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Computersimulation: Iran könnte bis Jahresende genug Uran für Atomwaffe besitzen

Aus Boston berichtet

Neue Computersimulationen europäischer Experten mit alarmierendem Ergebnis: Iran könnte schon in diesem Jahr genügend hochangereichertes Uran für eine Atomwaffe besitzen. Damit würden die Mullahs um Jahre früher zur Atommacht aufsteigen, als westliche Geheimdienste bisher geschätzt haben.

Eine iranische Atombombe? Im vergangenen Dezember schien die Gefahr auf den ersten Blick bereits gebannt, als die US-Geheimdienste erklärten, die Mullahs hätten ihr nukleares Waffenprogramm bereits im Herbst 2003 eingestellt. Darüber hinaus sei es "sehr unwahrscheinlich", dass Iran schon 2009 genügend hoch angereichertes Uran für eine Atomwaffe besitzen könnte, hieß es in dem Papier namens "National Intelligence Estimate". Realistischer sei der Zeitraum von 2010 bis 2015.

Doch beides könnten gefährliche Irrtümer sein. Dass Teheran wirklich keinen Appetit mehr auf Atombomben hat, haben unabhängige Experten unmittelbar nach Erscheinen des Berichts angezweifelt. Auch bei der Zeitspanne droht neues Ungemach: Neue Computersimulationen von Fachleuten der Europäischen Union sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Iran früher als bisher angenommen genügend hoch angereichertes Uran für eine Atomwaffe herstellen könnte.

Im Rahmen seiner Arbeit zur Verbesserung der Nuklearmaterialkontrolle hat das gemeinsame Forschungszentrum der EU-Kommission im italienischen Ispra (JRC) eine detaillierte Computersimulation der Zentrifugen erstellt, die in der iranischen Atomanlage von Natans zur Anreicherung von Uran benutzt werden (siehe Infokasten).

Die Ergebnisse weichen zum Teil deutlich von den Schätzungen der US-Geheimdienste ab. In einem Szenario haben die JRC-Experten eine 100-prozentige Effizienz der Gaszentrifugen in Natans angenommen. In diesem Fall, so das Ergebnis, könnte Iran schon bis Ende dieses Jahres die für einen nuklearen Sprengkörper erforderlichen 25 Kilogramm an hoch angereichertem Uran hergestellt haben. Selbst wenn die Zentrifugen nur 25 Prozent ihrer maximalen Kapazität erreichen, so ein weiteres vom JRC berechnetes Szenario, könnte Iran Ende 2010 das Material für eine Atomwaffe beisammen haben.

Rechnen mit Unbekannten

Das JRC hat die Gaszentrifugen einzeln modelliert und anschließend virtuell zu einer Kaskade hintereinandergeschaltet. Dabei mussten die EU-Experten mit mehreren Unbekannten jonglieren. So gilt es als äußerst unwahrscheinlich, dass die Zentrifugen in Natans auch nur annähernd eine 100-prozentige Effizienz erreichen. Sicher ist nur, dass die Iraner tatsächlich über 18 Kaskaden à 164 Zentrifugen verfügen. Als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im April 2007 von 3000 Zentrifugen sprach, hielten westliche Experten das zunächst für blanke Propaganda. Doch die Internationale Atomenergiebehörde bestätigte die Angaben im November.

Das JRC ist bei seinen Simulationen von 2952 Zentrifugen des alten Typs P-1 ausgegangen, wobei das P für das Herkunftsland Pakistan steht. Iran soll auch über neuere Zentrifugen des Typs IR-2 (IR für Iran) verfügen, die statt aus Aluminium aus Kohlefasern bestehen. Diese Zentrifugen sollen unterschiedlichen Schätzungen zufolge zweieinhalbmal so leistungsstark sein wie das Modell P-1.

Offen ist aber, ob die leichten Kohlefaserzentrifugen ebenso eingesetzt werden können wie ihre Gegenstücke aus Aluminium. Unabhängige Experten bezweifeln, dass Iran die Bauteile und Materialien sogar für die Aluminiumzentrifugen alten Typs auf eigene Faust herstellen kann. Vielmehr sei wahrscheinlich, dass das Land angesichts der straffen internationalen Handelsbeschränkungen noch heute von Pakistans früheren Lieferungen zehrt. Pakistans Regierung hatte im März 2005 zugegeben, dass ihr damaliger oberster Atomwissenschaftler Abdul Qadir Khan illegal Zentrifugen an Iran geliefert hat.

