Teilchenphysik Was wurde aus den Schwarzen Löchern vom Cern?

Der größte Teilchenbeschleuniger der Welt könnte uns alle töten - so tönten Kritiker vor dem Start des LHC: Sie warnten vor Schwarzen Löchern. Nun startet der Beschleuniger wieder - mit fast doppelter Energie.

Cern

Aus Genf berichten , Thies Schnack und Martin Sümening (Video)


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Heiner Lauterbach ist Bundeskanzler - und das ist noch nicht mal das größte Problem. So lässt sich die Handlung des RTL-Weltuntergangsfilms "Helden" aus dem Herbst 2013 zusammenfassen. Die etwas längere Version geht so: Forscher am Cern-Teilchenbeschleuniger LHC haben versehentlich ein kleines Schwarzes Loch erzeugt. Das verändert mal eben das Schwerefeld der Erde - Satelliten und Flugzeuge stürzen ab, im Boden tun sich Verwerfungen und Gräben auf. Die Menschheit wird in ihren Grundfesten erschüttert.

In der Fiktion geht am Ende - wie so oft - alles gut: Eine von Christiane Paul gespielte Wissenschaftlerin kann den Weltuntergang gerade eben verhindern. Opfer gibt es trotzdem zu beklagen: Eine Erzieherin, gespielt von Yvonne Catterfeld, wird vom Schwarzen Loch vertilgt. Für den SPIEGEL-ONLINE Kritiker war das die einzig sehenswerte Szene des Filmes. Ansonsten habe man es mit "sturzdummem, humorfreiem und kraftmeierndem Pathos-Quatsch" zu tun.

Die Gefahr durch Schwarze Löcher am LHC beschäftigte allerdings auch in der Realität den einen oder anderen - und diverse Gerichte. Die Kritik am LHC hatte sich vor allem auf Einschätzungen des Tübinger Biochemikers Otto Rössler gestützt - auch wenn der in der Fachwelt kaum nennenswerte Unterstützung bekommen hatte.

"Generelles Misstrauen gegenüber physikalischen Gesetzen"

Erst im Herbst 2012, vier Jahre nachdem erstmals Protonen im unterirdischen Beschleunigerring von Genf kollidiert waren, legte das Oberverwaltungsgericht Münster eine Klage endgültig zu den Akten. Das Bundesverfassungsgericht hatte eine Verfassungsbeschwerde zuvor nicht angenommen. Es genüge nicht, den Antrag auf "ein generelles Misstrauen gegenüber physikalischen Gesetzen, also gegenüber theoretischen Aussagen der modernen Naturwissenschaft zu stützen", befanden die Richter. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wies einen Eilantrag ab.

Doch womöglich könnte die Diskussion bald noch einmal hochkochen. Im März nimmt der LHC nach einer anderthalbjährigen Wartungspause seine Arbeit wieder auf. Im Mai sollen dann Protonen mit fast dem Doppelten der bisherigen Energie zusammenstoßen. Doch auch dann gehe von dem Beschleuniger keine Gefahr aus, sagt Cern-Generaldirektor Rolf Heuer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der deutsche Experimentalphysiker beruft sich bei dieser Einschätzung auf ein Gutachten der LHC Safety Assessment Group (LSAG) zum ersten Start des Beschleunigers im Jahr 2008. "Die gleichen Argumente sind auch heute noch gültig", sagt Heuer. Sie würden auch für höhere Energie gelten.

Stark verkürzt läuft die Argumentation in etwa so: Im Beschleuniger passiere nichts, was nicht schon wer weiß wie oft durch natürliche Faktoren, namentlich hochenergetische kosmische Strahlung, auf der Erde und anderen Himmelskörpern passiert sei. Im gesamten Universum würden 10 Millionen Teilchenkollisionen wie im LHC passieren - und zwar pro Sekunde. Der Umstand, dass Sterne und Galaxien auch nach Milliarden von Jahren noch existierten, sei der beste Beleg, dass die ganze Sache keine dramatischen Folgen haben könne.

Ein Großteil der fünf LSAG-Mitglieder stammte vom Cern selbst - so ließe sich einwenden, dass die Experten in ihrem Urteil nicht unparteiisch gewesen sein könnten. Das Forschungszentrum verweist jedoch darauf, dass das Scientific Policy Committee des Cern den Bericht ausdrücklich gebilligt habe. Und in diesem Beratungsgremium säßen komplett unabhängige Forscher.

