Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Studie: Clovis-Genom klärt Herkunftsfrage der Indianer

Von

Clovis: Das Volk der feinen Pfeilspitzen Fotos
Sarah L. Anzick

Wer waren die Erstbesiedler Amerikas? Eine Studie beantwortet nun diese Kernfrage einer seit Jahrzehnten geführten Debatte. Forscher haben erstmals das Genom eines Menschen der eiszeitlichen Clovis-Kultur entschlüsselt - und die Vorfahren indigener Amerikaner gefunden.

Wie, wann und auf welchem Weg kam der Mensch nach Amerika? Gab es in prähistorischer Zeit nur eine Einwanderungswelle, oder kamen die Menschen aus verschiedenen Richtungen, zu verschiedenen Zeiten? Und sind Amerikas indigene Völker dann Nachfahren eines oder mehrerer verschiedener Einwanderer-Völker?

Seit sich Genome sequenzieren lassen, sind konkrete Antworten auf solche, seit etlichen Jahrzehnten diskutierte Fragen möglich. Ein internationales Forscherteam veröffentlichte jetzt im Fachmagazin "Nature" eine vergleichende Studie, der die erstmals gelungene Sequenzierung des Genoms eines Menschen der eiszeitlichen Clovis-Kultur zugrunde liegt. Das Kind, dessen Gene analysiert wurden, lebte vor circa 12.600 Jahren im heutigen westlichen Montana.

Die Clovis-Kultur, die sich durch eine markante Waffen- und Werkzeugtechnik auszeichnet, entstand in Nordamerika und geht wahrscheinlich direkt auf die einige Tausend Jahre zuvor eingewanderten Erstbesiedler Amerikas zurück. Darüber, wo diese genau herkamen, gab es Debatten: Klar ist, dass Menschen Amerika aus Sibirien kommend über die Landbrücke Beringia erreichten. Für möglich wurde bisher aber auch gehalten, dass dies eventuell mehrfach geschah, und möglicherweise auch von Westen her aus Europa.

So gingen auch bisher schon die meisten Forscher davon aus, dass die Menschen der Clovis-Kultur Nachfahren asiatischer Einwanderer waren. Eine alternative These aber behauptete, sie könnten auch auf dem Höhepunkt der letzten eiszeitlichen Vergletscherung von Südwesteuropa kommend über den zugefrorenen nördlichen Atlantik gelaufen sein - via Grönland. Als denkbar galt deshalb auch, dass verschiedene indigene Bevölkerungsgruppen Amerikas verschiedener Herkunft sein könnten.

Klare Antwort: Eine Welle aus Sibirien

Die nun veröffentlichte Studie beantwortet diese Fragen eindeutig. Die Forscher suchten im Genom von Vertretern indigener Amerikaner, von Europäern und Asiaten nach bestimmten Markern, die spezifisch für Amerikas indigene Völker sind. Sie verglichen die verwandtschaftliche Nähe aller untersuchten Populationen. Die Ergebnisse fielen eindeutig aus:

  • Alle indigenen Amerikaner sind verwandter miteinander als mit jeder anderen untersuchten Population außerhalb Amerikas.
  • Das Clovis-Genom ist mit allen indigenen Amerikanern verwandter als mit den Vergleichspopulationen außerhalb Amerikas.
  • Das Clovis-Genom ist mit sieben indigenen Populationen im kanadischen und arktischen Bereich ("NA-Populationen") etwas weniger nah verwandt als mit 44 indigenen Populationen, die südlich davon in Nord-, Mittel- und Südamerika siedelten ("SA-Populationen").
  • Das Clovis-Genom ist Populationen aus dem sibirischen Raum deutlich verwandter als aus dem westlichen Europa.

