Creutzfeldt-Jakob-Krankheit Kannibalismus führt nach Jahrzehnten zum Tod

Menschenfleisch zu essen ist in Papua-Neuguinea seit über 50 Jahren verboten. Trotzdem starben dort danach noch 2700 Menschen an der Kuru-Krankheit, die durch Kannibalismus übertragen wird. Weil diese der menschlichen Variante des Rinderwahnsinns gleicht, warnen englische Forscher vor einer CJK-Epidemie.


Zu der Epidemie-Warnung für Europa kommen die Forscher auf Umwegen, und ihr Untersuchungsgegenstand klingt makaber: Ein Ritual, in dem der Kannibalismus früherer Zeiten fortlebt, kostet in Südostasien noch immer Menschen das Leben - obwohl er seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr praktiziert werden darf.

CJK-Untersuchung: Die menschliche Variante des Rinderwahns wird von Prionen verursacht - ebenso wie die Kuru-Krankheit
REUTERS

CJK-Untersuchung: Die menschliche Variante des Rinderwahns wird von Prionen verursacht - ebenso wie die Kuru-Krankheit

Auf Papua-Neuguinea verzehrten die Menschen des Fore-Stamms rituell das Fleisch ihrer Verstorbenen. Das wurde in den fünfziger Jahren verboten. Trotzdem grassiert dort immer noch die Kuru-Krankheit, obwohl es als wahrscheinlich gilt, dass sich nach 1960 kein Mensch mehr neu mit Kuru angesteckt hat. Zwischen 1957 und 2004 traten noch über 2700 Kuru-Fälle auf, wie John Collinge vom University College London gezählt hat.

Bei einer Untersuchung der Krankheit fand der Wissenschaftler sogar elf Kuru-Fälle, die zwischen Juli 1996 und Juni 2004 aufgetreten waren - allesamt bei Menschen, die noch vor Ende der Kannibalismus-Riten geboren wurden. "Die Mindest-Inkubationszeit reicht von 34 bis 41 Jahren", folgern Collinge und seine Kollegen daher. Eine maximale Zeitspanne von Ansteckung bis Ausbruch der Krankheit von 56 Jahren oder mehr sei wahrscheinlich.

Parallelen zur menschlichen Variante von Rinderwahn

Der Aufsatz, den die britischen Forscher in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten, hat nicht bloß für Menschen Relevanz, die in ihrer Jugend Kannibalismus betrieben haben. Denn Kuru wird durch krankhaft veränderte Prionen verursacht - ebenso wie die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (nvCJK). Diese wird durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch ausgelöst.

Damit blieben auch die Ausmaße von Creutzfeldt-Jakob "ungewiss" und würden wahrscheinlich noch unterschätzt. Der Glaube, dass die Zahl neuer Fälle "einen Höhepunkt überschritten hat und wir das Schlimmste bei dieser erschreckenden Krankheit hinter uns haben, muss nun mit äußerster Skepsis betrachtet werden", schreiben die Forscher. Sie warnen vor einer ungewiss hohen Zahl von nvCJK-Toten in den kommenden Jahrzehnten. Eine regelrechte Epidemie sei denkbar.

In Großbritannien sind bisher 161 Fälle der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aufgetreten, bei der das Gehirn nach und nach wie ein Schwamm durchlöchert wird. Nur fünf der Erkrankten waren Anfang Juni noch am Leben. Weltweit beträgt die Zahl der nvCJK-Opfer 187.

stx/AFP



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