Ausgegraben

Ausgegraben Das Leiden im Wald

In den Wäldern des US-Bundesstaates Georgia lag ein Gefangenenlager der Konföderierten Armee. Bei seinem Bau galt Camp Lawton als das größte Gefängnis der Welt. Geblieben sind vereinzelte Erinnerungsstücke der eingesperrten Soldaten - und der Geruch nach Kiefernharz.

Lance Greene

Bei dem Wort "Kriegsgefangenenlager" denken wir zumeist an die großen Lager des Zweiten Weltkrieges. Doch auch schon lange vorher internierten Kriegsparteien ihre Gefangenen in riesigen Gefängnissen - oft unter erbarmungswürdigen Zuständen. Im Oktober 1864 stampfte bei der Stadt Millen, rund 80 Kilometer südlich von Augusta im US-Bundesstaat Georgia, die Konföderierte Armee das Camp Lawton aus dem Boden. Es sollte die gefangenen Soldaten der Union aufnehmen, die nicht mehr in das völlig überfüllte Höllen-Camp Sumter in Andersonville hineinpassten. Sein Erbauer Brigadier General John H. Winder pries Camp Lawton als "das größte Gefängnis der Welt".

Seit dem Jahr 2009 untersuchen Archäologen der Georgia Southern University den Boden auf dem ehemaligen Gefängnisgrundstück. Eines ihrer Hauptanliegen ist, den Verlauf des Palisadenzauns zu finden. "Im letzten Herbst haben wir schon ein langes Stück des Zaunes freigelegt", sagt Grabungsleiter Lance Green SPIEGEL ONLINE. "An einigen Stellen kann man das Kiefernharz noch riechen - es hat die Stämme 150 Jahre lang konserviert." Viereinhalb Meter hoch zog sich der Zaun um die gesamte Anlage. "Als ich zum ersten Mal das Harz dieser Stämme roch, war ich überwältigt", erzählt Green. "Mir wurde klar, dass dies einer der vornehmlichen Sinneseindrücke für die Gefangenen gewesen sein muss: Tausende von frisch gefällten Kiefernstämmen und der starke Geruch nach Harz innerhalb der Umzäunung."

Doch die Archäologen fanden auch viele Gegenstände aus dem Alltagsleben der Gefangenen. "Viele der Artefakte sind private Dinge, welche die Soldaten von zu Hause mitgebracht hatten", erklärt Green. Die Ausgräber fanden unter anderem einen Bilderrahmen, in dem einst eine Daguerreotypie steckte, vielleicht einer Verlobten oder einer Mutter. Auch eine Tabakpfeife war unter den Funden - mit den Zahnabdrücken des Besitzers auf dem Stiel. Nicht alle Funde sind jedoch so harmlos und friedlich. Von Schmerzen und Leid erzählt eine Schnalle, wie sie an Aderpressen verwendet wurden. Solche Pressen stoppten die Blutung bei einer Amputation.

Der Tierarzt hilft beim Röntgen

Die Metallteile sind meist stark korrodiert. Um sie zu reinigen, haben Green und seine Studenten eine einfache Konstruktion gebastelt: Plastikwannen mit Wasser und Natriumhydrogencarbonat. Für den schwachen Strom, der zusätzlich zur Entrostung notwendig ist, hängt das Ladeteil eines Mobiltelefons in der Schüssel. Schon bevor die Funde ins Bad kommen, werden sie geröntgt. Dabei hilft der Tierarzt des Ortes freundlicherweise mit seinem Röntgengerät aus. Die richtige Einstellung für die Aufnahmen zu finden, war dabei gar nicht so einfach. Drei Möglichkeiten standen zur Verfügung: Hund, Katze, Vogel. Am besten fanden der Techniker der Tierarztpraxis und die Studenten heraus, funktioniert es, wenn der Schalter auf "Vogel" steht.

Diesen Sommer wollen die Archäologen eine der Gefangenenhütten, so genannte Shebangs, freilegen. "Die Gefangenen bekamen kein Baumaterial von den Konföderierten zur Verfügung gestellt, also mussten sie mit allem bauen, was sie zusammenscharren konnten: Holz, Äste, einzelne Backsteine", sagt Green. "Meist begannen sie den Bau mit einer einfachen Erdkuhle zum Schutz vor Wind."

Die Shebangs waren das Einzige, das den Gefangenen Schutz vor den ersten Vorboten des Winters bot: vor dem Wind, eisigem Regen, Nachtfrösten und erstem Schneetreiben. Viele der 10.299 Gefangenen hatten schon eine längere Zeit im völlig überfüllten und unterversorgten Camp Sumter hinter sich und waren entsprechend geschwächt. Die offiziellen Listen sprechen von 486 Toten in den ersten eineinhalb Monaten, doch in den Massengräbern fand man später mindestens 725 Tote. Zur Ruhe kamen auch die Überlebenden nicht. Nachricht erreichte das Lager, dass die Truppen der Union unter dem Befehl von General William T. Sherman im Anmarsch seien.

Das Lager wurde evakuiert, die Gefangenen nach Savannah gebracht und von dort auf Lager in South Carolina und in Blackshear, Georgia, verteilt. Am 22. November verließ der letzte Gefangene Camp Lawton - nur knapp sechs Wochen nachdem der erste Gefangene angekommen war. Vier Tage später fand Sherman nur noch die verlassenen Hütten.



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