Busplakate: Atheistische Kampagnen weiten sich aus

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Das Londoner Beispiel macht Schule: Provokante atheistische Thesen sind jetzt auch auf Bussen in Spanien zu lesen, Italien soll schon bald folgen. Die Aktionen haben ihr wichtigstes Ziel schon jetzt erreicht - die öffentliche Debatte tobt.

"Wahrscheinlich gibt es keinen Gott - hört auf, euch Sorgen zu machen und genießt das Leben": Dieser Spruch prangt inzwischen nicht nur auf Hunderten Bussen in Großbritannien, sondern auch in Barcelona, mitten im katholischen Spanien. Und nicht nur dort trauen sich Atheisten inzwischen, ihre Überzeugung offen zur Schau zu stellen: In Italien und Kanada sind ähnliche Kampagnen in Planung. In Australien hat sich inzwischen eine "NoToPope Coalition" formiert, die nicht nur Nein zum Papst sagt, sondern mitunter auch zur Lehre der Bibel an sich.

Für die Bus-Plakatkampagne in Barcelona zeichnet die Spanische Union der Atheisten und Freidenker (UAL) verantwortlich: Mit dem exakt gleichen Wortlaut und sogar denselben Farben wie in London bringt sie ihre Botschaft unters Volk. "Diese Kampagne richtet sich an die Atheisten, die regelmäßig mit der Hölle und anderen Qualen bedroht werden", sagt Albert Riba von der UAL. "Wir wollen ihnen sagen: Macht euch keine Sorgen."

Die Aktion soll je nach Spendenaufkommen auf weitere Städte ausgedehnt werden. Riba glaubt, dass die Debatte überfällig ist in einem Land, in dem sich "ein Fünftel der Bevölkerung als atheistisch bezeichnet". Tatsächlich ergab eine Umfrage der europäischen Kommission vor vier Jahren, dass nur 59 Prozent der Spanier an Gott im traditionellen Sinn glauben. 21 Prozent glauben demnach zumindest an irgendeine höhere Macht, 18 Prozent jedoch an keines von beiden.

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .

Dass inzwischen vier von zehn Bewohnern des einst erzkatholischen Spaniens mit dem althergebrachten christlichen Glauben nichts mehr am Hut haben, macht offenbar manches leichter. Eine solche Botschaft "wäre vor einigen Jahren noch unmöglich gewesen", sagt Student Marc an Bord eines atheistisch plakatierten Busses der Linie 14. Und mit dieser Meinung dürfte er nicht allein sein.

Angestoßen hatte die theologische Debatte im öffentlichen Nahverkehr der britische Politikberater Jon Worth und die Autorin Ariane Sherine - unter anderem als Reaktion auf düstere Drohungen christlicher Organisationen auf Londoner Bussen. Dass sie als Atheistin eines Tages in der Hölle schmoren werde, wollte Sherine nicht unwidersprochen hinnehmen. In kürzester Zeit sammelte sie mit Hilfe der Britischen Humanistischen Vereinigung umgerechnet mehr als 150.000 Euro an Spenden. Damit ließ sie die Botschaft, es gebe keinen Gott, auf 800 Busse und in der Londoner U-Bahn plakatieren.

Premiere: Obama würdigt Nichtgläubige in Antrittsrede

Es ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass Atheisten in westlichen Gesellschaften immer öfter in die Offensive gehen. In den USA etwa versuchen Kreationisten seit einigen Jahren wieder verstärkt, die biblische Schöpfungslehre als eine Art alternative Wissenschaft zu etablieren. Das hat nicht nur für Frust unter Forschern, sondern auch für überraschend heftige Reaktionen gesorgt - und nicht alle sind so lustig wie die der Pastafarians, der Anbeter des fliegenden Nudelmonsters. Wütende Polemiken gegen den Glauben finden sich regelmäßig in den Bestsellerlisten, im Internet gibt es inzwischen zahlreiche todernste atheistische Initiativen.

Selbst US-Präsident Barack Obama hat in seiner Rede zur Amtseinführung gesagt: "Wir sind eine Nation von Christen und Muslimen, Juden und Hindus - und Nichtgläubigen." Noch nie zuvor, so berichteten amerikanische Zeitungen, habe ein Präsident in seiner Antrittsrede Nichtgläubige mit Gläubigen auf eine Stufe gestellt.

Doch manche Religiöse wollen sich atheistische Frechheiten nicht gefallen lassen. In London etwa gingen inzwischen rund 200 Beschwerden beim britischen Werberat ein. In Madrid buchte der evangelische Pfarrer Fuenlabrada Paco Rubiales Bus-Werbeflächen. Die Aufschrift: "Gott gibt es. Genieße das Leben mit Christus". Die nötigen 2000 Euro für die dreimonatige Kampagne kommen nach seinen Worten "ausschließlich aus der Kollekte der Kirchgänger".

Plakate in Italien: "Wir brauchen Gott nicht"

Im norditalienischen Genua soll auf Bussen ab Anfang Februar zu lesen sein: "Die schlechte Nachricht ist, dass es Gott nicht gibt. Die gute Nachricht ist, dass wir ihn nicht brauchen." In Italien könnte eine solche Kampagne für noch mehr Wirbel sorgen als in Spanien: Laut der EU-Umfrage glauben in dem Land 74 Prozent an Gott und 16 Prozent an eine höhere Macht. Die Ungläubigen stellen mit sechs Prozent eine kleine Minderheit.

In Australien und Kanada haben atheistische Organisationen unterdessen Websites und Spendenkonten für ähnliche Aktionen eingerichtet. Doch auch hier gab es schon Ärger: Australiens größte Agentur für Außenwerbung, APN Outdoor, lehnte die Verbreitung der provokanten Plakate ab.

Die Organisation e-christians hat zu Spenden aufgerufen, um Kampagnen gegen die "gottlosen" Busse zu finanzieren. Und in London reichte eine christliche Lobby-Gruppe Beschwerde beim britischen Werberat ein. Begründung: Für die Nichtexistenz Gottes gebe es keine Beweise. Dies konterte der britische Humanist Peter Cave mit der Bemerkung: "Ich sehe keine Beweise für Gott, so wie ich auch keine Beweise sehe, dass auf dem Mond Ananasfrüchte herumfliegen."

Mit Material von AFP

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