Die Forschergruppe um Morten Rasmussen und Sarah L. Anzick zieht daraus folgende Schlüsse:

  • Alle indigenen Völker Amerikas gehen auf eine Einwanderungswelle zurück. Die Einwanderer erreichten Amerika von Sibirien aus, also wohl über die Beringia.
  • Zu einem Zeitpunkt vor dem Entstehen der Clovis-Kultur kam es zu einer "Diversifikation der NA- und SA-Linien" - die Erstbesiedler-Population spaltete sich also auf.
  • Was es an genetischen Unterschieden zwischen NA- und SA-Populationen gibt, liegt zeitlich vor Clovis. Beide Linien sind aber eng verwandt und direkte Nachfahren der über die Beringia eingewanderten Erstbesiedler Amerikas.

Letzte Ruhe für den Clovis-Jungen

Grundsätzliche Fragen sind damit geklärt, einige aber bleiben offen. Dazu gehört das genaue Verhältnis der NA- und SA-Populationen zueinander sowie die komplexe Besiedlungsgeschichte der nördlichsten Breiten Nordamerikas. Hier seien verschiedene Szenarien denkbar, für deren Klärung es weiterer Sequenzierungen und Untersuchungen bedürfe. Frühere Gen-Untersuchungen hatten die Unterschiede zwischen NA- und SA-Populationen als Zeichen für eine Besiedelung in mehreren Wellen interpretiert.

Das Skelett des Clovis-Jungen, dessen Erbgut sequenziert wurde, ist das bisher einzige, das eindeutig der Clovis-Kultur zugeordnet werden konnte. Es wird von mehreren indigenen Völkern beansprucht, die in den Clovis ihre Vorfahren erkennen und die Wiederbestattung des Jungen verlangen.

Das Forscherteam, dem nun die Sequenzierung gelang, schloss einen Kompromiss mit Vertretern indigener Amerikaner, denen das Clovis-Skelett im Laufe des Frühjahrs übergeben werden soll. Die Wiederbestattung wird in Anwesenheit von Mitgliedern des Forscherteams stattfinden.

Anmerkung der Redaktion: Im Artikel war ursprünglich von "zugefrorener Beringsee" die Rede. Tatsächlich aber erfolgte die Besiedlung Nordamerikas über die Landbrücke Beringia, welche durch den gesunkenen Meeresspiegel während der Eiszeit entstand. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu verzeihen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und dennoch...
ivo2012 12.02.2014
...wie kommt es, dass die Werkzeuge der Clovis von Form und Beschaffenheit fast identisch mit denen aus steinzeitlichen Kulturen Westeuropas sind, aber deutliche Unterschiede zu anderen Kulturen Nordamerikas aufweisen? Hat sich da dann komplett unabhängig voneinander die gleiche Bearbeitungstechnik entwickelt? Quasi in Physik (so wie Pyramiden eine sehr naheliegende grundlegende Bauweise sind) und Evolution (erfolgversprechende bzw. erfolgreiche Modelle entwickeln sich unabhängig voneinander an unterschiedlichen Orten) begründet?
2. Fehler
kabel-ks 12.02.2014
Schon interessant: da wird Weltverschwörern, Klimaleugnern, und z.T. offenen Ausländerfeinden auf den Foren von SPON ein Forum geboten, so man aber einen Redakteur auf eine schlampige Recherche hinweist, wird dies gleich zensiert. Noch mal, die Beringstraße war nicht vereist, sondern zur Zeit der letzten Vereisung eine trockene Landbrücke. Dieses kann man sogar dem Kartenmaterial des von ihnen verlinkten Artikels entnehmen!
3. Die Beringstrasse/Clovis Junge
hswhelmuth 12.02.2014
Es ist nicht wahr, dass die Beringstrasse vopr rund 12000 Jahren zugefroren war, eigentlich war sie eher als offen gefroren zu bezeichnen, denn sie war damals trockenes Land von mehreren 100 km Breite, verursacht durch das Absinken des Meeresspiegels. Somit konnten Menschen und Tiere trockenen Fusses von einem (heutigen) Kontinent zum anderen wandern.
4. nicht überraschend; wenig aussagekräftig
Miere 13.02.2014
Dass amerikanische Ureinwohner Nachfahren der Clovis-Leute sind, ist jetzt nicht direkt überraschend. Die Frage ist doch: Angenommen, in eine Mehrheitsbevölkerung von Clovis-Leuten hätten ein paar wenige im Kajak abgetriebene Robbenjäger aus Frankreich eingeheiratet, oder später an der Westküste Polynesier, oder an der Atlantikküste Westafrikaner, Karthager, Wikinger. Würde man das mit dieser Methode erfassen? Ich schätze nein. Davon unabhängig: Man stelle sich mal vor, die Muslimbrüder in Ägypten würden Tutanchamun aus dem Museum nehmen und islamisch bestatten, oder die katholische Kirche den Ötzi. Gäbe das nicht einen Aufschrei? Und das völlig zu recht.
5. Sibirien oder Amerika?
pendlerch 13.02.2014
Was spricht denn dagegen, dass die Diversifikation der NA- und SA-Linien bereits in Sibirien stattfand und die Nacht und Sa Linien nacheinander einwanderten. Wenn die Clovis Kultur näher mit der Sa Linie verwandt ist, liegt es Hochhaus.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Testen Sie Ihr Wissen!

