Codeknacker "Colossus" Wie die Briten Hitlers Generäle abhörten

Beim Funkverkehr mit seinen Generälen nutzte Hitler eine bessere Technik als die legendäre Chiffriermaschine Enigma. Doch auch das Lorenz-System konnten britische Kryptoexperten knacken und so grünes Licht für die Landung in der Normandie geben.

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Colossus beim Entschlüsseln: 63 Millionen Zeichen
Tony Sale

Colossus beim Entschlüsseln: 63 Millionen Zeichen

Die Landung der alliierten Streitkräfte war nicht allein ein Erfolg der britischen, kanadischen und amerikanischen Soldaten, die die Küste der Normandie unter großen Verlusten eroberten. Das Projekt gelang auch deshalb, weil die Alliierten bestens über die Strategie der deutschen Generäle im Bilde waren.

Hitler war einer raffinierten Desinformationskampagne auf den Leim gegangen. Er rechnete damit, dass Briten und Amerikaner bei Calais landen würden und ließ seine schlagkräftige 15. Armee genau dort auf den Feind warten. Dies hatten die alliierten Geheimdienste auch beabsichtigt, als sie eine Geisterarmee erfanden, die aus Panzerattrappen und Holzflugzeugen bestand. Zusätzlich inszenierten sie einen regen Funkverkehr und streuten die Information einer baldigen Landung bei Calais.

Besser als Enigma

Dass Hitler und seine Generäle diese Geschichte glaubten, erfuhren die Alliierten beim Abhören von Funksprüchen der Deutschen. Hohe deutsche Militärs kommunizierten untereinander mit dem so genannten Lorenz-Code. Dieser war dem bereits Ende der dreißiger Jahre geknackten Enigma-Chiffriersystem weit überlegen, das tausendfach von der gesamten Wehrmacht genutzt wurde.

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Codeknacker: Deutsche Generäle abgehört

Doch auch den Lorenz-Code konnten Kryptoexperten entschlüsseln, auch wenn es dazu weit größerer Anstrengungen bedurfte. 1943 entwarfen und bauten der Mathematiker Max Newmann und der Ingenieur Tommy Flowers im Londoner Forschungszentrum der britischen Post einen Giganten aus 1500 Röhren.

Amerikaner abgehängt

"Colossus I" hieß das Ungetüm, das als einer der ersten digitalen Computer der Welt gilt. Die Amerikaner schraubten erst zwei Jahre später ihren ersten Rechner mit dem Namen "Eniac" zusammen (Electronic Numerical Integrator and Computer). Der Deutsche Konrad Zuse hatte bereits 1941 eine programmierbare Rechenmaschine gebaut - allerdings nicht aus Röhren sondern aus Relais.

Colossus arbeitete deutlich schneller als die so genannten "Turing Bomben", mit denen Enigma-Botschaften dechiffriert wurden. Der Röhrencomputer konnte 5000 Zeichen pro Sekunde verarbeiten und erwies sich mit einer Leistung von 4,5 Kilowatt als relativ stromhungrig.

Am 1. Juni 1944, kurz vor der Landung in der Normandie, ging bereits die zweite Generation der Colossus-Codeknacker in Betrieb. Der renommierte Mathematiker Alan Turing hatte sie mitkonstruiert. Insgesamt zehn Exemplare des Computers arbeiteten schließlich gleichzeitig im legendären Bletchley Park, der britischen Abhörzentrale, die heute ein Museum beherbergt.

Entschlüsselte Botschaften gaben Gewissheit

Innerhalb von nur zwei Stunden konnte der Rechner den Lorenz-Code entschlüsseln. Zuvor dauerte dies Wochen. Der auf diese Weise abgehörte Funkverkehr der deutschen Generäle gab den Alliierten die Gewissheit, dass der Gegner keinesfalls mit einem Angriff in der Normandie rechnete.

Nachgebaute Colossus: "Niemand glaubte, dass sie länger als zehn Sekunden laufen würde"
Tony Sale

Nachgebaute Colossus: "Niemand glaubte, dass sie länger als zehn Sekunden laufen würde"

Nach dem Krieg wurden die Colossus-Maschinen verschrottet, auch die Bauunterlagen verschwanden aus Geheimhaltungsgründen in britischen Archiven. Als 1993 der Brite Tony Sale den Code-Knacker fürs Museum wieder aufbauen wollte, musste er sich auf wenige Fotos und Dokumente aus amerikanischen Geheimdienstdossiers stützen, die mittlerweile nicht mehr der Geheimhaltung unterlagen. Erst im Jahr 2000 gab die britische Regierung Turings Dokumentation von "Colossus 2" frei.

"Am wichtigsten war der statistische Angriff auf den Code", sagte Sale gegenüber BBC Online. Die verschlüsselten Botschaften wurden dazu wieder und wieder von Colossus eingelesen. Sie waren auf einen Papierstreifen gestanzt, der als Schleife über den Lesekopf lief.

Im Dauerbetrieb bis Kriegsende

Größte Bedenken hatten Techniker angesichts der vielen eingesetzten Röhren. "Niemand glaubte, dass die Maschine länger als zehn Sekunden laufen würde", berichtet Sale. Damals brannten Röhren etwa in Radios häufig durch. Ursache war das ständige Ein- und Ausschalten, das den Vakuumbauteilen schlecht bekam. Um derartige Ausfälle zu vermeiden, ließen die Techniker im Bletchley Park die Colossus-Codeknacker angeblich ohne Unterbrechung bis zum Ende des Kriegs laufen. Mit Erfolg, denn insgesamt 63 Millionen Zeichen wurden damit entschlüsselt.

Dass dieses Kunststück überhaupt gelang, geht auch auf einen schwerwiegenden Fehler eines deutschen Nachrichtenübermittlers zurück. Am 30. August 1941 sendete ein Techniker einen 4000-Zeichen-Text zwei Mal hintereinander, und zwar exakt mit den gleichen Chiffriereinstellungen an seiner Lorenzmaschine. Dies war eigentlich streng verboten. Einige kleine Fehler bei der zweiten Übertragung, die der Übermittler tatsächlich machte, als er einige Zeichen wegließ, ermöglichten nämlich erstmals eine Entschlüsselung der gesamten Botschaft und lieferten Einblicke in die verwendete Lorenz-Chiffriertechnik.



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