie gelebte Demokratie aussieht. Verteilen Sie anschließend Süßigkeiten, um positive Assoziationen zum Thema zu etablieren. Und: Wählen Sie nicht die AfD.

Aber viele, den Umfrageergebnissen zufolge sogar Millionen Wahlberechtigte in diesem Land, tragen sich ja nun mal offenbar mit dem Gedanken, ihre Stimme doch der Partei mit dem roten Pfeil zu geben. Womöglich wird diesen Menschen in der Wahlkabine irgendein Spruch wie "Merkel muss weg!" durch den Kopf schießen, und Zack! Ist es passiert.

Natürlich gibt es, wie für jede andere Entscheidung auch, Gründe, das zu tun. Die Kollegen beim "Tagesspiegel" und bei Bento haben da dankenswerterweise schon einiges zusammengetragen. Damit Sie selbst, wenn Sie dann in der Wahlkabine stehen, sich das leicht bewusst machen können, hier ein paar Gründe, für die AfD zu stimmen, in Frageform. Stimmen Sie hier zu?

  • Glauben Sie, dass es Ihr Leben und das Ihrer Verwandten und Freunde verbessern wird, wenn wir alle jetzt anfangen, "stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen", so wie AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland?
  • Oder glauben Sie, so wie der Kaiserslauterner AfD-Direktkandidat Stefan Scheil, dass Polen eigentlich Deutschland erobern wollte, damals, 1939? Dass Hitler dem Feind bloß zuvorkam?
  • Glauben Sie, so wie zum Beispiel der niedersächsische AfD-Kandidat Wilhelm von Gottberg, der Holocaust werde hierzulande wie ein "Mythos" behandelt, als "ein Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung entzogen bleibt"?
  • Möchten Sie, so wie Björn Höcke, eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad"?
  • Glauben Sie, wie Gottberg und viele seiner Parteifreunde, dass es einen "Kult mit der Schuld" gibt hierzulande, und dass es Ihnen, Ihren Freunden und Verwandten besser ginge, wenn der beendet würde?
  • Kurz: Finden Sie auch, dass das ganze Erinnern an den von Deutschen verübten industriellen Massenmord jetzt aber mal beendet gehört?
  • Möchten Sie eine Partei im Bundestag sehen, die sich, ihrem Tübinger Direktkandidaten Dubravko Mandic zufolge, "vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte" von der rechtsextremen NPD unterscheidet?
  • Freuen Sie sich, so wie Mandic, über ein "entstehendes rechtsradikales Netzwerk zwischen AfD und Identitärer Bewegung"?
  • Halten Sie diese sogenannte Identitäre Bewegung, die der Verfassungsschutz beobachtet, weil er dort "Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" erkennt, so wie der Münchner AfD-Direktkandidat Petr Bystron für eine "tolle Organisation"?
  • Finden Sie es gut, wenn Bundestagsabgeordnete an Aufmärschen dieser "Bewegung" teilnehmen, so wie der Bremer Kandidat Norbert Teske?
  • Glauben Sie, dass die deutsche Gesellschaft Integrationsprobleme am besten in den Griff bekommt, wenn sie sich nicht scheut, so wie der AfD-Direktkandidat Thomas Seitz (Kreis Emmendingen-Lahr) das vorschlägt, "Menschen mit schwarzer Hautfarbe weiterhin Neger" zu nennen? Dass man dunkelhäutige Menschen am besten begrüßt, indem man ihnen eine Banane schenkt, so wie der bayerische AfD-Kandidat Benjamin Nolte - auch genannt "Bananen-Nolte"?
  • Glauben Sie, so wie zum Beispiel der bayerische AfD-Kandidat Peter Boehringer, dass sowohl die Bundesregierung als auch die Uno in Wirklichkeit von einer geheimnisvollen Organisation namens New World Order - das ist das neue Wort für die jüdische Weltverschwörung - gesteuert werden?
  • Glauben Sie, so wie Boehringer, aber zum Beispiel auch der sächsische AfD-Kandidat Göbel und diverse andere in der Partei, dass solche dunklen Mächte eine "Umvolkung" Deutschlands anstreben?
  • Und zudem mit aktiver Hilfe der etablierten Bundestagsparteien die Bevölkerung austauschen wollen?
  • Fürchten Sie sich, so wie der hessische AfD-Kandidat Martin Hohmann, vor einem "Austausch der Bevölkerung"?
  • Finden Sie Theorien verbreitenswert, so wie der manchmal AfD-"Parteiphilosoph" genannte Marc Jongen, nach denen dunkle Mächte eine "Mischbevölkerung" schaffen wollen, um Deutschland zu schwächen?
  • Halten Sie es, so wie Göbel, für gerechtfertigt, Menschen ausländischer Herkunft als "Schmarotzer" und "Parasiten" zu bezeichnen?
  • Finden Sie, so wie der Berliner AfD-Kandidat Nicolaus Fest, dass man alle Moscheen in Deutschland schließen sollte?
  • Oder, so wie der hessische AfD-Kandidat Albrecht Glaser, dass Muslimen nicht das Grundrecht auf Religionsfreiheit zusteht?
  • Würden Sie am liebsten, so wie der sächsische Kandidat Jens Maier, der fast sicher in den Bundestag einziehen wird, Muslime künftig als "Gesindel" bezeichnen?
  • Oder den Islam, wie der niedersächsische AfD-Kandidat Nicolas Lehrke, "europaweit" einfach verbieten?

