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Christliche Archäologie: Jäger des verlorenen Heilands

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Sie sind die tragischen Gestalten der Archäologie: Spatenforscher, die auf der Suche nach Jesus-Artefakten das Heilige Land durchwühlen. Für eine Sensationsgeschichte in den Medien sind ihre Funde immer gut - doch übrig bleibt am Ende meist nur Staub.

Der erste christliche Archäologe war - eine Frau. Rund 300 Jahre nach dem Tode Jesu verspürte Flavia Iulia Helena Augusta, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, ein tiefes Bedürfnis, nach handfesten Spuren aus dem Leben des Erlösers zu suchen. Im bereits fortgeschrittenen Alter von wohl 76 Jahren reiste Helena nach Jerusalem und überredete den dortigen Bischof, im Boden des Felsens von Golgatha zu buddeln. Da lag doch tatsächlich ein Holzkreuz, und eine Höhle fanden die Arbeiter auch. Was konnte das anderes sein als das Kreuz Jesu und sein Grab? Helena und ihr Sohn ließen über den Fundstellen die Grabeskirche errichten.

Da die Kaisermutter gerade so schön in Fahrt war, entdeckte sie in Palästina auch gleich noch die sterblichen Überreste der Heiligen Drei Könige. Geboren war die Fachdisziplin der christlichen Archäologie. Und die Kirche erklärte Helena zur Heiligen.

Heutzutage werden christliche Archäologen zwar nicht mehr heilig gesprochen, sind aber immer noch eifrig auf der Suche nach Hinterlassenschaften des Gottessohnes. Keine leichte Aufgabe, denn der Boden des Heiligen Landes ist gespickt mit Artefakten von Generationen ganz gewöhnlicher Menschen. Einfacher als die Spur eines zu Lebzeiten unbeliebten Wanderpredigers zu finden ist es da, nach jenen Zeitgenossen des Heilands zu suchen, die schon damals einen gewissen Bekanntheitsgrad genossen.

Das waren allerdings nicht unbedingt Jesu Freunde. Wie zum Beispiel Herodes, von Rom gestützter Vasallenkönig über Judäa, Galiläa und Samarien. Weil der ein bedeutender Mann war, bekam er auch ein bedeutendes Grab. Und ein solches überdauert nun mal die Jahrhunderte besser als ein unbedeutendes. So fand denn auch im April 2007 der Archäologe Ehud Netzer, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, etwa zwölf Kilometer südlich von Jerusalem eine Grabanlage mit Fragmenten eines gewaltigen Kalksteinsarkophages, die er für das Grab des Herodes hält. Ob der hier tatsächlich ruhte, könnte endgültig zwar nur durch eine Inschrift mit Herodes' Namen geklärt werden, aber es spricht zumindest auch nichts dagegen. Und das ist in der biblischen Archäologie schon ein gewaltiger Erfolg.

Auf weit instabilerem Fundament ruht dagegen die Theorie von Giorgio Filippi. Der vatikanische Archäologe verkündete im Dezember 2006, unter dem Fußboden der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura (Sankt Paul vor den Mauern) den Sarkophag von Paulus entdeckt zu haben. Welch ein Glück! Denn Filippi hatte gar nicht die Erlaubnis, den Fußboden der Kirche aufzustemmen. Er durfte lediglich einzelne Bodenplatten anheben und vorsichtig die obersten Erdschichten durchsieben. Und siehe da, an der Basis des Hauptaltars fand sich eine Marmorplatte mit der Inschrift "Paulo Apostolo Mart". Klartext: dem Apostel und Märtyrer Paulus.

Weit aus dem Fenster gelehnt

Ob der Sarkophag wirklich aus der entsprechenden Zeit stammt, ob er Knochen enthält und ob die dann auch tatsächlich einem Mann gehören, der um das Jahr 60 nach Christus starb - das alles wird die Welt wohl nicht so bald erfahren. Der Vatikan verbot schnellstens jede weitere Untersuchung.

Denn wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, kann leicht herausfallen. Diese böse Erfahrung musste André Lemaire machen, seines Zeichens Experte für antike Inschriften an der ehrenwerten Pariser Sorbonne-Universität. Lemaire hatte im November 2002 in der Zeitschrift "Biblical Archaeology Review" eine Inschrift für echt erklärt, welche die Knochenkiste eines "Jakob, Sohn von Josef, Bruder von Jesus" ziert. Lemaire verkündete gar, er könne die Buchstaben auf das Jahr 63 datieren - ein Jahr, nachdem Jesu Bruder Jakob im Steinhagel des wütenden Mobs gestorben war.

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Bibel-Archäologie: Graben im Namen des Herrn
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