Chinesische Umwelt-Doku "Ich will so nicht leben"

Eine berühmte Journalistin, kürzlich Mutter geworden, stellt eine Reportage über Chinas Luftverschmutzung ins Internet, binnen Stunden laden sich Millionen den Film herunter und diskutieren. Die Debatte über Chinas Airpocalypse erreicht die Massen.

REUTERS

Aus Peking berichtet


In China sorgt ein Umweltfilm überraschend für Furore. Es handelt sich um eine fast zweistündige, über Strecken etwas sperrige Dokumentation über Ölkonsum und Kohleproduktion, Luftwerte und Emissionsziele.

"Qiong Ding Zhi Xia" heißt der Film, "Unter der Glocke". Mehr als hundert Millionen Menschen klickten das Video bis Montagmorgen auf chinesischen Internetplattformen wie Youku, Tencent und Sohu an, Zehntausende kommentierten es. Da stand es seit erst 36 Stunden im Netz.

Chai Jing, 39, hat den Film gemacht. Die populäre Fernsehreporterin und Moderatorin des Staatssenders CCTV war vor anderthalb Jahren Mutter geworden und dann weitgehend vom Bildschirm verschwunden. Nun ist sie zurück, mit einem Stück Journalismus, das die Chinesen so noch nicht gesehen haben.

Ihr Film beginnt wie die Präsentation eines neuen Apple-Produktes. Chai tritt in ausgewaschenen Jeans und weißer Bluse auf eine dunkle Bühne, außer ihr selbst ist nur eine dramatische Fieberkurve zu sehen - die Pekinger Luftwerte aus dem Januar 2013, als der Feinstaubwert in Chinas Hauptstadt auf die absurde Zahl von über 800 Mikrogramm pro Kubikmeter gestiegen war - dem 32-fachen des von der Gesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwerts.

Sie sei als Journalistin immer wieder für Umweltreportagen unterwegs gewesen, sagt Chai Jing, habe sich aber nie ernsthaft Sorgen gemacht oder gar eine Atemmaske getragen. Ausgerechnet in jenem Januar habe sie dann aber erfahren, dass sie schwanger sei. Seit damals nehme sie das mit der Luft persönlich. Das Publikum, effektvoll dazwischengeschnitten, als das Ultraschallbild ihrer ungeborenen Tochter hinter Chai Jing erscheint, hört ihr gespannt zu.

Tochter mit Tumor

Chai Jing hat zwei dramatische Jahre hinter sich. Ihre Tochter kam mit einem Tumor zur Welt, der operativ entfernt wurde, sich aber als gutartig erwies. Wie eine wachsende Zahl wohlhabender Chinesinnen hatte Chai das Kind in den USA zur Welt gebracht, was nach ihrer Rückkehr nach China für sarkastische Kritik sorgte.

Sie sagt in ihrer Dokumentation nicht ausdrücklich, dass der Tumor ihrer Tochter mit der Luftverschmutzung zusammenhänge; indem sie wiederholt Bilder von Babys mit Atemmasken zeigt, nimmt sie die Assoziation aber sichtlich in Kauf. Die offiziellen Reaktionen auf das Video sind gleichwohl überwiegend positiv, jene im Netz zum Teil begeistert.

"Das ist der Anfang einer wirklich offenen Debatte", schreibt einer, "Chai hat mir zum ersten Mal klargemacht, was ein Einzelner alles ausrichten kann", ein anderer. Besonders bemerkenswert: Auch die staatliche "Volkszeitung" stellte den Film auf ihre Website, und am Sonntag pries sogar der soeben ernannte neue Umweltminister Chen Jining ihr Video: Chais Dokumentation rufe von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus zu erhöhtem Umweltbewusstsein auf. "Das verdient Bewunderung."

Umweltaktivisten arbeiten seit Jahren daran, die Chinesen auf die Gefahren der Luftverschmutzung hinzuweisen. Den Anfang hatten ironischerweise die Amerikaner gemacht: 2008 stellten sie auf dem Gelände ihrer Botschaft einen Luftqualitätsmonitor auf, dessen stündliche Messwerte sie ins Internet stellten. Anfangs protestierte Peking gegen die Maßnahme, dann aber folgten die Behörden dem Beispiel. Mittlerweile sind die Emissionswerte fast aller großen Kraftwerke und Industriebetriebe in China im Internet abrufbar.

"Will nicht so leben"

"Erst mit dieser Echtzeitmessung wuchs der politische Druck, etwas gegen die Verschmutzung zu tun", sagt Ma Jun, Chinas prominentester Ökologe. Während die Zensur in China scharf gegen Blogger und politische Aktivisten vorgeht, wird über Umweltthemen inzwischen aber relativ offen berichtet. Direkte Schuldzuweisungen an einzelne Politiker werden allerdings vermieden.

Dieses Minenfeld betritt auch die über Jahre beim Staatsfernsehen angestellte Journalistin Chai Jing nicht. Ihr Film wirkt eher durch sein präzises Timing - diese Woche tritt der Volkskongress, Chinas Scheinparlament, zu seiner jährlichen Tagung zusammen - und durch seinen persönlichen Ton.

"Ich verbringe meine Tage immer in der Hoffnung, dass der Nordwestwind kommt", sagt sie an einer Stelle. "Ich habe alle Ritzen an den Fenstern und Türen meiner Wohnung verklebt. Als ich meine Tochter neulich zur Impfung brachte, hatte ich Angst, selbst als sie mich angelächelt hat. Ehrlich gesagt, ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Ich will nur einfach so nicht leben."

Die Echtzeitmessung der Feinstaubwerte und die mühsame, über Jahre sehr riskante Arbeit seiner Umweltaktivisten hat viel dazu beigetragen, dass China heute offen über den ökologischen Preis seines Aufschwungs diskutiert. Aber mitunter braucht es einen Paukenschlag. Die Präsentation von Chai Jings Umweltfilm könnte als der Augenblick in Chinas Geschichte eingehen, in dem endgültig der Groschen fiel.

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
ClausWunderlich 02.03.2015
1.
Ja und! Hauptsache ich bekomme meine sachen noch billig von dort.
Xenocow 02.03.2015
2. Danke für den Artikel
aber... wo gibt es die Reportage auf die Ihr euch bezieht? Würde mir das ganze gerne auch anschauen.
Claus_Hangzhou 02.03.2015
3. Nicht mehr rückgängig zu machen
Ich habe selbst 8 Jahre in China gelebt und auf dem Gebiet des Umweltschutzes in einer chinesischen Firma gearbeitet. Keiner kann heute behaupten das was passiert hat nicht gewußt zu haben. Das Zhejiang Fernsehen hatte schon 2004 eine 6-teilige Serie gebracht in dem alles genau aufgezeigt worden ist. Eine Umkehr hätte vielleicht zu dieser Zeit noch möglich sein können. Heute ist das nicht mehr möglich. Sollte allen die Standards zurückdrehen oder missachten, das gilt gerade auch für die EU und Deutschland eine Warnung sein.
singpat 02.03.2015
4. … und in Deutschland
… kann man den Film auf Youtube nicht sehen, weil die GEMA es gesperrt hat. Wozu braucht man da noch eine Zensur...
Demokratie+Freiheit 02.03.2015
5. Pathologen in Deutschland: Großstadtlungen wie Raucher
Raucherlungen sind bekanntlich makroskopisch total schwarz, ebenso aber auch die Nichtraucherlunge aus der deutschen Großstadt - nur die ländliche Nichtraucherlunge ist noch normal rosa ohne den Teer der Großstädter. Also ist so ein Artiekl über China zwar OK, aber man sollte nicht glauben, daß wir wirklich gesünder leben, das ist dumme Arroganz. Der nichtrauchende Banker in Frankfurt bekommt vielleicht nicht ganz denselben Lungenkrebs wie die Raucher, aber er bekommt dennoch Lungenkrebs, weil die Schadstoffbelastung in deutschen Städten durch Diesel-LKW, PKW und sonstige Umweltverschmutzung einfach enorm Lungenkrebsauslösend ist.
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