Ausgegraben

Ausgegraben Grab eines Zirkusstars

Ponys im Zirkus: Grasen vorm Theater Zur Großansicht
Getty Images

Ponys im Zirkus: Grasen vorm Theater

 |

Überraschender Fund am Isaac Theatre Royal im neuseeländischen Christchurch: Unter dem Theater fanden Archäologen die Knochen eines Ponys. Stammt es aus dem historischen Zirkus der Stadt?

In den 1860er Jahren war Christchurch eine junge Stadt. Erst 1856 hatte sie als erste Stadt Neuseelands die Stadtrechte erhalten. Noch war Christchurch nicht an die Eisenbahn angeschlossen, alle Waren mussten mit dem Boot oder auf handgeführten Packpferden über einen schmalen Pfad herangeschafft werden. Doch eines hatte die Stadt bereits: einen Zirkus. Auf einer Wiese an der Gloucester Street, gegenüber des Theaters, durften die Ponys des Unternehmens grasen, wenn sie nicht gerade Tricks aufführten und die Kinder der Stadt unterhielten.

Mit der Zeit wurde Christchurch größer, der Pferde-Pfad wurde durch einen Tunnel ersetzt und auch das Unterhaltungsangebot der Stadt wurde anspruchsvoller. Gegen Jahresende 1906 begann auf der ehemaligen Ponywiese an der Gloucester Street der Bau des Theatre Royal, das nach seiner Fertigstellung eines der besten Theater der südlichen Erdhalbkugel werden sollte. Bei der Premiere des ersten Stückes im Februar 1908 - die Williamson Musical Comedy Company gab "The Blue Moon" - tobte der Saal vor Begeisterung. Niemand der Theaterbesucher ahnte, was unter ihren Füßen lag: das Grab eines Ponys.

Derzeit ist das Theater geschlossen - noch bis 2014. Denn bei dem gewaltigen Erdbeben am 22. Februar 2011 wurde das historische Gebäude schwer beschädigt. Bei den Renovierungsarbeiten stieß einer der Arbeiter hinter der Fassade bei einem Treppenaufgang aus Marmor auf einen unerwarteten Fund: Knochen.

Baustellenleiter Steve Rogers griff zum Telefon und rief die Archäologen zu Hilfe. Katherine Watson, Direktorin der Forschungsorganisation Underground Overground Archaeology, konnte schnell Entwarnung geben. Unter dem Theater lag kein Mordopfer, sondern ein kleines Pferdchen in einer sorgsam ausgeschichteten Grube. Das Tier wurde nach seinem Tod nicht einfach nur entsorgt, sondern liebevoll in ein Grab gebettet.

Das sei für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, sagte Watson einem Reporter der australischen Medienagentur Faifax Media. Der normale Weg eines toten Ponys wäre damals der zum Abdecker gewesen, wo die Knochen zu Kleber verkocht und das Fleisch als Hundefutter verwertet worden wären. Jemand muss dieses kleine Pferd sehr geliebt haben. So sehr, dass er die Mühe auf sich nahm, eine ausreichend große und 1,5 Meter tiefe Grube auszuheben.

War es zu Lebzeiten vielleicht der Star des Zirkus gewesen? Oder ein besonders liebes Tier, das den Zirkus viele Jahre lang begleitet hatte? Anhaltspunkte gibt es keine in dem Grab. "Das einzige Artefakt, das mit dem Skelett gefunden wurde, war ein Hufeisen", berichtet Watson. "Und das lässt sich leider nicht genauer datieren."

Die anderen drei Eisen hatte man vor seinem Tod entfernt. Vielleicht, um sie an einem anderen Tier weiter zu verwenden - vielleicht auch zum Andenken und als Glücksbringer. Das vierte Eisen, vermutet Watson gegenüber dem neuseeländischen Onlinemagazin Horsetalk, könnte zu schwer zu entfernen gewesen sein - deshalb ließ man es einfach am Huf.

Es gibt jedoch auch noch eine weniger romantische Möglichkeit: Außer als Zirkusplatz diente die Wiese eine Zeitlang auch noch als Kutschendepot. Es könnte sich bei dem Tier also auch um ein verstorbenes Kutschpferd gehandelt haben. Wer irgendwann in den 1860er oder 1870er Jahren am Grabesrand stand und Erde auf das tote Tier schaufelte - ein Kutscher oder ein Zirkusdirektor - wird sich vielleicht nicht klären lassen. "Das wird wohl noch eine Weile lang ein Rätsel bleiben!", schreibt Watson. Die Archäologen hoffen, mehr über das Leben und den Tod des Ponys zu erfahren, nachdem die Laboruntersuchungen abgeschlossen sind.

Bei den Aufräumarbeiten der Erdbebenschäden im Isaac Theatre Royal kamen noch weitere interessante Dinge zu Tage. Die Archäologen fanden außerdem Porzellan und Keramik, Metallteile, weitere Tierknochen - wahrscheinlich die Reste von Mahlzeiten - Krüge aus Steinzeug, die Überreste eines Telegrafen sowie einen Schmelztiegel, wie Goldsucher ihn zum Trennen von Metallen benutzten. Überhaupt waren die Archäologen in Christchurch noch nie so beschäftigt wie seit dem großen Erdbeben. Jedes Haus, das wegen zu großer Schäden abgerissen wird, gibt unter seinem Fundament den Blick direkt in die Geschichte der Stadt frei.

Diesen Artikel...
6 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
drhibbert 20.07.2013
spon-facebook-10000266857 21.07.2013
jamguy 21.07.2013
Prokrastes 21.07.2013
nilaterne 21.07.2013
frittenfee 21.07.2013
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Ausgegraben
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

Buchtipp