Theorie benötigt sechs Raumdimensionen

Ganz ausschließen lässt sich übrigens nicht, dass bei den Experimenten am LHC tatsächlich kleine Schwarze Löcher entstehen. Einigermaßen exotische physikalische Theorien geben solche Szenarien durchaus her. Doch dafür müsste es erstens mindestens sechs Raumdimensionen geben - und zweitens würden sich die Schwarzen Löcher nach Ansicht der Theoretiker auch extrem schnell wieder auflösen.

Wenn sie denn, wie gesagt, überhaupt existieren. Praktische Hinweise darauf gibt es nach wie vor nicht. "Bisher haben wir keine Schwarzen Löcher gefunden", sagt Cern-Chef Heuer. "Physikalisch wären sie sogar sehr interessant. Sie wären über das Higgs-Boson hinaus ein klarer Hinweis auf eine Physik jenseits des Standardmodells."

Nach genau dieser Erweiterung suchen die Wissenschaftler beim zweiten Lauf des LHC mit besonders großem Interesse. Zuvor ging es um die Entdeckung des Higgs-Bosons. Hier konnten die Cern-Wissenschaftler Erfolg vermelden, im Jahr 2013 gab es dafür den Nobelpreis für die Teilchenphysiker Peter Higgs und François Englert. Nun wissen die Forscher nicht mehr so genau, wonach eigentlich gesucht wird: "Es ist ganz klar, dass da noch etwas sein muss", sagt zum Beispiel der Physiker Johannes Albrecht von der TU Dortmund. Und danach wird nun am Cern wieder gefahndet - ganz ohne Gefahr für die Sicherheit der Welt.

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insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
Kunerich 13.03.2015
1. Wer sollte dann noch antworten?
"Der größte Teilchenbeschleuniger der Welt könnte uns alle töten - so tönten Kritiker vor dem Start des LHC" Sollten bei einem der Versuche doch noch ein schwarzes Loch entstehen, dann hat dummerweise keiner mehr die Möglichkeit darüber zu schreiben. Auch niemand von SPON. So gesehen ist man als jemand, der die Geschichte als eher lächerlich abtut, automatisch auf der sicheren Seite... Praktisch.
micromiller 13.03.2015
2. Er könnte den Quantensprung zum
großen Neuanfang der Menscheit auslösen, dass würde die kostspieligen Siedlungsversuche auf denn Mars erübrigen und John & Elena könnten hier die Geburt der Menschheit Version 15/3 einleiten.
angst+money 13.03.2015
3.
Zitat von Kunerich"Der größte Teilchenbeschleuniger der Welt könnte uns alle töten - so tönten Kritiker vor dem Start des LHC" Sollten bei einem der Versuche doch noch ein schwarzes Loch entstehen, dann hat dummerweise keiner mehr die Möglichkeit darüber zu schreiben. Auch niemand von SPON. So gesehen ist man als jemand, der die Geschichte als eher lächerlich abtut, automatisch auf der sicheren Seite... Praktisch.
Wo wir immer noch stehen. Wer dagegen ständig sagt, " es kööönnte das und das passieren..." steht übrigens auch auf selbiger, denn er kann immer so etwas schreiben wie Sie gerade und keiner kann einem das Gegenteil beweisen. Aber keine Angst: Die schwarzen Löcher wurden doch längst durch Genderwahn und Islamisierung ersetzt.
johnsnowx26 13.03.2015
4.
Zitat von Kunerich"Der größte Teilchenbeschleuniger der Welt könnte uns alle töten - so tönten Kritiker vor dem Start des LHC" Sollten bei einem der Versuche doch noch ein schwarzes Loch entstehen, dann hat dummerweise keiner mehr die Möglichkeit darüber zu schreiben. Auch niemand von SPON. So gesehen ist man als jemand, der die Geschichte als eher lächerlich abtut, automatisch auf der sicheren Seite... Praktisch.
Einfach klasse, wie der Sarkasmus da schon mitschwingt. Macht auch nichts, die Trottel, gegen die er gerichtet ist, verstehen ihn eh nicht.
blauervogel 13.03.2015
5. Nur mal angenommen,
es würde tatsächlich ein (vermutlich extrem kleines?) schwarzes Loch entstehen? Welche Folgen hätte das?
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