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Clovis-Kultur: Steinzeit-Amerikaner lebten später als gedacht

Sie sind die ersten Steinzeit-Menschen, die Archäologen allgemein als Amerikaner anerkennen: Die geschickten Clovis-Handwerker. Doch besiedelten sie wirklich als erste Amerika? Neue Datierungen zeigen, dass die Clovis-Kultur wohl nur eine Episode war - später und kürzer als gedacht.

Zivilisatorische Zeiträume und technologische Epochen aus prähistorischer Zeit sind aus Sicht heutiger Menschen schwer zu beurteilen: Leben wir doch in einer Welt, die ohne Halbleiter undenkbar wäre, die es erst seit einem halben Jahrhundert gibt. Autos mit Verbrennungsmotor nutzt der Mensch gerade einmal seit 120 Jahren. Und selbst die ältesten Hochkulturen entstanden erst vor wenigen Tausend Jahren. Und von alldem gibt es jede Menge Spuren.

Wenige Funde hingegen und unsichere Datierung machen die Arbeit von Archäologen so schwierig, die Leben und Technologie in grauer Vorzeit untersuchen wollen - etwa in Amerika. Wie der Doppelkontinent vom Menschen besiedelt wurde, ist besonders schwer zu bestimmen: Liegt doch die wahrscheinlichste Route eiszeitlicher Migranten über die Landbrücke der Beringsstraße heute tief im Wasser. In der Weite Nordamerikas bekommt die Spurensuche einen Nadel-im-Heufhaufen-Charakter.

Auch deshalb waren Wissenschaftler so froh über Clovis. Eine Stadt im US-Bundessstaat New Mexico gab der steinzeitlichen Kultur ihren Namen, nachdem dort 1937 erstmals Speerspitzen gefunden wurden, wie sie in den folgenden Jahren an rund 20 Orten auftauchten. Bis zu 20 Zentimeter waren die scharfen, sorgsam bearbeiteten Steinwerkzeuge lang. Möglicherweise wurden einige von ihnen auch benutzt, um Fleisch zu zerteilen.

Neue Datierung, engerer Zeitraum

Bislang galt ein Zeitraum von vor 13.300 bis vor 12.800 Jahren als die Hochzeit, in der Angehörige der Clovis-Kultur an jenen Orten gelebt haben, an denen Archäologen im 20. Jahrhundert ihre Spuren fanden. Aber einige Datierungen wiesen auf Zeitpunkte hin, die bis zu 13.600 Jahre zurückzuliegen schienen. Keine älteren Spuren menschlicher Besiedlung Amerikas konnten bislang zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Jetzt veröffentlichten Wissenschaftler der Texas A&M University in College Station neue Datierungen einiger Clovis-Funde, die diese Interpretation fragwürdig erscheinen lassen: Bei den bislang 22 per Radiocarbonmethode untersuchten Fundorten, seien in der Hälfte der Fälle die Datierungen fragwürdig, schreibt der Archäologe Michael R. Waters in der Wissenschaftszeitschrift "Science". Etwa weil die Schichten, in denen Speerspitzen gefunden worden seien, möglicherweise mit darunterliegendem, älteren Material verunreinigt worden sei, argumentiert er.

Von den verbleibenden elf Clovis-Fundorten seien in fünf Fällen kürzlich neue und zuverlässigere Datierungen vorgenommen worden. Von den übrigen sechs Stellen datierte Thomas Stafford aus Lafayette in Colorado in Waters Auftrag Proben neu. In "Science" veröffentlichen Waters und Stafford nun einen viel engeren Zeitrahmen: Alle Funde sollen zwischen 12.900 und 13.100 Jahre alt sein.

War Clovis nur eine Episode bei der Besiedlung Amerikas?

Eine steinzeitliche Jägerkultur mit für die Zeit fortgeschrittener Technologie? Die Forschungsarbeit zeige, wie ungewöhnlich das Clovis-Phänomen sei, sagte Michael Bever von der University of Texas in einem Begleitartikel in "Science". Dass diese Kultur binnen nur zwei Jahrhunderten in Nordamerika aufgetreten und wieder verschwunden sei, dafür gebe es in der Archäologie kaum Vergleichsfälle.

Die Frage drängt sich auf: Wenn die neuen Messungen stimmen, wie viel Einfluss kann Clovis dann bei der Besiedlung des riesigen Zwillingskontinents gehabt haben? Autor Waters glaubt, dass seine Befunde den letzten Sargnagel in der sogenannten Clovis-First-Theorie darstellt, nach der Clovis-Menschen die ersten Besiedler Amerikas waren und sich ihre Nachkommen über den ganzen Kontinent ausgebreitet haben.

Der knappe Zeitraum von nur rund 200 Jahren spricht nach Ansicht der Autoren dagegen. Der Archäologe David Meltzer von der Southern Methodist University in Dallas schlägt vor, sich die frühen Besiedler Nordamerikas als ein Mosaik unterschiedlicher Kulturen vorzustellen. Auch Autor Waters sagte: "Wir sollten damit aufhören, uns die Bevölkerung Amerikas als singuläres Ereignis vorzustellen." Vielmehr könnten unterschiedliche Gruppen auf verschiedenen Routen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Neuen Welt angekommen sein. Water glaubt, dass dies schon vor 25.000 bis 15.000 Jahren geschehen sein könnte.

Vor allem gibt die Veröffentlichung aber jenen Forschern Auftrieb, die ältere, von Clovis unabhängige Besiedlungsspuren in Amerika gefunden zu haben glauben. Die Spuren im chilenischen Monte Verde etwa wären ganze 1000 Jahre älter als die neudatierten Clovis-Funde. Im Gegensatz zu den Herstellern der feinen Speerspitzen aber, bei denen Archäologen bloß noch um Nuancen der Datierung streiten, wurden Funde wie jener von Monte Verde bislang nicht zweifelsfrei von der Fachgemeinde akzeptiert.

stx/rtr

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