Chemie-Nobelpreisträger Frank Der Künstler, der Trump attackiert

Für seine Arbeiten zur Kryo-Elektronenmikroskopie hat Joachim Frank den Chemie-Nobelpreis bekommen. Doch der deutschstämmige Forscher schreibt auch Prosa und Gedichte - und legt sich mit dem US-Präsidenten an.


Der vorerst letzte Eintrag stammt vom ersten September. "Der Wettbewerber" heißt der kurze Text. Und es geht um einen ungenannten "grausamen" Konkurrenten im Bereich der "instant fiction", um einen "Herrn der Fliegen", um einen "Meister des kognitiven Chaos". Joachim Frank beklagt sich, früher hätten Autoren wie er "Geschichten erfinden können, augenzwinkernd, eine alternative Welt erschaffen, in der wir die wirkliche Welt, in der wir jeden Tag aufwachen, ausleuchten können".

Doch das sei nun vorbei. Adressat der Klage: ganz offensichtlich US-Präsident Donald Trump. Dieser wird hier zwar nicht namentlich genannt, dafür aber in einem früheren Post. "Wir sehnen uns nach einer Rückkehr zum Anstand, der per Dekret abgeschafft wurde", so Frank in dem neuen Text.

Das Besondere daran: Im Hauptberuf ist der Autor ein Biophysiker von Weltrang. Am Mittwoch hat der Deutsch-Amerikaner zusammen mit dem Schweizer Jacques Dubochet und dem Briten Richard Henderson den Nobelpreis für Chemie erhalten. Sie alle haben an einem Mikroskopieverfahren gearbeitet, mit dem sich die dreidimensionale Struktur von Molekülen auf revolutionäre Art darstellen lässt.

Doch Frank ist mehr als ein Wissenschaftler im sprichwörtlichen Elfenbeinturm. Mit "Franx Fiction" betreibt der 1940 im heutigen Siegen geborene und seit den Siebzigern in den USA lebende Forscher ein Blog, das Prosa, Gedichte und Fotos sammelt. "Die Welt ist ein unglaublicher, schöner und komplexer Ort, und die Wissenschaft ist so ein begrenzter Zugang dazu", so hat Frank im Interview mit dem "Standard" kürzlich seine Motivation beschrieben.

Die Wissenschaft habe strenge Regeln, um Gefühle außen vor zu halten. "Ich würde nicht erlauben, dass Gefühle die Wissenschaft unterwandern, daher habe ich mich entschieden, mein Leben auszubalancieren, indem ich auch völlig andere Dinge tue wie fotografieren und fiktionale Texte schreiben."

"Welt, die schwer zu verstehen ist"

Das Schreiben hat Frank nach eigener Auskunft in zahlreichen Kursen gelernt, etwa bei Pulitzer-Preisträger William Kennedy. Drei Buchmanuskripte sind bisher noch unveröffentlicht, womöglich ändert sich das ja nach der Nobelpreis-Ehrung.

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Kryo-Elektronenmikroskopie: Biomoleküle im Blick

Seine längeren Texte hätten "unausweichlich immer mit der Existenz eines Wissenschaftlers zu tun und mit einer Welt, die schwer zu verstehen ist", so Franz im "Standard". In den Kurzgeschichten dagegen gehe es um verschiedene Themen, manchmal verwende er gar Material von früheren Generationen seiner eigenen Familie.

So habe etwa die Kurzgeschichte "A Timely Death" mit Katharina Elisabeth Goethe zu tun, der Mutter des berühmten Dichters. Diese sei im Haus von Vorfahren seiner Mutter in Frankfurt am Main aus- und eingegangen. Und eines Tages habe sie "im Hinausgehen" gesagt, dass sie in zwei Tagen sterben werde. So sei es dann auch gekommen.

Aktuell arbeitet sich Frank aber weniger an solchen historischen Stoffen als am Tageschehen ab. In einem Post vom August klagt er: "Trump nimmt den Wind aus meiner Vorstellungskraft". Der US-Präsident habe sich an die Seite von Menschen gestellt, die andere Rassen ausrotten wollten.

Zumindest für einen Moment wird Joachim Frank für seine Kritik nun durchaus Zuhörer finden.

chs



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