Frauen als WM-Reporter "Ich würde mich an ihrer Stelle nicht verbiegen"

Wenn Claudia Neumann ein WM-Spiel kommentiert, regen sich furchtbar viele Leute auf. Sie mögen ihre Stimme nicht, heißt es dann etwa. Hier erklärt ein Sprachforscher, welche Rolle Sexismus dabei spielt.

Claudia Neumann
WITTERS

Claudia Neumann

Ein Interview von


  • UKL, S. Straube
    Michael Fuchs, geb. 1968, arbeitet als Arzt und erforscht Erkrankungen des Stimmapparats und wie wir unsere Stimmen im Alltag einsetzen. Er ist Professor an der Universität Leipzig.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fuchs, Claudia Neumann ist die erste und bisher einzige Frau im deutschen Fernsehen, die WM-Spiele live kommentiert. Im Jahr 2018 sollte das eigentlich kein Problem sein. Doch in sozialen Netzwerken wütet der Hass. Einige Kritiker behaupten, ihre Stimme sei nervig. Was hat es damit auf sich?

Michael Fuchs: Frau Neumann hat eine scharfe Stimme mit eher hohen Frequenzen. Das allein erklärt aber meiner Meinung nach nicht, warum einige ihre Sprechweise als unangenehm empfinden. Das hängt wohl viel eher damit zusammen, dass ihre Kritiker eine Frau als Kommentatorin eines Fußballspiels generell ablehnen. Außerdem ist eine Frau als Live-Sportkommentatorin noch die Ausnahme, die Zuschauer sind noch kaum daran gewöhnt.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Nachrichtengeschäft gibt es doch viele Moderatorinnen. Über Marietta Slomkas Stimme regt sich beispielsweise niemand auf. Warum dann über die von Frau Neumann?

Fuchs: Nachrichten vorzutragen ist etwas ganz anderes, als ein Spiel zu kommentieren, denn das ist viel emotionaler. Das hören die Zuschauer auch ganz klar in der Stimme. Wenn männliche Kommentatoren schreien, nehmen wir das hin. Die Rufe einer Frau klingen dagegen meist höher und schriller, was einige als nervig empfinden können.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Frau Neumann raten, absichtlich tiefer zu sprechen?

Fuchs: Auf keinen Fall, denn das wäre nicht authentisch und davon leben doch die Live-Kommentare. Die Zuschauer würden den Unterschied sehr schnell spüren. Frau Neumann würde dadurch weniger glaubwürdig, und das ist ja genau das, was ihr einige Kritiker vorwerfen. Ich würde mich an ihrer Stelle nicht für einige Hörererwartungen verbiegen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Frauen mit einer hohen Stimme dieselben Chancen im Job wie Frauen mit einer tiefen Stimme?

Fuchs: Generell bringen wir einer tieferen Stimme mehr Vertrauen entgegen. Deshalb haben Nachrichtensprecherinnen und Talkshowmoderatorinnen eher eine tiefe Tonlage. Ein gutes Beispiel ist Anne Will. Sie erzeugt mit einer Unterspannung der Lippen oft ein Knarzen oder Raunen am Ende des Satzes. Ob sie das mit Absicht macht oder nicht: Eine tiefe Stimme bringt Frauen in männerdominierten Branchen einen Bewertungsvorteil. Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte beispielsweise eigentlich eine eher hohe und schrille Stimme. Sie hat sie absichtlich abgesenkt, wahrscheinlich, um ernst genommen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Stimme von Frauen eigentlich höher?

Fuchs: Wie tief eine Stimme ist, hängt mit der Länge der Stimmlippen zusammen. Im Schnitt messen die Stimmlippen eines Mannes um die 18 Millimeter, bei Frauen sind es dagegen nur zwölf Millimeter. Die Stimmen von Jungen und Mädchen lassen sich nicht unterscheiden. Erst ab der Pubertät sorgt Testosteron bei Jungen dafür, dass ihre Stimmlippen wachsen, ihre Tonlage wird tiefer. Bei Frauen ist das nicht so. Allerdings ist die Stimme von Frauen in den vergangenen Jahren deutlich tiefer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Fuchs: Wir haben in einer repräsentativen Studie die Stimmen von 2500 Leipzigern untersucht und dabei überraschend festgestellt, dass Frauen viel tiefer sprechen als bislang angenommen. Laut der bisherigen Forschungsmeinung sprechen Männer mit einer Stimmfrequenz um die 110 Hertz, bei Frauen sind es um die 220 Hertz. In unserem Test war das aber nur bei sehr jungen Frauen der Fall, Frauen ab etwa vierzig sprachen dagegen mit etwa 165 Hertz. Die Stimmunterschiede haben sich demnach seit den Achtzigerjahren halbiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Fuchs: Wir konnten Faktoren wie beispielsweise Rauchen oder Hormone ausschließen. Wir gehen deshalb davon aus, dass die tiefere Stimme bei Frauen mit der Emanzipation zusammenhängt. Eine hohe Frauenstimme symbolisiert Schutzbedürftigkeit und auch Kinder reagieren eher auf hohe Frequenzen. Das war vielleicht von Vorteil für Frauen vorheriger Generationen. Heute sind Frauen aktiver im Berufsleben. Eine tiefe Stimme kann da nützlich sein, weil sie Durchsetzungskraft und Verlässlichkeit suggeriert.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Männer heute im Gegenzug höher als früher?

Fuchs: Die Stimme von Männern ist konstant geblieben. Erst im hohen Alter sprechen Männer in einer höheren Frequenz, weil das Knorpelgerüst in ihrem Kehlkopf verknöchert.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir die Stimmen von Frauen und Männern eines Tages nicht mehr unterscheiden können?

Fuchs: Wir gehen davon aus, dass die Stimme von Frauen aus anatomischen Gründen nicht noch tiefer werden kann. Mit Emanzipation hat das dann nichts mehr zu tun.

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