Gen-Vokabular
Das menschliche Genom
Der Mensch hat in jeder seiner Körperzellen zweimal 23 Chromosomen. Die sind nichts anderes als lange Stränge von Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA. Sie setzt sich unter anderem zusammen aus vier Grundbausteinen, den Nukleinbasen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin (abgekürzt A, C, G und T). In der DNA-Doppelhelix sind die Basen in Paaren angeordnet. Die menschliche DNA besitzt etwa drei Milliarden Basenpaare. Bestimmte Abschnitte von Basenpaaren bilden Gene - die Blaupause für die Proteine. Nach derzeitiger Schätzung hat der Mensch etwa 25.000 Gene.
SNPs
Das Erbgut zweier Menschen ist sich zu 99,9 Prozent ähnlich, alle angeborenen Unterschiede werden von weniger als 0,1 Prozent der DNA bestimmt. Ein großer Teil dieser Variationen sind sogenannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs oder "Snips") - Teilstücke der langen Buchstabensequenz aus A, C, G und T, die sich in genau einem Buchstaben unterscheiden, etwa wie diese beiden: GATCGA - GATGGA. Viele der häufigsten Krankheiten können mit dem Auftreten bestimmter SNPs in Verbindung gebracht werden. Jeder einzelne SNP hat aber unter Umständen nur einen schwachen Effekt.
Haplotyp
Haplotyp nennt man Gegenden auf dem DNA-Strang eines Chromosoms, in denen bestimmte SNPs gehäuft auftreten. Größere Gruppen von Menschen teilen oft den gleichen Haplotyp. Wer an einer bestimmten Stelle ein A und an einer anderen ein C hat, bei dem lässt sich dann vorhersagen, wie alle anderen SNPs in der betreffenden Sequenz aussehen - ohne, dass man jeden Buchstaben einzeln untersuchen muss.
HapMap
Im Oktober 2007 wurde die HapMap (die Haplotyp-Karte) publiziert. Mit großem Aufwand sammelte ein internationales Konsortium von Wissenschaftlern dafür DNA von Menschen aus verschiedenen Weltgegenden. Nahezu alle Haplotypen, die häufiger als bei fünf Prozent der Menschheit vorkommen, sollen auf der HapMap erfasst sein. Das spart bei Genom-Untersuchungen Arbeit: Kennt man einige entscheidende SNPs einer Person, kann man nun auf den Haplotyp in dieser Region der DNA schließen, weiß also automatisch über alle anderen SNPs der Person in diesem Bereich bescheid. Analysen werden einfacher - und billiger. Die HapMap-Daten sind frei verfügbar.
Fotostrecke
Welterkundung: Die letzten weißen Flecken


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: