Chinesische Rechenkünste: Zwanzigeins schlägt einundzwanzig

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So sehr sich amerikanische und europäische Kinder in Mathe-Tests anstrengen - ihre Altersgenossen aus China sind besser. Dank eines einfacheren Zahlensystems können sie schon früh besser zählen und rechnen. Sprachforscher glauben, dass die Methodik auch deutschen Kindern helfen würde.

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Zahlensystem: Von den Chinesen Lernen

Dass Chinesen Zahlen buchstäblich zum Fressen gern haben, ahnt man beim Besuch in einem der lampiongeschmückten chinesischen Restaurants. Verspeist werden nicht Huhn, Tofu oder Fisch, sondern eine extra scharfe 83 oder eine 47 ohne Ingwer.

Die Nummerierung mag der Vielzahl der Gerichte geschuldet sein, sie verrät jedoch auch einiges über einen anderen Umgang mit Zahlen. Diese haben in China nämlich eine viel größere Bedeutung als im Westen. Die 6 (liu) wie auch die 9 (jiu) gelten beispielsweise als Glückszahlen. Absoluter Liebling der ist jedoch die 8 (ba), die so ähnlich ausgesprochen wird wie die Bezeichnung für baldigen Reichtum.

Das gute Verhältnis zu Zahlen ist messbar. In internationalen Mathematik-Vergleichen wie Pisa landen chinesische Schüler regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Die USA und auch Deutschland können da nicht mithalten, egal ob es um 15-Jährige geht wie bei Pisa ( letztes Ranking von 2006) oder um Viert- und Achtklässler wie bei der speziell auf Mathematik und Naturwissenschaft ausgerichteten Studie Timms ( 2007).

Der deutlich messbare Vorsprung chinesischer, aber auch koreanischer und japanischer Schüler kann natürlich nicht allein mit der ausgefeilten Zahlensymbolik oder mit kulturellen Unterschieden erklärt werden. Wissenschaftler wissen schon länger, dass die einfachen, streng logisch aufgebauten chinesischen Zahlen den Einstieg in die Welt der Einer, Zehner und Hunderter erleichtern. Auch koreanische und japanische Kinder haben Vorteile, denn ihre Zahlensysteme sind dem chinesischen entlehnt.

Kürzer ist besser

Mandarin-Zahlen haben gleich mehrere Vorteile: Erstens ist da die Kürze der Zahlwörter. Die chinesische 7 (qi) hat eine Silbe, beim englischen Seven und der deutschen Sieben sind es zwei. Wenn sich Amerikaner eine Folge von sieben Zahlen - zum Beispiel 4, 8, 5, 3, 9, 7, 6 - kurz anschauen und danach auf einen Zettel schreiben sollen, unterläuft ihnen in 50 Prozent der Fälle ein Fehler. Chinesen passiert dies hingegen kaum.

"Wenn wir versuchen, uns eine Reihe von Ziffern zu merken, speichern wir diese im verbalen Kurzzeitgedächtnis", schreibt der französische Forscher Stanislas Dahaene in seinem Buch "Der Zahlensinn". Dieses Kurzzeitgedächtnis habe eine Kapazität von wenigen Sekunden. Je kürzer die Zahlwörter seien, umso mehr von ihnen könne man behalten. So merken sich Chinesen im Schnitt neun Ziffern, Amerikaner hingegen maximal sieben.

Immerhin gibt es Möglichkeiten, den Nachteil der längeren Zahlwörter auszugleichen. Bei Telefonnummern hilft es beispielsweise, diese in Zweier- oder Dreiergruppen einzuteilen. Auch Eselsbrücken helfen dem Gedächtnis. So haben Deutsche kaum Schwierigkeiten, sich markante Jahreszahlen wie 1945 oder Auto-Modelle wie 911 zu merken. Im Vorteil sind laut Dahaene auch Schnellsprecher, denn sie bringen in zwei Sekunden mehr Zahlwörter unter, die sie dann tatsächlich im Kurzzeitgedächtnis behalten können.

Den wohl entscheidenden Vorteil für chinesische Schüler bilden jedoch die Zahlwörter. Der amerikanische Forscher Kevin Miller hat dies schon 1995 gemeinsam mit chinesischen Kollegen in einer Studie gezeigt. Wenn Dreijährige aus China und den USA in ihrer jeweiligen Sprache zählen sollen, dann kommen sie gleich weit, in der Regel bis zur Acht oder zur Neun. Im Alter von vier Jahren ist die Situation völlig anders: Kinder aus den USA kommen mit Mühe und Not bis 15, gleichaltrige Chinesen hingegen bis 40 oder 50.

Diesen Unterschied erklärt Miller mit den streng logischen Regeln für Zahlwörter im Chinesischen. Amerikaner sagen eleven und twelve, nutzen also für elf und zwölf wie wir Deutschen auch jeweils eigene Wörter, die die Kinder wie Vokabeln lernen müssen. Chinesen setzen die Elf und die Zwölf hingegen aus den Zahlwörtern für zehn und eins beziehungsweise zwei zusammen. Elf heißt shiyi (zehn-eins), zwölf shier (zehn-zwei).

