Cédric Villani Frankreichs Top-Mathematiker wird Politiker

In Frankreich ist er bekannt wie ein Popstar. Nun sitzt der Mathematiker Cédric Villani in der Nationalversammlung - als Abgeordneter für Macrons Partei En Marche.

Mathematiker Cédric Villani
AFP

Mathematiker Cédric Villani


Er hat es geschafft. Cédric Villani gewann auch die zweite Runde in seinem Wahlkreis südlich von Paris und ist damit Abgeordneter in der Assemblée Nationale, dem Parlament Frankreichs. Der Mathematiker war für En Marche angetreten, die Partei von Frankreichs neuem Präsidenten Emmanuel Macron. Via Facebook bedankte er sich für das Vertrauen seiner Wähler. Er wolle weiterhin allen zuhören, die nach Wegen suchten, um Frankreich nach vorn zu bringen.

Villani gehört zu den bekanntesten Mathematikern weltweit. Im Jahr 2010 hatte er die Fields-Medaille gewonnen, die renommierteste Auszeichnung in seinem Metier. Für Aufsehen sorgt auch immer wieder sein extravaganter Kleidungsstil. Villani trägt meist einen dunklen Anzug und um den Hals ein auffälliges Tuch. Am Jackett steckt eine große silberne Spinne - diese Brosche ist sein Markenzeichen.

Dass er nun in die Politik geht, ist keine wirkliche Überraschung. Der Direktor des Instituts Henri Poincaré in Paris beschäftigt sich schon länger mit Themen, die weit über die Mathematik hinausgehen. So berät er die EU-Kommission in Wissenschaftsfragen und arbeitet im Think Tank EuropaNova, der sich für ein demokratisches und soziales Europa einsetzt.

"Macron erneuert das politische Spiel"

Das französische Bildungssystem sieht Villani kritisch. Die Eliteschule École normale supérieure, an der Villani studierte, bringe zwar mehr Fields-Medaillisten hervor als jedes andere Institut auf der Welt. Doch die mathematische Ausbildung in der Breite sei nicht gut, sagte er bei einem Auftritt in Heidelberg.

Villani engagiert sich in der Partei des Präsidenten Macron vor allem wegen ihres europafreundlichen Kurses. Er schätzt an Macron zudem, dass er sich weder links noch rechts positioniert. "Er erneuert das politische Spiel und bezieht eine Menge Leute ein, die keine Profipolitiker sind", sagte Villani der "Zeit".

Bei seinem Wahlsieg im Département Essonne dürfte Villani auch von seiner großen Popularität in Frankreich profitiert haben. Er tritt immer wieder im Fernsehen auf. Viele Franzosen kennen ihn zudem aus der Dokumentation "Comment j'ai détesté les maths" (Wie ich Mathe gehasst habe) aus dem Jahr 2013. Darin porträtierte der Filmemacher Olivier Peyon Mathegenies der Gegenwart.

"Das Leben ist komplizierter als Mathe"

Auch wenn nur wenige Kollegen den mathematischen Gedankengängen Villanis folgen können, die wirklichen Herausforderungen sieht er außerhalb der Mathematik: "Die Leute denken, Mathematik ist kompliziert." Das stimme jedoch nicht. Mathematik beruhe auf Logik, das gelte für das reale Leben nicht. Villanis Fazit lautet daher: "Das reale Leben ist komplizierter als Mathematik." Er sollte also ungefähr wissen, was ihn in den kommenden Jahren erwartet.

Dass es in der Politik mitunter auch ganz schlicht zugeht, erlebte Villani nach seinem Wahlsieg, als sich der linke Politiker Jean-Luc Mélenchon über ihn lustig machte. "Ich habe das Mathe-Ass gesehen", meinte der Chef der Partei Unbeugsames Frankreich. "Ich werde ihm erklären, was ein Arbeitsvertrag ist und das wird ihn umhauen." Villani wisse nicht, dass hinter dem Achtstundentag hundert Jahre Klassenkampf stünden. "Der Junge denkt, das war schon immer so."

Villani antwortete Mélenchon via Twitter: "Lieber Jean-Luc Mélenchon, ich habe schon ein paar Arbeitsverträge gesehen, aber es ist mir immer ein besonderes Vergnügen, Nachhilfe zu bekommen."

hda



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