Christa Steinberg: "Sie sind etwas empfindlich"

Von Veronika Hackenbroch

"Wenn mich jemand fragt, wo ich Schmerzen habe", sagt Christa Steinberg, 59, "dann sage ich: 'Frag mich lieber, wo ich keine Schmerzen habe!'" Steinberg leidet an Fibromyalgie. Ihr ganzer Körper schmerzt – doch eine krankhafte Veränderung lässt sich nicht finden.

Die Schmerzen wandern durch Christa Steinbergs Körper, sitzen im Kopf, im Nacken, im Rücken, in Armen und Beinen. Manchmal fühlen sie sich an wie ein Krampf, manchmal, "als ob mir jemand mit einer Zange was durchkneift", und wenn Christa Steinberg im Bett liegt, verzweifelt sie, weil ihr die Füße an Spann und Ferse so weh tun. Manchmal sitzen die Schmerzen tief im Körper, und manchmal direkt auf der Haut, etwa so: "Mein Partner streichelt mich – und irgendwann denke ich: 'Das ist rohes Fleisch.'"

Es begann, als sie 18 war. Erst an Kopf und Hals, dann kamen die Arme hinzu, und dann rutschten die Schmerzen nach und nach immer weiter runter. "Anfangs", sagt sie, "wollte ich die Schmerzen nicht wahrhaben. Ich hab' mir immer gesagt: 'Da musst du durch.'" Und von den Ärzten hieß es meist: "Da müssen Sie mit leben." oder "Sie sind etwas empfindlich." "Richtig verstanden", sagt Steinberg, "wurde ich 30 Jahre lang nicht".

Mit 48 schließlich konnte sie nicht mehr. "Da habe ich die Grätsche gemacht." Da endlich traf sie auf einen Arzt, von dem sie sich verstanden fühlte. "Sie haben Fibromyalgie", sagte der.

"Da habe ich erst einmal geweint", sagt Steinberg. Ihre Schmerzen, ist sie sich sicher, haben irgend etwas zu tun mit ihrem Leben, in dem sie niemals schwach sein durfte. "Denn ich war von meinem 13. Lebensjahr an immer für andere verantwortlich."

Tatsächlich spielen bei der Fibromyalgie psychosoziale Faktoren wahrscheinlich eine wichtige Rolle. Doch schlicht verrückt, wie viele Ärzte immer noch denken, sind Fibromyalgie-Patientinnen sicherlich nicht. Möglicherweise, vermuten Forscher heute, führen bei der Fibromyalgie psychosoziale Faktoren gemeinsam mit genetischen und hormonellen Einflüssen dazu, dass die Funktion von hemmenden Schmerzbahnen gestört ist. Schmerzen können dann fast aus dem Nichts heraus entstehen.

Als Christa Steinberg 13 war, kam ihre kleine Schwester zur Welt. Und weil ihre Mutter kränklich war, fühlte sie sich, obwohl selbst noch ein Kind, für das Baby mit verantwortlich. Als die Mutter starb, war Christa Steinberg 23 – und ihre Schwester zehn. "Da hatte ich sie mit am Bändel." Steinberg sorgte für sie, bis sie auf eigenen Beinen stehen konnte.

Damals war Steinbergs eigene Tochter gerade vier Monate alt und als Frühgeburt spastisch gelähmt. Steinberg turnte mit ihr, bis von der Behinderung nichts mehr zu merken war. Dann bekam sie noch zwei weitere Kinder. Und dann wurde ihr Mann alkoholkrank. "Aber das haben wir gemeinsam gemeistert." 30 Jahre lang trug sie zudem morgens um 4.30 Uhr Zeitungen aus.

Doch als sie 47 war, fing ihr Mann an fremdzugehen. "Er musste sich einer großen Herzoperation unterziehen und wollte 'leben'", sagt sie. Da konnte sie dann irgendwann nicht mehr.

Doch mit Hilfe des verständnisvollen Arztes rappelte sie sich wieder hoch. Sieben Jahre lang arbeitete sie sogar in seiner Praxis mit – bis sie im Streit auseinandergingen. Doch auch das überstand sie.

Heute lebt sie mit einem neuen Partner zusammen. Gegen die Schmerzen bekommt sie Pregabalin, eigentlich ein Antiepileptikum, das im Rückenmark aber auch die Aktivität der Schmerzfasern dämpft und ein Antidepressivum, das auch die Schmerzen beeinflusst. Dadurch sind ihre Schmerzen so weit erträglich, dass sie damit leben kann. Sie fährt gerne Fahrrad. Und sie ist stolz. Auf ihre Kinder zum Beispiel: "Alle drei sind anständige Menschen geworden." Und vor allem auf ihre älteste Tochter, der man heute ihre Behinderung nicht mehr anmerkt, die inzwischen selbst zwei Kinder hat und die ihre Examensarbeit über Frühchen und ihre speziellen Probleme schrieb.


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