Computergrafik Bachs Gesicht rekonstruiert

Seine Musik fasziniert bis heute - nun ist Johann Sebastian Bachs Gesicht am Computer neu entstanden. Ein Schädelabguss des Komponisten bildete die Basis der Rekonstruktion. Auf ähnliche Art wurden bereits die Antlitze von Tutanchamun und Störtebeker nachgebildet.


Eisenach - Fast 260 Jahre nach seinem Tod ist Johann Sebastian Bach (1685-1750) auferstanden - im Computer. Die schottische Wissenschaftlerin Caroline Wilkinson hat im Auftrag des Bachhauses in Eisenach das Gesicht des Barockmusikers rekonstruiert, der in der Wartburgstadt zur Welt kam. Die Anthropologin hat in einem komplizierten Verfahren auf Basis des Bronzeabgusses von Bachs Schädel zuerst die Muskelstränge, dann die Fettschichten rekonstruiert.

Vom Schädel zum Gesicht: Die Schottin Caroline Wilkinson rekonstruierte das Antlitz des Barockmusikers
DPA

Vom Schädel zum Gesicht: Die Schottin Caroline Wilkinson rekonstruierte das Antlitz des Barockmusikers

Wie der berühmte Musiker gegen Ende seines Lebens aussah, war bisher nur an einem 1746 gemalten Porträt von Elias Gottlob Haußmann abzulesen. Es gilt als das einzige überlieferte Bild, für das Bach selbst Modell gestanden hat.

Die schottische Anthropologin gilt als Spezialistin ihres Fachs. Sie hat bereits dem Pharao Tutanchamun und dem heiligen Nikolaus ein Gesicht gegeben. Nach ihren Angaben liegt die Annäherung an die Wirklichkeit bei etwa 70 Prozent. Ähnliche Gesichtsrekonstruktionen gibt es auch von Dante, Störtebeker und Kopernikus.

Eine Spezialfirma wird nach Wilkinsons Computermodell nun die neue Bach-Büste in eine Form gießen. Sie soll am 21. März, dem Geburtstag Bachs, die Attraktion der neuen Sonderschau "Bach im Spiegel der Medizin" in Eisenach sein. Am kommenden Montag soll das rekonstruierte Antlitz im Institut für Anatomie der Charité in Berlin erstmals öffentlich vorgestellt werden.

Gemälde und Computergrafik: Rechts das rekonstruierte Gesicht, links zum Vergleich das 1746 von Elias Gottlob Haumann gefertigte Gemälde Bachs, das einzige überlieferte, für das der Meister persönlich Modell gesessen haben soll
DPA

Gemälde und Computergrafik: Rechts das rekonstruierte Gesicht, links zum Vergleich das 1746 von Elias Gottlob Haumann gefertigte Gemälde Bachs, das einzige überlieferte, für das der Meister persönlich Modell gesessen haben soll

Nach Angaben des Bachhauses war bereits 1894 nach einer Ausgrabung der Gebeine Bachs auf dem Leipziger Johannisfriedhof versucht worden, anhand der Schädelmaße das Gesicht des Komponisten zu rekonstruieren. Der Leipziger Anatom Wilhelm His und der Bildhauer Carl Ludwig Seffner hätten damals nach ausführlichen Untersuchungen an sächsischen Männerleichen eine Büste geschaffen, nach deren Vorbild schließlich das im Mai 1908 enthüllte Bach-Denkmal vor der Leipziger Thomaskirche entstanden sei. Der von His und Seffner gefertigte bronzene Schädelabguss bildete auch die Basis für die neue Gesichtsrekonstruktion am Computer.

Nicht nur sein Gesicht, sondern auch die Notenhandschrift von Bachs h-Moll-Messe beschäftigt derzeit Wissenschaftler. Sie wollen klären, welcher Teil des Stücks von Bach selbst und welcher von seinem zweitältesten Sohn Carl Philipp Emanuel (1714-1788) geschrieben wurde, wie das Leipziger Bach-Archiv am Donnerstag mitteilte. Probeuntersuchungen im September vergangenen Jahres hätten ergeben, dass die Handschrift mit unterschiedlichen Tintenarten verfasst wurde.

Bekannt ist bisher, dass Bachs Sohn nach dem Tod des Vaters erheblich in das Werk eingegriffen hatte. Mit der jetzt beginnenden Röntgenfluoreszenz-Analyse wollen Wissenschaftler des Bach-Archivs und der Bundesanstalt für Materialforschung weitere Erkenntnisse gewinnen. Ergebnisse der Untersuchungen, die an der Staatsbibliothek zu Berlin vorgenommen werden, soll es im Frühjahr geben.

hda/ddp/dpa



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