Cholesterin-Pumpe Risiko-Gen für Gallenstein entdeckt

Wer zu dick oder gar fettleibig ist, bekommt eher Gallensteine als andere Menschen. Doch auch im Erbgut steckt ein Risikofaktor: Deutsche Forscher haben eine Gen-Mutation gefunden, die offenbar die Bildung von Gallensteinen verursachen kann.


Kleine Klümpchen aus Kristallen und Ablagerungen verursachen stechende Schmerzen - bei 170.000 Patienten. So viele Gallenblasen-Operationen werden jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern vorgenommen. Übergewicht und Fettleibigkeit sind die Hauptrisikofaktoren, doch Forscher suchen nach weiteren Merkmalen: Wen werden einmal die Stiche im Unterleib piesacken und wen nicht? Konkrete Hinweise auf die betroffenen Erbanlagen gab es aber bislang kaum.

Kleiner Keim, großer Klumpen: Gallensteine im medizin-historischen Museum der Berliner Charité
DDP / Medizinhistorisches Museum Charite Berlin

Kleiner Keim, großer Klumpen: Gallensteine im medizin-historischen Museum der Berliner Charité

Nun hat ein Wissenschaftlerteam aus Greifswald, Köln, Berlin, Bonn und Santiago de Chile eine genetische Disposition für Gallensteine entdeckt. Eine bestimmte Mutation des Gens ABCG8 verdoppelt die Wahrscheinlichkeit für Ablagerung in der Gallenblase, berichten die Forscher um Jochen Hampe von der Universität Kiel in einer Online-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift "Nature Genetics".

Für ihre Studie verglichen Hampe und seine Kollegen zunächst die Erbanlagen von 280 deutschen Gallenstein-Patienten mit denen von 360 gesunden Kontrollpersonen. Dabei ergaben sich an 235 Stellen des Erbgutes besonders deutliche Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen, schreiben die Wissenschaftler. Diese Positionen analysierten die Forscher im zweiten Schritt im Erbgut von insgesamt 1105 Patienten und 873 Kontrollpersonen genauer. Ein Variante des Gens ABCG8 kam dabei als Risikofaktor zum Vorschein.

Offenbar wird vielen den Trägern dieser Mutation eine Überleistung zum Verhängnis, für die das veränderte Gen verantwortlich ist. Denn es ist für den Transport des Blutfetts Cholesterin aus der Leber in die Gallenwege verantwortlich. Dies hatten Forscher um Frank Lammert von der Universität Bonn unlängst in der Fachzeitschrift "Hepatology" (Nr. 46) berichtet.

Die Gallenblase konzentriert Lebersekrete zum Gallensaft, der bei der Verdauung hilft. Wenn die Gallenflüssigkeit zu viel Cholesterin oder Bilirubin (ein Abbauprodukt roter Blutkörperchen) enthält, kristallisieren diese Substanzen in mehr oder weniger großen Körnern aus und verstopfen das Organ - ein schmerzhafter Gallenstein plagt den Patienten.

Wie eine Pumpe auf Hochtouren

Hampe und seine Kollegen vermuten nun, dass durch die Veränderung des Gens ABCG8 mehr Cholesterin in die Gallenflüssigkeit gelangt. Die Mutation sorge gleichsam für einen Pumpe, die permanent "auf Hochtouren" laufe.

Bereits in ihrer "Hepatology"-Studie hatten Hampe und seine Kollegen ABCG8 als Risikofaktor identifizieren können, wenngleich bei weniger Untersuchungspersonen: Demnach waren in 21,4 Prozent der Fälle Gallenstein-Patienten Träger der Genmutation, hingegen nur deutlich weniger als die Hälfte der gesunden Kontrollpersonen. Lammert betonte aber, er rechne noch mit mindestens drei oder vier weiteren Genvarianten, die allesamt das Gallenstein-Risiko erhöhten.

Nach Angaben der Universität Bonn haben 15 bis 20 Prozent aller Deutschen Gallensteine - meist ohne es zu merken. Bei einem Viertel von ihnen melden sich die Steine aber irgendwann mit schmerzhaften Koliken zu Wort. Für solche Patienten könnte die neue Erkenntnis der Mediziner einst von ganz praktischem Nutzen sein: Einerseits um neben den Risikofaktoren Übergewicht und Fettleibigkeit einen weiteren Risikofaktor auszumachen, andererseits um diesem höheren Risiko dann vorzubeugen. Wenn Träger der Mutation vorbeugende Medikamente gegen die schmerzhaften Klümpchen nehmen würden, ließen sich möglicherweise eines Tages viele der 170.000 Operationen jährlich vermeiden.

stx/dpa



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