Chimären Behörde stoppt Patent auf Halbmenschen

Es klingt wie ein Albtraum: Ein künstliches Lebewesen, halb Mensch, halb Affe. Eine US-Behörde hat jetzt entschieden, keine Patente auf solche Mischkreaturen zu erteilen - und damit dem Erfinder eine große Freude gemacht.


Mischwesen "Geep": Halb Ziege, halb Schaf
AP

Mischwesen "Geep": Halb Ziege, halb Schaf

Das erste patentierte Lebewesen war ein Ölschlamm fressendes Bakterium. Vor 25 Jahren gewann der Mikrobiologe Ananda Chakrabarty einen Prozess, in dem der oberste US-Gerichtshof entschied, Chakrabarty könne sich den gentechnisch veränderten Organismus patentieren lassen, weil er das Wesen durch die mikrobiologische Manipulation "hergestellt" habe.

Der Biologen Stuart Newman sieht in diesem Urteil den Beginn einer unheimlichen Entwicklung hin zu künstlichen Mischwesen. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier, fürchtet Newman, könnten dem Machbarkeitswahn von Wissenschaft und Industrie zum Opfer fallen.

Newman tat sich mit Jeremy Rifkin zusammen, einem politischen Aktivisten, der sich seit Jahrzehnten als Mahner wider die Gefahren der Biotechnologie betätigt. Rifkin und Newman wählten einen scheinbar paradoxen Weg, um ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen: Sie bewarben sich um ein Patent für eine Chimäre, ein Mischwesen aus Mensch und Tier. Der Begriff "Chimäre" bezeichnet in der griechischen Mythologie Wesen, die einen Löwenkopf, einen Ziegenkörper und den Schwanz einer Schlange haben.

Der Zellbiologe Newman skizzierte zunächst eine Methode, mit der er menschliche embryonale Zellen mit Embryonalzellen von Affen oder anderen Tieren kombinieren wollte. Dann stellte er einen Patentantrag. "Wir waren der Meinung, dass die Bewerbung um ein Chimären-Patent dieses Thema der Öffentlichkeit und dem Rechtssystem besonders dramatisch deutlich machen würde", schrieb Newman 2002 im Fachjournal "Medical Ethics".

Schafziegen und leuchtende Kaninchen

Chimären aus verschiedenen Tierarten sind in der neuen Welt der Genmanipulation längst Alltag. Schon 1985 präsentierten stellten US-Forscher ein Mischwesen aus Schaf und Ziege vor, dass sie "Geep" (zusammengesetzt aus "goat" und "sheep") nannten. Im Jahr 2000 erzeugten französische Wissenschaftler für den Künstler Eduardo Kac aus aus Quallen- und Kaninchenzellen ein Albinokarnickel, das im Dunkeln leuchtet.

Und auch Chimären mit menschlichen Zutaten gibt es bereits: Der Wissenschaftler Esmail Zanjani etwa arbeitet an der University of Nevada in Reno an Schafen, denen schon als Fötus menschliche Stammzellen injiziert werden. Zanjani will seine Schafe, die eines Tages vielleicht als Organspender dienen könnten, allerdings nicht patentieren lassen.

Quallengene im Fell: floureszierendes Kaninchen
Chrystelle Fontaine

Quallengene im Fell: floureszierendes Kaninchen

Stuart Newman sind solche Vorstellungen ein Graus, deshalb hoffte er, dass sein Patentantrag abgelehnt werden würde, und diese Hoffnung hat sich jetzt erfüllt. Der Wissenschaftler hatte nie wirklich vor tatsächlich Menschen und Affen zu kreuzen - obwohl eine solche Kreatur durchaus nützlich sein könnte, etwa um Ersatzorgane zu züchten oder für Medikamentenversuche.

Für Newman aber ist die Ablehnung ein Sieg - denn nun können auch andere Forscher keine ähnlichen Patente anmelden. "Die ganze Privatisierung der biologischen Welt muss überdacht werden", sagte Newman der "Washington Post", "so dass wir uns nicht plötzlich fragen müssen, 'Wie sind wir hier gelandet? Alles gehört irgendjemandem.'"

Auch dem US-Patentamt war der Antrag von Newman und Rifkin offenbar unangenehm. Vor allem die Frage, ab welchem Anteil menschlicher Zellen ein Organismus als "menschlich" und damit nicht patentierbar zu betrachten sei, machte den Beamten Kopfzerbrechen. "Keiner kann aufgrund von groben Prozentzahlen unter Menschen und Nichtmenschen differenzieren", sagte Patentbeamter John Doll der "Washington Post". Und: "Es wäre hilfreich, etwas Anleitung vom Kongress oder den Gerichten zu bekommen."

Moral im Patentamt?

Alle Beteiligten sind sich einig, dass die Frage am Ende nicht allein durch Patentregelungen zu klären ist - grundsätzliche Entscheidungen über Machbarkeit und Tabu sind zu treffen. Die "Washington Post" zitiert Leon Kass, den Vorsitzenden der Bioethik-Kommission, die Präsident George W. Bush einberufen hat: "Das Patentamt ist nicht der Ort, an dem die Gesellschaft ihre moralischen Entscheidungen zu treffen hat."

In Deutschland dürfen Patente auf menschlich-tierische Mischwesen übrigens nicht erteilt werden, auch nicht nach dem neuen Patentgesetz, das am 28. Februar in Kraft tritt. Solche Kreaturen wären laut Bundesjustizministerium nämlich "Erfindungen, deren Veröffentlichung oder Verwertung gegen die öffentliche Ordnung oder die guten Sitten verstoßen würde".



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