Atomraketenversteck in Grönland Auf den Spuren von Operation "Iceworm"

Tief unter Grönlands Eis baute das US-Militär einst ein Versteck für Atomraketen. Inzwischen gilt die längst verlassene Basis als Umweltrisiko. Nun haben sich Wissenschaftler vor Ort umgesehen.

Horst Machguth

Von


Kalter Krieg. Zwei Worte - und so viel Irrsinn. In den Jahrzehnten, in denen sich die Supermächte USA und Sowjetunion belauerten, war beiden Seiten jedes Mittel recht, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Einen vermeintlichen Vorteil sollte man besser sagen. Denn am Ende hätte sowieso wohl die komplette gegenseitige Vernichtung gestanden.

Eine besonders wahnwitzige Ausprägung des Irrsinns findet sich in Grönland. Dort betrieb das US-Militär nicht nur geheime Flugplätze und Radarstationen. Ein Projekt namens "Iceworm" sollte auch 600 US-Atomraketen unter dem ewigen Eis beherbergen, um sie möglichst ungesehen - und möglichst zügig - nach Osten abschießen zu können.

Die Amerikaner bauten dafür ab 1959 eine Station namens Camp Century acht Meter unters Inlandeis, besetzt mit bis zu 200 Soldaten. Nach wenigen Jahren brach man das Experiment allerdings ab - das Eis war viel zu stark in Bewegung. Zurück blieben: 9200 Tonnen Abfall und Schrott, 200.000 Liter Dieselkraftstoff und PCB, das sind krebsauslösende organische Chlorverbindungen, sowie 24 Millionen Liter Abwasser. Das war in Teilen leicht radioaktiv, weil es aus der Kühlung eines transportablen Kernreaktors stammt, der die Station mit Energie versorgt hatte.

Seit vergangenes Jahr im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" eine Forschungsarbeit zum Thema erschien, hat man in Grönland Angst, dass dieser ganze Dreck durch den Klimawandel irgendwann wieder an die Oberfläche kommen könnte.

Im Juli und August hat nun eine wissenschaftliche Expedition das Camp Century erstmals umfassend auf mögliche Umweltgefahren untersucht. "Wir sind erst vergangene Woche zurückgekommen, unsere Eiskerne und Radardaten müssen wir erst noch genauer untersuchen", erklärt William Colgan vom Geologischen Dienst Dänemarks (Geus).

Genau genommen liegen die 150 Kilogramm Eisproben sogar noch auf Grönland, auf dem Flughafen in Thule, wo die US-Armee bis heute eine Luftwaffenbasis betreibt. Im Januar 1968 stürzte hier eine B-52 mit vier Wasserstoffbomben an Bord ab. Eine wurde nie gefunden. Noch so ein Irrsinn des Kalten Krieges.

Aber zurück zu Camp Century: Von den einstigen Anlagen dort sei genau gar nichts mehr zu erkennen, sagt Horst Machguth von der Universität im schweizerischen Fribourg. Auch er war Teil der gerade zurückgekehrten, sechsköpfigen Expedition, die sich an den meisten Tagen mit extrem schlechtem Wetter herumschlagen musste.

Fotostrecke

8  Bilder
"Camp Century": Kalter Krieg im ewigen Eis

Das Camp habe einst einen 50 Meter hohen Wettermasten gehabt. Zumindest bis in die Neunziger soll dessen Spitze noch aus dem Eis herausgeschaut haben. "Aber der ist weg, man sieht gar nichts mehr." Die einst ins Eis getriebenen Tunnel sind auch längst unter der Last von oben zusammengebrochen. "Bestenfalls gibt es noch ein paar Hohlräume", sagt Machguth.

Und doch lassen sich die Spuren des Camps erkennen - wenn man weiß, wohin man schauen muss. In den Bohrkernen gebe es Bereiche, in denen das Eis "leicht dreckig" aussieht, beschreibt der Schweizer, in 35 bis 40 Meter Tiefe. Auch sehe man, dass die Dichte des Eises dort massiv ansteigt. "Das liegt vermutlich an den Fahrzeugen, die damals den Schnee komprimiert haben", sagt Machguth.

Das könnte Sie auch interessieren

Und dann ist da dieser Geruch. "Deutlich, aber nicht stark" habe es aus dem Bohrloch nach Kohlenwasserstoffen gestunken. Wie groß die Belastung des Grundes aber genau ist, werden erst die Analysen der Kerne zeigen. "Wir haben eine Menge an Daten, durch die wir uns jetzt arbeiten müssen", sagt William Colgan.

"Eine riesige Müllhalde"

Hinweise auf die schmutzigen Hinterlassenschaften der Amerikaner liefern auch die Radarmessungen, die das Team vorgenommen hat. Per Ski zogen die Forscher die Messtechnik in einem Zwei-Kilometer-Umkreis über das Eis, immer hin und her. Um die 100 Kilometer an Radarprofilen kamen so zusammen.

Normalerweise sehe ein Radarbild des grönländischen Untergrundes recht simpel aus, erklärt Horst Machguth. Schicht um Schicht lasse sich da erkennen, horizontal gestapelt. Auch Jahre, in denen das Eis an der Oberfläche besonders stark geschmolzen sei, könne man klar sehen. Aber im Bereich vom Camp Century ist es mit der Regelmäßigkeit vorbei. "Das ist eine riesige Müllhalde", so Machguth. Haufenweise Reflektionen habe man gesehen, größere, kleinere, chaotisch verteilt, vermutlich auch die Signale der ehemals existierenden sechs Haupttunnel.

Nach einer detaillierten Auswertung werde man eine Karte des Untergrundes vorlegen. "Dann werden wir sagen können, ob es dort noch Überraschungen gibt", sagt Machguth. In Zukunft soll es jedes Jahr eine Überwachungsexpedition zum Camp Century geben - auch um die in diesem Jahr dort installierten automatischen Messstationen regelmäßig vom Eis zu befreien. Denn aktuell kommen am Standort auf 77 Grad Nord, in rund 1900 Meter Höhe, etwa anderthalb Meter Schnee pro Jahr dazu.

Woher kommt dann aber die Angst, dass die Hinterlassenschaften überhaupt wieder ihren Weg ans Licht finden? Schließlich sinken sie aktuell immer weiter ab - nach der letzten Prognose von Colgan und seinen Kollegen könnten sie Ende des Jahrhunderts um die 70 Meter tief liegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Antwort darauf, so erklären es die Forscher, hat vor allem mit den Prognosen für den zukünftigen CO2-Ausstoß der Menschheit zu tun. Gelinge es den Staaten etwa, die Versprechen des Klimavertrages von Paris einzuhalten, drohe Camp Century nicht freizuliegen. Solch ein Szenario drohe aber sehr wohl, wenn die Emissionen sich wie bisher weiterentwickelten.

Dann könnte die Region, in der sich der einstige Stützpunkt befindet, um das Jahr 2100 zum Schmelzgebiet werden. "Und dann dauert es auch nicht allzu lange, bis das Eis komplett verschwindet", sagt Forscher Machguth. Abschmelzraten von einem Meter Eis pro Jahr seien dann kein Problem. Auch weil die Oberfläche des Eises dann nicht mehr so hell sei - und mehr Wärme aufnehme.

Bislang könne man aber zum Glück sagen: "Die Veränderungen dort oben sind noch nicht sehr groß." Die Vergangenheit ruht also. Noch.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.