Theoretische Berechnungen

Trotz der Unsicherheiten über die technischen Details der Nuklearanlage in Natans sind sich die Experten in Ispra sicher, dass die Ergebnisse ihrer Simulationen realistisch sind. Allerdings handele es sich um theoretische Berechnungen, betont das JRC. Sie sagen aus, was geschehen könnte - nicht, ob die iranische Regierung wirklich auf dem Weg zur Atombombe ist.

Warum die Ergebnisse der Simulationen so deutlich von den Schätzungen der US-Geheimdienste abweichen, sei "eine gute Frage", sagte ein JRC-Experte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die amerikanische Regierung habe im Dezember 2007 nicht offengelegt, auf welchen technischen Details ihre Daten beruhten.

Zudem kann von einer Entwarnung auch nach dem US-Geheimdienstbericht nicht die Rede sein. Denn der bezog sich lediglich auf die geheime Urananreicherung oder den Bau einer Atombombe - nicht aber auf das angeblich zivile Nuklearprogramm Teherans. Und wie schnell die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung überschritten ist, haben gleich mehrere Staaten vorgemacht: Die Atombomben Israels, Südafrikas, Indiens, Pakistans und Chinas sind allesamt aus zivilen Atomprogrammen hervorgegangen.

Hinweise auf geheimes Waffenprogramm

Eine ganze Reihe von Indizien lässt befürchten, dass Iran nicht nur Gutes im Schilde führt. Erst gestern haben iranische Exiloppositionelle mehrere Satellitenbilder veröffentlicht, die eine iranische Atombombenfabrik zeigen sollen. Im Januar hat der Physiker und US-Regierungsberater Richard Garwin ausgerechnet, dass die Anlage in Natans selbst bei ihrer geplanten Maximalkapazität von 54.000 Zentrifugen nicht genügend niedrig angereichertes Uran für ein Atomkraftwerk herstellen könnte. Die 3000 derzeit installierten Zentrifugen reichten aber sehr wohl aus, um genügend hoch angereichertes Uran für Atombomben zu produzieren.

Auch dass Iran vor zwei Wochen den erfolgreichen Start einer Weltraumrakete gemeldet hat, trägt wenig dazu bei, die Sorgen zu zerstreuen. Denn eine Rakete, die einen Satelliten ins All befördern kann, könnte eines Tages auch mit einem Atomsprengkopf bestückt werden.

Roland Schenkel, Generaldirektor der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission, fordert ein politisches Umdenken. Die Atommächte etwa sollten Sicherheitskontrollen ihrer Nuklearanlagen zulassen und echte Schritte zur atomaren Abrüstung unternehmen, anstatt ihre Arsenale zu modernisieren, sagte Schenkel am Wochenende beim Jahrestreffen des US-Wissenschaftsverbands AAAS in Boston - ohne die USA und Großbritannien direkt zu nennen, die zuletzt große Summen in die Erneuerung ihrer Nuklearstreitkräfte investiert hatten.

Für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) wünscht sich Schenkel mehr Kompetenzen. "Die IAEA braucht ein echtes Waffenkontrollprogramm", sagte Schenkel zu SPIEGEL ONLINE. Bisher beschränke sich das Mandat auf das Kernmaterial und die Nuklearanlagen. Hinzukommen müssten aber auch die restlichen Aspekte eines Atomwaffenprogramms, von der Entwicklung von Sprengstoffen bis hin zu Zündeinrichtungen. "Das Ziel sollte eine echte Nichtverbreitungskontrolle sein", meint Schenkel. "Die Überwachung muss mehr Biss bekommen."

Dass eine stärkere Kontrolle auch Irans dringend notwendig ist, glauben zahlreiche Experten. Daran hat der US-Geheimdienstbericht vom Dezember nur wenig geändert. "Mit großer Gewissheit urteilen wir, dass Teheran im Herbst 2003 sein Programm zur Produktion von Nuklearwaffen gestoppt hat", hieß es in dem Papier. Doch es war nicht dieser erste Satz, der entscheidende Bedeutung hatte - sondern der letzte: "Wir urteilen mit großer Gewissheit, dass Iran die wissenschaftlichen, technischen und industriellen Möglichkeiten zur Herstellung von Atomwaffen hat, wenn es sich dazu entschließt."

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Iran: Wie nahe sind die Mullahs der Bombe?

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

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