"Die chinesische Sprechweise ist logisch konsistent"

Bei den Zahlen 13 bis 19 wird es im Englischen wie Deutschen unlogisch: Man sagt thirteen, fourteen und so weiter beziehungsweise dreizehn, vierzehn. Zuerst wird der Einer genannt und dann der Zehner - beim Aufschreiben der Zahlen ist es genau umgedreht. Immerhin: Ab 21 wechseln die englischen Zahlwörter zum logischen Aufbau (twenty one statt one twenty), im Deutschen bleibt der Einer vorn. Über diesen unlogischen Aufbau stolpern die Gehirne der Kinder immer wieder.

In den Kindergärten von Peking, Shanghai oder Hongkong bestehen diese Schwierigkeiten nicht. 13 heißt shisan (zehn-drei), 20 ershi (zwei-zehn), 21 ershiyi (zwei-zehn-eins). "Die chinesische Zahlensprechweise ist logisch konsistent", sagt Mathematikprofessor Lothar Gerritzen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Für kleine Kinder liegt darin ein erheblicher Vorteil."

Der Wissenschaftler von der Universität Bochum trommelt schon seit Jahren für eine radikale Reform der deutschen Zahlen. Zwanzigeins statt einundzwanzig lautet sein Credo. Zwanzigeins heißt auch der Verein, mit dem sich Gerritzen für eine unverdrehte Zahlensprechweise im Deutschen einsetzt - bislang vergeblich. Dass ein solcher Wechsel möglich ist, zeigt das Beispiel Wales. Dort wurde schon vor über 150 Jahren ein kompliziertes durch ein einfacheres System ersetzt.

Übrigens können chinesische Kinder nicht nur weiter zählen als amerikanische, auch das Rechnen fällt ihnen wegen der einfachen Syntax leichter. Denn kurze Zahlwörter beschäftigen unser Gehirn weniger und lassen sich leichter merken, etwa wenn man das kleine Einmaleins lernt. Letztlich haben Millers Arbeit und spätere Studien gezeigt, wie eng Sprache und Mathematik verwoben sind - und dass viele Probleme in der Arithmetik letztlich auch Sprachprobleme sind.

Klötzchen am Bein

Müssen Amerikaner und Europäer nun ihre althergebrachten Zahlen ersetzen, um überhaupt noch mit dem aufstrebenden Reich der Mitte mithalten zu können? Zumindest für Lothar Gerritzen ist das unumgänglich: "Diese diversen Klötzchen an den Beinen können wir uns auch wirtschaftlich nicht mehr leisten", sagt er.

Pädagogen wissen freilich, dass nicht allein die Zahlen den Unterschied machen. "Man hat in China ein anderes Verhältnis zum Üben", sagt Günter Krauthausen von der Universität Hamburg. Während hierzulande eher auf Verstehen Wert gelegt werde, sei im Reich der Mitte stupides Rechnen eine durchaus akzeptierte Methode. Harte Arbeit gelte als Voraussetzung für den Erfolg, sagt der Hamburger Mathedidaktiker. "Ein Kollege von der Universität Hongkong hat das mal so formuliert: 'Wurzeln sind bitter, Früchte sind süß.'"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 195 Beiträge
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1. Andere mögliche Erklärung
Sponator 23.02.2010
Lesenswert: http://en.wikipedia.org/wiki/Race_and_intelligence http://en.wikipedia.org/wiki/IQ_and_the_Wealth_of_Nations
2. Ist schon 1. April?
dirkgruenwald 23.02.2010
Was für ein unsinniger Artikel. Selten habe ich solch einen Unsin gelesen. Die Chinesen sind in den überflüssigen Test besser, weil ausgewählte Schulen aus ihren entwickelten Ost-Regionen teilnehmen und damit keinen Querschnitt der chinesischen Gesellschaft darstellen. Würde man ihre West-und Zentralregionen mit in die Tests einbeziehen, gäbe es ein vollkommen anders Bild.
3. Vergleichsweise einfach
einuntoter 23.02.2010
haben es die Deutschen im Vergleich zu den Franzosen: 89 = vier-zwanzig-zehn-neun Da hatte ich zu Schulzeiten ziemlich mit zu kämpfen...
4. .
Haio Forler 23.02.2010
Zitat von sysopSo sehr sich amerikanische und europäische Kinder in Mathe-Tests anstrengen - ihre Altersgenossen aus China sind besser. Dank eines einfacheren Zahlensystems können sie schon früh besser zählen und rechnen. Sprachforscher glauben, dass die Methodik auch deutschen Kindern helfen würde. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,676719,00.html
Jaja, die Franzosen ...
5. Diese Diskussion ist uralt!
A.D.H. 23.02.2010
Früher wurden die Polen als Beispiel genannt, heute sind's die Chinesen. Tatsächlich gibt es keinen Beweis dafür, dass eine andere Zählweise eine Verbesserung bringen würde. Die zahlreichen deutschen Nobelpreisträger wie Einstein und Heisenberg belegen die Leistungsfähigkeit der deutschen Zählweise. Die Chinesen haben dagegen nur einen einzigen Nobelpreisträger für Literatur vorzuweisen. Vermutlich müssen die chin. Kinder einfach bis zum umkippen üben, so wie in den chin. Musik-, Sport- und Kungfuschulen - viel Freizeit haben die nicht, eigentlich gar keine. In Deutschland sieht das anders aus.
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