Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Chat über Gehirn und Moral: "Strafen lässt sich kaum rechtfertigen"

Das Verhalten des Menschen ist vorherbestimmt, sagt der Hirnforscher Hans Markowitsch, und deshalb muss unser Strafrecht reformiert werden: Therapie statt Gefängnis. Im SPIEGEL-ONLINE-Chat stellte sich der Wissenschaftler den Fragen der Leser - die an seiner Weltsicht einiges auszusetzen hatten.

Es ging um Fundamentales im Chat zur SPIEGEL-Titelgeschichte "Die Biologie von Moral und Unmoral". Der Hirnforscher Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld war angetreten, um seine These zu verteidigen, dass das Strafrecht angesichts aktueller neurobiologischer Erkenntnisse dringend reformbedürftig sei. Viele der Chat-Teilnehmer waren entschieden anderer Meinung.

Inwieweit solche Ergebnisse unser Strafrecht in Frage stellen könnten, wollte Chat-Teilnehmer Maik wissen. Wenn es eines Tages einen gesellschaftlichen Konsens geben sollte, antwortete Markowitsch, "dass diese Person primär aus diesen oder jenen Motiven gehandelt hat, oder weil sein oder ihr Gehirn so oder anders verdrahtet beziehungsweise geschädigt war, wird dies auch Konsequenzen dafür haben, inwieweit die Person verurteilt wird".

Mehr über die neurobiologischen Ursachen von Verhalten zu wissen, sagt der Hirnforscher, müsse auch dazu führen, dass sich die Bewertungen von Verhalten ändern. Schon jetzt seien beispielsweise die Kriterien für die Schuldfähigkeit von Tätern im Wandel und zum Teil auch von den Ansichten der Fachgutachter abhängig: Strafen lasse sich kaum rechtfertigen - "höchstens als Umerziehungsmaßnahme".

Viele Fragen drehten sich um diesen Aspekt des Themas: Wie müsste sich der Strafvollzug denn verändern, wenn die Thesen des Hirnforschers umgesetzt würden? Markowitsch antwortete, man solle statt Strafe "lieber Alternativen wählen" – allerdings müsse darüber zunächst ein breiter gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden.

Eine Frage nach dem Grund der von ihm zugrundegelegten Determiniertheit beantwortete der Wissenschaftler mit dem Verweis auf evolutionsbiologische Vorzüge: Ein freier Wille sei gewissermaßen hinderlich, wenn es mal schnell gehen müsse. Es stelle einen Überlebensvorteil dar, wenn man "nicht 'zu lange' nachdenkt, sondern selbst dann 'aus dem Bauch heraus' entscheidet", selbst "wenn man meint, dies 'frei' zu tun".

Einer der Chat-Teilnehmer fragte, wie weit man die von Markowitsch angenommene Determiniertheit menschlichen Handelns werde ausloten können: "Kann man dann - verfeinerte Methodiken vorausgesetzt - sein Leben genau berechnen, also etwa: Mit 23 heiratest du, mit 25 das erste Kind, Scheidung mit 27, etc.?"

So weit wollte der Hirnforscher denn aber nicht gehen: In den absehbaren Jahrzehnten sei eine solche Entwicklung kaum zu realisieren, "auch weil man ja immer neu lernt - mit 50 Jahren ist man sicher nicht mehr die gleiche Person wie mit 20."

Hier geht es zum vollständigen Chat-Protokoll

cis

Mehr zum Thema finden Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL: "Das Böse im Guten - Die Biologie von Moral und Unmoral".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: