Clintons Wissenschaftsberaterin: "Gentechnikgegner richten großen Schaden an"

Nina Fedoroff ist ein Überbleibsel der Bush-Regierung und wird Hillary Clinton in Wissenschaftsfragen beraten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert sie Genpflanzen gegen den Klimawandel und wirft Europa Gentechnikfeindlichkeit vor.

SPIEGEL ONLINE: Frau Fedoroff, warum zählen Sie zu den ganz wenigen Vertretern der Bush-Administration, die ihren Posten mit großer Wahrscheinlichkeit behalten werden?

Nina Fedoroff: Bleibt unter Barack Obama im Amt
State Department

Nina Fedoroff: Bleibt unter Barack Obama im Amt

Fedoroff: Der Posten des Wissenschaftsberaters im US-Außenministerium wurde ganz gezielt als politikferne Stelle geschaffen, weil es um wissenschaftliche Erkenntnisse geht und nicht um parteipolitische Einflussnahme. Ohne Wissenschaft gibt es keine Lösungen für die großen Krisen um Energie, Klimawandel, Wasser und Ernährung. Wissenschaftsdiplomatie, wie ich sie verstehe, bietet der Politik Lösungen an, unabhängig vom Parteibuch des Amtsinhabers.

SPIEGEL ONLINE: Und das sieht die neue Regierung auch so?

Fedoroff: Die Amtszeit des Wissenschaftsberaters beträgt drei Jahre, sie ist so angelegt, dass sie immer über eine Präsidentenwahl hinweg andauert. Ich bin jetzt erst ein Jahr im Amt und freue mich auf den neuen Präsidenten und die neue Außenministerin, Hillary Clinton.

SPIEGEL ONLINE: Auf was freuen Sie sich am meisten?

Fedoroff: Auf den neuen Kurs in der Stammzellpolitik und den beim Klimawandel. Beim Umgang mit dem Klimawandel hatten wir in den USA in den vergangenen Jahren ein ähnliches Problem wie die Europäer im Umgang mit genveränderten Pflanzen: Es ging mehr um Glaubenssätze als um Tatsachen. Obama hat zum Glück schon angekündigt, dass er das Problem der Erderwärmung frontal anpacken wird.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie werden der neuen Regierung raten, zur Vorbereitung auf den Klimawandel auf genveränderte Pflanzen zu setzen?

Fedoroff: Ja, natürlich. Als Pflanzenphysiologin ist es mir ein ganz besonderes Anliegen, vor einem Verzicht auf gentechnische Methoden zu warnen. Die Pflanzensorten, die nötig sind, um neun Milliarden Menschen inmitten erheblicher Klimaveränderungen zu ernähren, werden nicht allein mit klassischen Züchtungsmethoden entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Fedoroff: Schon wegen des Zeitdrucks. Wir brauchen in sehr kurzer Zeit neue Sorten, die gegen neuartige Schädlinge und gegen Trockenheit resistent sind. Die Dürre in Australien muss uns eine Warnung sein. Alle Werkzeuge, die zur Verfügung stehen, um die Erträge zu heben und die Agrar-Öko-Systeme zu schonen, müssen angewandt werden.

SPIEGEL ONLINE: Ja zur Gentechnik - und die Welternährungskrise ist gelöst?

Fedoroff: Wenn es so einfach wäre! Die Ursachen dafür, dass in Afrika im Durchschnitt pro Hektar nur ein Viertel bis ein Drittel der Ernte gewonnen wird wie etwa in Amerika mit seiner Hightech-Landwirtschaft, sind vielfältig. Die westlichen Länder haben in den vergangenen Jahren viel zu wenig in die Agrarforschung der Entwicklungsländer investiert und sie haben Zollbarrieren für Agrarprodukte aufrecht erhalten. Das war unverantwortlich. Wir Amerikaner haben zudem den Riesenfehler gemacht, als Hilfslieferungen einfach US-Überschüsse zu schicken, anstatt die regionale Landwirtschaft vor Ort zu fördern. Es bedarf also mehr als einer gentechnikfreundlichen Politik, damit alle Menschen ausreichend Nahrung haben.

SPIEGEL ONLINE: Umweltschützer warnen, dass der Kurs, den Sie für die Gentechniknutzung vorschlagen, die Welternährung in die Kontrolle weniger Großkonzerne bringt.

Fedoroff: Aber das passiert doch gerade jetzt - wegen der Gentechnikfeindlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Fedoroff: Schauen Sie sich an, was in Europa vor sich geht. Weil die Regierungen der agrarischen Gentechnik eher ablehnend gegenüber stehen, wird die Forschung an den staatlichen Universitäten kaum gefördert. Die hellsten Köpfe in der Pflanzenbiotechnologie wandern in die großen Unternehmen ab, die bestens zahlen. So wird das Know-how privatisiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Gentechnikgegner stärken die Konzerne, gegen die sie kämpfen?

Fedoroff: Ihre Hysterie richtet großen Schaden an. Ich fände es sehr wichtig, dass Regierungen Universitäten und andere öffentlich geförderte Institute in der agrarischen Gentechnik massiv stärken. In Deutschland gibt es zum Beispiel das Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, da wurden in den achtziger Jahren einige der wichtigsten Entdeckungen der Pflanzenbiotechnologie gemacht. Wenn man das kontinuierlich ausgebaut hätte, wäre ein Großteil von Patenten und Know-how ein öffentliches Gut geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Länder, wo das anders läuft?

Fedoroff: Indien ist ein gutes Vorbild, da wird die Forschung sehr gezielt durch den Staat gefördert und auch kommerzialisiert. Noch wichtiger wäre es freilich, die überzogenen Auflagen für die grüne Gentechnik abzuschaffen. Es gibt keine Technologie, die besser auf Risiken untersucht wurde.

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