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Ausgegraben

Bunker in Hagen Zeitkapsel aus dem Zweiten Weltkrieg

Weltkriegsbunker in Hagen: Im Keller Fotos
Horst Klötzer

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Tausende Hagener suchten während des Kriegs im Hochbunker in der Bergstraße Zuflucht. Nach Kriegsende geriet dessen Keller lange in Vergessenheit - jetzt kann er als eine Art Zeitkapsel bestaunt werden.

Gemütlich ist es allerdings nicht; die Zellen sind karg und kalt. Sechs Quadratmeter Grundfläche, darin ein Bett, ein Stuhl, ein Eimer, sonst nichts. In den letzten Kriegsjahren aber, als die britischen Bomber so oft über Hagen flogen, dass die Mensch den Bunker 15/HAG/5 an der Bergstraße 98 gar nicht mehr verließen, wurden die Räume für viele zur zweiten Heimat. Eine erste gab es oft nicht mehr - mehr als 70 Prozent der Stadt lagen in Trümmern. Auch wer sich eine der Zellen gemietet hatte, musste während der Angriffe die Tür für Fremde öffnen. Privatsphäre wurde zu einer fernen Erinnerung.

Der Anblick der kahlen Räume in dem neu eröffneten Museumsbunker geht unter die Haut. Auch wie der Krieg sich anhörte, kann man hier erfahren: Wenn das ohrenbetäubende Heulen der Handsirene ertönt, das die Bewohner Hagens warnte, wenn wieder die englischen Bomber kamen. Nur der Geruch lässt sich nicht vermitteln. Wie riecht es, wenn während eines stundenlangen Angriffs bis zu 3000 Menschen über fünf Etagen verteilt auf 1736 Quadratmetern atmen, schwitzen, leben? Wenn pro Etage nur vier Toiletten zur Verfügung stehen? Wenn für Menschen der Bunker zur ständigen Wohnstatt wird? "Wie es damals hier roch, das können wir uns nicht einmal vorstellen", sagt Horst Klötzer bewegt. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit den rund 160 Bunkern der Stadt. Viele längst vergessene davon hat er mit Hilfe von Zeitzeugen wiedergefunden.

Glück, dass keine Bombe den Bunker traf

Trotz der Enge, trotz des Gestanks: Die Menschen, die während der schlimmsten Zeit des Krieges hier Schutz suchten, hatten Glück. Sie überlebten, während ihre Häuser zu Schutt und Asche wurden. Das Glück beruhte allerdings weniger auf den dicken Wänden des Bunkers, sondern auf der Tatsache, dass auf diese Stelle keine Bombe fiel. Der von 1941 bis 1942 errichtete Bunker war gegen die damals bekannten Gefahren geschützt, etwa Giftgasangriffe. Bei Angriffen herrschte immer leichter Überdruck, damit kein Gas eintreten konnte. "Auch wer bei einem Angriff von einer Etage in die andere wollte, musste erst an der Schleuse warten, bis genügend Überdruck aufgebaut war", sagt Klötzer, "erst dann wurde die Tür geöffnet, und er durfte rein."

Die Dicke der Wände hatte Architekt Phillipp Röll nach den zu Beginn der vierziger Jahre bekannten Bombengrößen berechnet: 1,80 Meter für die Wände, 1,55 Meter für die Decken und immer noch 1,10 Meter für den Boden - zur Sicherheit von unten, weil eine 250 Kilo-Bombe erst in fünf Meter Tiefe explodiert. Genützt hätte es nichts. Als die Bomber kamen, trugen sie weitaus tödlichere Munition: aus 250-Kilo-Bomben waren längst 2000-Kilo-Bomben geworden. Die Rüstungsspirale hatte sich so schnell gedreht, dass der Bunker, kaum fertiggestellt, bereits veraltet war. Als unnötig erwies sich auch die Zentralheizung. War der Bunker voll, heizte sich die Temperatur allein durch die menschlichen Ausdünstungen schnell auf 28 Grad Celsius und mehr auf.

Zeitzeugen erzählen

Der Krieg ging vorbei, doch die Menschen blieben noch eine Weile - wo hätten sie auch hin sollen im zerbombten Hagen? Bis in die fünfziger Jahre wohnten Familien in der Bergstraße 98. Die Bunker waren indessen Eigentum der Bundesrepublik geworden, diese war verpflichtet, sie weiterhin zu erhalten. Insgesamt zehn Hochbunker waren es allein in Hagen, die regelmäßig gewartet und instandgesetzt werden mussten - bis ins Jahr 2004. "Ich habe Rechnungen gesehen, was das alles gekostet hat", erzählt Klötzer, "und das war nicht wenig." Einige Bunker fanden neue Bestimmungen als Lagerhallen oder schalldichte Musikübungsräume.

Doch das Kellergeschoss von Bunker 15/HAG/5 verfiel in Dornröschenschlaf, obere Etagen wurden zwar genutzt, aber niemand brauchte in dem weitläufigen Gebäude die unterirdischen Räumlichkeiten. Bis Michaela und Gottfried Beiderbeck das Gebäude kauften und die Zeitkapsel im Keller fanden. Horst Klötzer war einer der Ersten, den sie in ihren Keller ließen. "Es war, als ob die Zeit stehengeblieben wäre", beschreibt er seinen ersten Eindruck. "Alles ist immer noch sorgfältig beschriftet mit den Schildern von 1943."

Die Eigentümer und das Historische Centrum Hagen haben die Einrichtung mit zeitgenössischen Gegenständen ergänzt und den Bunker in ein Museum verwandelt. Doch wirklich mit Leben und Geschichten füllen können die Räume nur die noch lebenden Zeitzeugen. Am "Tag des offenen Denkmals" im September standen rund 1500 Besucher Schlange, um den Bunker zu besichtigen - darunter einige, die sich an die Bombennächte erinnern können. Horst Klötzer hört ihnen zu, wenn sie erzählen, und dokumentiert ihre Geschichten. Unter ihnen sind auch die beiden Töchter des Architekten Phillipp Röll. Sie gingen vergangene Woche mit Klötzer nach fast 70 Jahren zum ersten Mal wieder in die Räume, die ihr Vater entworfen hatte. "Damals bei den Angriffen ging die Familie Rölls nicht in eine gemietete Zelle, sondern in den Maschinenraum", erzählt Klötzer. "Denn da war die Luft am besten."

4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
gustav.rohde 31.10.2013
roboterx 31.10.2013
panzertom 31.10.2013
regine.kaltenbach 14.11.2013

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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