Wenn Sie mehrere der obigen Fragen ohne zu Zögern mit "Ja" beantworten können, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Rechtsradikaler mit Hang zu paranoiden Verschwörungstheorien. In diesem Fall wäre es mir persönlich am liebsten, Sie gingen einfach gar nicht zur Wahl. Aber wenn es unbedingt sein muss: Machen Sie mal, wählen Sie die AfD, dann wissen wir wenigstens, mit wie vielen von Ihrer Sorte wir es hierzulande tatsächlich zu tun haben. So zu tun, als gäbe es Sie nicht, hilft ja auf die Dauer auch nichts.

Wenn Sie beim Studium der obigen Fragen allerdings ins Grübeln geraten, dann bitte ich Sie dringend, nicht die AfD zu wählen. Auch, wenn Sie die soziale Ungleichheit in Deutschland wütend macht, Sie Angela Merkel nicht mehr sehen können oder mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung absolut unzufrieden sind - es gibt auch andere Möglichkeiten, dieser Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen, als rechtsnationale Rassisten mit Tendenz zur Geschichtsklitterung und kaum verhohlener Sympathie für waschechte Nazis vier Jahre lang ins deutsche Parlament zu wählen. Geben Sie Ihre Stimme einer anderen Partei, die Auswahl ist groß genug.

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insgesamt 383 Beiträge
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Seite 1
panzerknacker 51 24.09.2017
1. ???
Bekommen wir sowas auch noch für die anderen Parteien?
Ronns 24.09.2017
2. Hmm...
Ich hab schon gewählt aber nicht AfD. Allerdings konnte ich vier Fragen mit JA und einige mit" stimmt ein bisschen" beantworten. Bringen Sie den "Test" in vier Jahren bitte paar Wochen vor der Wahl. Vielleicht hilft er mir dann mein Kreuz richtig zu setzen.
highdelberger 24.09.2017
3. Kurz korrigiert
Der Wahlkreis heißt Emmendingen-Lahr.
bayernohnecsu 24.09.2017
4. Danke, Herr Stöcker!
Ein hervorragender, wenn auch sehr kleiner Ausschnitt aus dem, was AfD Kandidaten so verbreiten. Wer ihnen die Stimme gibt, nimmt billigend in Kauf, dass dieses völkische Zeugs künftig im Bundestag Zeit stiehlt, die für ernsthafte Debatten besser genutzt wäre
m_e_m 24.09.2017
5. Danke .... jeder einzelne Satz kann gar nicht ...
oft genug wiederholt, gepostet, weitergeleitet werden. Die AFD ist ein Paradebeispiel, wie eine Partei systematisch ausghölt und als trojanisches Pferd missbraucht wird. Leider leben in diesem Land aber scheinbar 15 % die aus der Vergangenheit nichts lernen wollen, sich in obskuren Verschwörungstheorien ergehen und der Meinung sind das Privileg zu besitzen die Wertigkeit von Menschen und Kulturen klassifizieren zu dürfen. Von Können ... lassen wir das, ab hier wäre es Phantasterei. Also liebe Foristen - geht wählen und macht euer Kreuz wo ihr meint. Ich denke unsere Demokratie übersteht auch die AFD - die Probleme werden danch aber nicht weniger werden (siehe Trump)
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