Charme-Offensive Mathematiker wollen smarter werden

Staubtrocken, humorlos, weltfremd - Mathematiker gelten landläufig als kauzige Eigenbrötler. Solche Vorurteile will die Deutsche Mathematiker-Vereinigung abbauen. Ein Vorhaben, das schwieriger sein könnte als manches ungelöste Problem aus der Algebra.

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Er war bis vor wenigen Tagen Präsident und wusste, dass in seiner Amtszeit schnelle Erfolge kaum möglich waren. Die Rede ist nicht von George W. Bush, sondern von Günter Ziegler, Mathematik-Professor an der TU Berlin und bis Ende 2008 Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ( DMV), die 5000 Mitglieder hat.

Ziegler hat gemeinsam mit seinem Münsteraner Nachfolger Wolfgang Lück vor der Presse Bilanz gezogen über 2008 - das Jahr der Mathematik. Ausgestattet mit einem Millionenetat des Bundesbildungsministeriums und der Deutsche Telekom Stiftung, hat Zieglers Team in den vergangenen zwölf Monaten einiges auf die Beine gestellt: 762 Veranstaltungen in 140 Städten, 4300 Mathekoffer wurden an Schulen verteilt, Projekte wie "Meine Lieblingszahl" organisiert, Prominente als Mathematik-Botschafter verpflichtet.

Aber war das genug? Haben die Deutschen jetzt Pi, Dreiecke und Hyperbeln lieben gelernt?

Diese Frage geistert immer wieder durch den Raum, in dem sich eine Handvoll Mathematiker und ein halbes Dutzend Journalisten gegenübersitzen. Die Wissenschaftler geben sich bewusst locker. "Ich möchte nicht mit George W. verglichen werden", scherzt Ex-DMV-Präsident Ziegler, und ein "Mission accomplished" werde man erst recht nicht von ihm zu hören bekommen. Der Communicator-Preisträger des Jahres 2008 ist alles andere als ein Laie der Selbstdarstellung. Sein Nachfolger Lück wird vorgestellt, indem der Pressereferent den Wikipedia-Eintrag über ihn vorliest. "Stimmt alles", kommentiert Lück, ihm fehle nur der Hinweis auf seine fußballerischen Erfolge mit dem Team der Universität Münster.

"Wie ein Smart"

Ziegler und Lück unterscheiden sich sicher vom typischen Mathematiker-Klischee. Sie wissen aber auch, dass sie davon nur schwer loskommen. Ungepflegt, weißer Bart, weltfremd, die Hosentaschen voller Stifte - so stellen sich Schüler einen Mathematiker vor, ergab vor Jahren eine Umfrage britischer Forscher. Mathematiker seien Nerds, bekundeten die Befragten. Im Internet werden die Witze über die seltsam entrückten Denker gesammelt, die angeblich nachts in einem brennenden Hotelzimmer aufwachen, den Feuerlöscher in der Ecke entdecken, "Das Problem ist lösbar" murmeln und beruhigt wieder einschlafen.

"Das ist ein Desaster", sagt Ziegler über dieses Image. Das Bild des Mathematikers sei enorm wichtig und beeinflusse Entscheidungen junger Menschen. Wie solle sich eine Schülerin angesichts dieses Stereotyps dazu entschließen, Mathematik zu studieren?

Und auch beim Image der Mathematik selbst liegt laut Ziegler einiges im Argen. "Sie besteht nicht nur aus Algebra und Geometrie, Mathematik ist vielfältig." Das Fach sei ständig in Bewegung, laufend würden neue Erkenntnisse gewonnen, dies wisse in der Öffentlichkeit aber kaum jemand. Das Bild der Mathematik und die Art, wie es gelernt werde, müsse sich ändern. Ob das Jahr der Mathematik 2008 in diesem Sinne erfolgreich war, wird man nach Zieglers Aussage jedoch erst in den kommenden Monaten und Jahren sehen.

Die Mathematikervereinigung DMV will den Schwung des Mathejahres nutzen. Manche Projekte laufen 2009 weiter wie die Mathema-Ausstellung im Technischen Museum Berlin. Vor allem aber bemüht sich die DMV um ein ganz anderes Auftreten in der Öffentlichkeit. Seit dem Vorjahr betreibt sie ein eigenes Medienbüro, zuvor fand Öffentlichkeitsarbeit praktisch nicht statt.

Vom Bild von einer verstaubten Vereinigung möchte sich die DMV verabschieden und hat sich gerade erst ein neues Logo verpasst (siehe Fotostrecke). Statt eckiger, dreidimensionaler Buchstaben repräsentiert nun ein fast schon esoterisch geschwungenes Möbiusband in Blau und Orange den DMV. "Auch von der Optik her soll Bewegung da sein", sagt Ziegler. "Das alte Logo ist wie ein Volvo", ergänzt Lück, "das neue wie ein Smart".

Irgendwie smart, so möchten die Mathematiker gern wahrgenommen werden.

Die Mathematik insgesamt soll cooler werden, mehr Menschen sollen das Fach studieren. "Es kommen zu wenige Absolventen von den Unis", klagt Lück, gleichzeitig steige langfristig der Bedarf in der Wirtschaft nach Mathematikern, nicht nur in Versicherungen oder Banken, sondern auch bei Chipherstellern. "Mathematik ist ein Schlüsselfach", sagt Ziegler und meint damit nicht nur den Unterricht in der Schule, sondern auch ihre Anwendungen in der Wirtschaft.

Eine Sache, über die sich die DMV-Vertreter besonders ärgern, sind Prominente, die damit kokettieren, Mathe nie so richtig verstanden zu haben, es aber trotzdem zu etwas gebracht zu haben. Zuletzt geschah dies ausgerechnet auf der Abschlussveranstaltung zum Jahr der Mathematik - und auch noch in der Rede einer Kultusministerin. Die Rednerin hatte das Publikum jedoch offensichtlich falsch eingeschätzt und erntete Buhrufe. Und auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan machte der Kollegin deutlich, wie wenig sie von der Bemerkung hielt.

Ein Zwischenfall, der den Mathematikern dann doch Mut gemacht hat.

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